Weltblatt für den
Kreis 1


Ein hartes, aber ein schönes Brot

Das Mittelalter meldet sich zurück: Seit diesem Sommer hat Zürich einen fahrenden Minnesänger. Der Altstadt Kurier hat an einer seiner Führungen teilgenommen.

Dass am Sonntagnachmittag in den Gassen Zürichs jemand Gitarre spielt und dazu singt, ist nichts Ungewöhnliches. Kaum ein Passant hört mehr hin. Wenn aber jemand mit sonorer Stimme Lieder singt, die aus einer fernen Zeit stammen, schon eher. Dann hebt der Passant den Kopf und hält inne, um zu sehen, woher die fremden Klänge kommen – und sieht einen Sänger in seltsamem Gewand, der mit silbernen Fingerkuppen so kräftig in die Gitarrensaiten greift, dass die Feder auf dem Filzhut wippt und sich die Balken in der «Öpfelchammer» biegen. Die Kinder bleiben stehen und bestaunen den Mann in rotem Wams und blauer Hos, und die Spaziergänger schmunzeln amüsiert – es ist der Minnesänger Manfred Hargens, mitten in seiner musikalischen Altstadtführung.

Hadlaub und Gessner
Eine musikalische Altstadtführung mit Manfred Hargens ist ein Erlebnis. Er pickt sich Elemente der klassischen Stadtführung heraus und verknüpft sie mit Tanz-, Trink- und Brunnenliedern aus alter Zeit, die einen assoziativen oder thematischen Bezug zu seinen Berichten haben. Manche Lieder hat er selbst vertont. Seine Altstadtführung erklärt die attraktive Lage Zürichs, führt zu den bekannten Sehenswürdigkeiten und erzählt von Personen wie Karl der Grosse, Johannes Hadlaub und Salomon Gessner, die im politischen oder kulturellen Leben Zürichs eine Rolle spielten.

Hochzeitsreise per Anhalter
Auch für Manfred Hargens selbst ist seine Arbeit ein Erlebnis. «Ich lerne viele neue Leute kennen», sagt er, «und manche sind so begeistert, dass sie mich vom Fleck weg für ihre Hochzeit buchen wollen. Andere aber genieren sich ein bisschen.» Denn wenn man von einem Minnesänger durch die Stadt geführt wird, fällt man natürlich sofort auf.
Mit seinen Altstadtführungen kann er auch seine Liebe zu Zürich auffrischen. 1972 entdeckte der Deutsche Manfred Hargens die Stadt an der Limmat auf seiner Hochzeitsreise, die er mit seiner Frau per Anhalter durch die Schweiz unternahm. Seither ist er immer wieder gerne in Zürich, hier hat er auch viele Freunde.

Strassenkünstler seit 1981
Es ist das erste Jahr, dass Hargens in Zürich regelmässig Altstadtführungen anbietet. Seit bald fünfundzwanzig Jahren unterhält er die Leute an Jubiläumsfeiern, Hochzeiten, Mittelalterfestivals und Schlossfesten – und als Strassenkünstler. Dazu hat er verschiedene Kostüme – auch ein Narrenkostüm, das ihm seine Frau geschneidert hat. «Alle meine Kostüme hat mir meine Frau gemacht. Sie ist mir die grösste Stütze überhaupt. Ohne sie könnte ich das alles gar nicht machen.»

Sänger aus Passion
«Früher konnte ich mit meiner Arbeit noch meine Familie ernähren, heute geht das nicht mehr.» 1981 hat Hargens mit der Strassenmusik begonnen, damals konnte man auf der Strasse noch Geld verdienen. «Ein hartes Brot, dafür ein schönes und ehrliches», kommentiert der gelernte Goldschmied seine Erwerbslage. «Schön, weil ich aus Passion Sänger bin. Ich singe aus Liebe zu Text und Musik.» Heute gebe es so viele Minnesänger, deren Engagement oft nur halbherzig sei, er aber singe und musiziere aus vollem Herzen und fühle sich deshalb als richtiger Minnesänger.

Gerne auch Puppenspieler
Für seine musikalischen Streifzüge durch die Zürcher Altstadt ist er gut gerüstet. Seine Kleidung ist wetterfest, schliesslich finden seine Führungen bei jeder Witterung statt. Den Gitarrenkoffer verstaut er samt Kleiderkoffer
auf seinem Stosswagen, den er selbst geschmiedet hat. Auch seine selbst geschnitzte Marionette und die beiden Tierfiguren, zwei handgrosse Glücksschweine, hat er stets dabei. Er wäre auch gerne Puppenspieler geworden, sinniert er und klemmt eine Tierfigur unter die Marionette: «Sieh nur, ‹der Ritt auf dem Schwein ins Elysium›.» Er legt die Schweine zurück in ihre Schachtel, die mit Stroh ausgelegt ist. «So, jetzt ist aber Feierabend!» Sprichts, setzt sich seinen Schlapphut auf, packt seine Siebensachen und zuckelt mit dem Stosswagen davon, heim zu seiner Frau nach Konstanz. Die Richtung heisst Elysium.

Die Führungen mit Manfred Hargens finden jeweils am ersten Sonntag des Monats statt. Sie dauern von 15
bis 17 Uhr und kosten 30 Franken pro Person.
Treffpunkt ist der Brunnen vor dem Hotel Storchen
am Weinplatz. Auskünfte unter Tel. 0049 753 12 57 06.

Nadia Ghidoli

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