Weltblatt für den
Kreis 1


Kulinarium
Zu Besuch im Restaurant «Oberdorf»

Einst schnatterten beim Tor zum Oberdorf Gänse, flatterten Hühner und grunzten Schweine...

... Heute lässt man sich im Restaurant «Oberdorf» an hübsch gedeckten Tischen mit grossen Stoffservietten nieder und beugt sich zu frischen Teigwaren mit Trüffeln.

Die Häuser an der Ecke zum Oberdorf sehen nur aus, als ob sie alt wären: Vor zwanzig Jahren standen allein noch drei von vier Fassaden, die Häuser an der Oberdorfstrasse. Die Front blieb erhalten, die Farbe – denkmalgeschütztes Grau – ebenso. Die Post, die damals noch PTT hiess, baute 1984 ihre neue Filiale ein – und wird sie bald wieder verlassen.
Viel länger ist es her, da hiess das Haus an der Oberdorfstrasse 2 «St. Jörgen». So ist es im Steuerrodel von 1469 erwähnt (die erste Nachricht über dieses Haus stammt aus dem Jahr 1357). Im 18. Jahrhundert nannte man es «Haus zum Glotz». Glotz, das war damals der Name des Zollhauses, das an den Turm des Oberdorftors angebaut worden war.
Normalerweise lebten Bäcker dort, der erste hiess Schönenberger, der zweite Schinz, der dritte Gysler, der vierte Bertschinger, der fünfte Meyer, der sechste Kolb, der siebte Gross, der achte Knöpfel und der neunte Petrig. Petrigs Erben verkauften am 2. August 1968 vier Fünftel
der Liegenschaft der PTT. Doch genug der Geschichte. Nein, halt. Der fünfte Bäcker, Jakob Meyer (1821 bis 1867), wird auch als Weinschenk aufgeführt. Möglich, dass unter ihm das Restaurant «Oberdorf» entstand.

Den besten Lachs
Herr Keck und ich traten durch den Haupteingang ein, der befindet sich zum Waldmannwiesli hin, und wurden von Martin Pizzuto empfangen, einem freundlichen Herrn mit seltener Nationalität: Er kommt aus Malta. Wir setzten uns zu Tisch. Unter uns schwarze Lederpolster, vor uns rote Rosen und zwei Gläser voller Südtiroler Grauburgunder von Elena Walch (dl Fr. 6.50). Herr Pizzuto erklärte die drei Mittagsmenüs. Einmal Pasta (Fr. 17.–), einmal Fleisch (Fr. 25.–), einmal Fisch vom Grill mit Gemüse (Fr. 32.–). Und immer ein kleiner Salat davor. Herr Keck nickte zustimmend und lobte die kundenfreundlichen Preise, die Gäste um die Plätze kämpfen lassen. Über Mittag.
Doch wir waren am Abend da und konnten uns den Tisch aussuchen. Martin Pizzuto empfahl uns frischen Lachs aus Alaska. Ein Freund des Pächters und Küchenchefs Nik Flückiger fische und räuchere selber und bringe die Köstlichkeit auch selber in die Schweiz. Ich folgte seiner Empfehlung und wurde nicht enttäuscht. Der Lachs (Fr. 23.– die halbe Portion mit einer Sauce aus frischem Meerrettich) war der beste Lachs, den ich je gegessen habe. Tief orange und praktisch ohne Fett (was, wie bei den Menschen, auf viel Bewegung schliessen lässt). Herr Keck lobte derweil seine Kürbiscrèmesuppe (Fr. 9.50): «Es versuchen viele, eine Kürbissuppe zu kochen, aber die ist nie so gut wie diese hier.»

Russische Kultur
Inzwischen hatte sich die Besitzerin des «Oberdörfli», Arina Kowner, zu uns gesellt, sie kam aus Bern und hatte es mit dem Magen und trank einen Kamillentee (Fr. 3.80), während ich die frische Pasta mit weissem Trüffel (Fr. 34.–) bis auf die letzte Nudel genoss. Die Trüffel schaffe
ein Freund des Kochs aus Napoli herbei, erzählte man uns.
Herr Keck liess zum ersten Mal seit
unseren gemeinsamen Essen einen Gang aus. Er habe, sagte er, einen langen Zmittag hinter sich. Arina Kowner erzählte, sie organisiere im Haus an der Oberdorfstrasse Konzerte und Lesungen von russischen Kulturschaffenden. Am
4. Dezember etwa stellt der Übersetzer Peter Urban seinen neu bearbeiteten Text «Moskau – Petuski» von Venedikt Erofeev vor, nicht nur für Kenner der russischen Literaturszene ein Leckerbissen.

«Ich koche fürs Leben gern»
Inzwischen waren wir beim Hauptgang, für mich geschnetzelte Leber und Risotto (Fr. 35.–). Martin Pizzuto fragte, ob ich die Leber saignant oder durchgebraten wünsche. Sie kam saginant, wie gewünscht: kross, aber innen saftig; der Risotto war ebenfalls genau richtig im Biss: leicht körnig, aber nicht hart, und schmeckte ausgezeichnet. Herr Keck sah sich schon in der russischen Taiga Kasatschok tanzen und bestellte ein «Boeuf Stroganoff». «Das Fleisch war perfekt, die Sauce ein Gedicht», sagte er.
Ob der purpurne Barbera (dl Fr. 7.–) schuld war oder nicht, lässt sich nicht mehr feststellen, jedenfalls landeten wir beim Thema, dass Büstenhalter früher
aus neununddreissig Teilen bestanden, eine erstaunliche Anzahl, die uns fröhlich kichern liess. Nik Flückiger, der kräftige Küchenchef und Fussballer, kam zu Tisch und erzählte uns, er sei zwar Emmenthaler, aber im Glarnerland aufgewachsen und habe früher im «Falken» in Küsnacht gekocht. Seit sechs Jahren steht er im «Oberdorf» am Herd. «Ich koche für mein Leben gern», sagte er, und man glaubt ihm das. Er koche manchmal auch für Maria Binder vom Blumengeschäft an der Oberdorfstrasse – und ab und zu falle sogar für ihren Papagei ein Häppchen ab. Im Gegenzug gebe ihm Maria Binder Rosen, die sich nicht mehr verkaufen liessen. – Gerne hätten wir noch zum Dessert gegriffen, aber da war im Bauch kein Platz mehr frei. Wir verabschiedeten uns, und auf dem Heimweg Richtung Prediger sagte Herr Keck: «Es isch nöd guet gsi, es isch sehr guet gsi!»

Restaurant «Oberdorf», Oberdorfstrasse 2, 8001 Zürich, Tel. 044 251 33 55, www.oberdorf.net. Offen Montag bis Freitag 11 bis 14.30 und 18 bis 24 Uhr; Samstag auf Anfrage für Anlässe geöffnet.
Okno, Fenster zur russischen Kultur: Arina Kowner Kultur-Atelier, Tel. 044 253 18 65, akka@kulturatelier.com.

René Ammann


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