Weltblatt für den
Kreis 1


In eine andere Zeit versetzt

Der letzte Werkstattbesuch galt Oliver Krimmer und seinem Geschäft an der Kirchgasse 21, «Antiquités Edmond Lutz»: vorne Laden, hinten Werkstatt, ein Reich voller Geheimnisse.

Gut zwanzig Personen drängen sich im Laden – der seit 1943 existiert und den der heutige Inhaber 1991 übernommen hat – zwischen den antiken Möbeln. Der Herr in Schale ist der Antikschreiner Oliver Krimmer, gelernter Möbelschreiner, den man sonst in Arbeitskleidung kennt: «Unser tägliches Brot sind einfachere Alltagsarbeiten. Doch hin und wieder gibt es Glanzlichter, wo Herzblut dran hängt», erklärt er, und widmet sich sogleich einem solchen Objekt, einer Türe.

Verkehrte Welt
Eine alte Türe, die an der Augustinergasse 25 herausgetragen worden war und in der bereit stehenden Abfallmulde gelandet wäre, um ein Haar. Über einen Umweg gelangte sie zu Oliver Krimmer. Das Holz sei wohl noch zu gebrauchen, meinte der Überbringer, doch ansonsten sei da wenig historisch Interessantes, ein Recyclingstück wohl, was die falsch montierten Beschläge zeigten. Um es kurz zu machen: Krimmer wollte das Schloss abmontieren und korrekt anbringen, doch es ging nicht. Nur verkehrt herum befestigt funktionierte das Schloss. Auch anderes war verkehrt angebracht, Symbole standen auf dem Kopf.
Krimmer recherchierte und fand heraus: Die Türe datiert von ca. 1680 und war als Symbol für eine verkehrte Welt zu verstehen. Die damalige Hauseigentümerfamilie Orell lag nämlich im Streit mit der Obrigkeit, weil sie Abfall unbotmässig deponiert hatte… Krimmers Augen leuchten.

Skalpell und Röntgenbild
Bei einem alten Möbelstück ist oft unter einer Lack- oder Farbschicht etwas verborgen, das Hinweise zur Geschichte des Objekts gibt. Unser Fachmann zeigt das an einer Schatulle, die er an einer Auktion für einen günstigen Preis erstanden hat. Unter der blauen Farbe, mit dem Skalpell vorsichtig angekratzt, kam ein Rosenmotiv zum Vorschein, was die Datierung erleichterte; etwa um 1400 muss die Schatulle geschreinert worden sein, was sie um einiges wertvoller macht als die spontane Einschätzung. Erste Hinweise auf das Motiv bekam der Detektiv auf unkonventionelle Weise: bei einem Routineuntersuch beim Arzt steckte er diesen mit seiner Begeisterung an, und die Schatulle wurde wie ein ganz normaler Patient geröntgt. Das Röntgenbild mit den Rosen hat die Krankenkasse übrigens nicht belastet.
Ein weiteres Bijou ist das «Zaren-Kommödli» – wir sind längst in die hinter dem Laden liegende Werkstatt weiter gezogen – von Ende 18. Jahrhundert, das auch seine Geschichte hat und von Paris nach St. Petersburg gelangte und von da als Geschenk an eine Bedienstete, ein Kindermädchen, die es in die Schweiz brachte: eine Poudreuse mit Schublädchen, Töpfchen und Spiegeln, die uns der Meister auch im Schein von ultraviolettem Licht zeigt. Die Zeit verfliegt im Nu. Hier spricht einer mit Enthusiasmus über sein Metier, und man glaubt ihm seine Begeisterung aufs Wort.
Da zieht er sich kurz zurück, um in Arbeitskleidung wiederzukehren. Zusammen mit dem früheren Wandergesellen Stephan Voigt, der drei Jahre und einen Tag nicht heim durfte und seine Wanderjahre inzwischen absolviert hat und heute als regulärer Angestellter bei Krimmer arbeitet, wird erst mal der Raum mit flackernden Lichtquellen ausgestattet, mit Talklampen, wie sie im Mittelalter gebräuchlich waren. Und er veranstaltet ein kleines Wettsägen mit Voigt, nicht ohne zuvor in mittelalterlichem Deutsch das Publikum in Stimmung gebracht zu haben.

Ein regelrechtes Gelage
Um den spannenden Werkstattbesuch abzurunden, offeriert Krimmer zusammen mit seiner Frau Monika, die ihrem Gatten auch sonst eine unerlässliche Stütze ist, ohne die er den Laden mit Handwerksbetrieb gar nicht führen könnte, einen Apéro. Nein, falsch, ganz falsch: ein mittelalterliches Gelage. Brot, Fleisch, Käse und Wein werden aufgetragen und serviert an der langen Tafel, wo alle Gäste Platz finden. Monika Krimmer greift zur «Feenharfe», zur Zither, um das Ganze perfekt abzurunden.
Und so sitzt man noch lange und lässt sichs wohl sein. Und fachsimpelt über das Gesehene und Gehörte. Über die «Schreiner-Bibel» von 1774, die noch heute als wichtiges Arbeitsinstrument dient und die alten Techniken mit vielen Abbildungen veranschaulicht. Über den fünfzigjährigen Leimofen, der in der Werkstatt steht, nebenbei als Heizung dient und hauptsächlich das schonende, langsame Leimen ermöglicht, dank dem im Wasserschiff aufgeheizten Hautleim, auf dessen Ofenplatte auch die zu verbindenden Holzstücke angewärmt werden. Über die Werkzeuge und die Einrichtung, wie das alte Buffet mit den hundert Schubladen, das an eine Apotheke erinnert. – Irgendwie eine Atmosphäre wie bei einem mittelalterlichen Alchemisten. Der zwar nicht graue Materie in Gold verwandeln, aber Augen zum Leuchten bringen kann.

Der nächste Werkstattbesuch findet bei Elisabeth Häusler, Couture, Schneiderei, an der Rollengasse 4 statt (bei Blumen Schipfe das Gässlein hoch), und zwar am Donnerstag, 22. September, um 18 Uhr.

Elmar Melliger


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