Vom Balkan in die Altstadt

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Unser Gastschreiber Kemal Sadulov ist als junger Mann in die Schweiz gekommen, wo sich seine Eltern bereits niedergelassen hatten. Heute lebt er mit seiner Familie in der Altstadt.

Die ersten Erinnerungen an Zürich und seine Altstadt habe ich als Primarschüler aus meinen langen Schulsommerferien in den 1970er-Jahren, die ich bei meinen Eltern in der Schweiz verbrachte. Sie wohnten im Limmattal in Unterengstringen, aber zum Arbeiten, Einkaufen und Flanieren fuhren sie nach Zürich.
Die Geschichte meiner Familie in der Schweiz beginnt schon in den 1960er-Jahren. Damals erlebte die Schweiz durch den Wirtschaftsboom, dass in Landwirtschaftsbetrieben die Menschen fehlten, um die Arbeit zu erledigen.

In der Schweiz niedergelassen
Und so wurde mein Vater in Mazedonien, damals Teilrepublik von Jugoslawien, als Saisonnier für die Arbeit auf einem Bauernhof in der Innerschweiz rekrutiert. Wenige Jahre später folgte ihm meine Mutter auf den gleichen Bauernhof nach und arbeitete dort mit. Dieser Status als Saisonnier war eine familienfeindliche Form der schweizerischen Migrationspolitik, die bis zu zehn Jahre und manchmal mehr die Zusammenführung von Familien verhinderte.
Ich blieb mit meinen Geschwistern in Mazedonien bei der Grossmutter und ging dort zur Schule. Als meine Eltern dann den Status als Jahresaufenthalter bekamen, besuchte ich sie als Primarschüler während der langen Sommerferien in der Schweiz. Es folgten viele Sommerferien mit Ferienjobs – auch in meiner Zeit als Gymischüler und Student. So reiste ich zwischen Mazedonien und der Schweiz hin und her, bis ich mich im Jahr 1985 definitiv dazu entschloss, mich in der Schweiz niederzulassen. Dieser Entscheid war wie ein Neubeginn. Zuerst legte ich den Fokus darauf, noch besser Deutsch zu lernen und die Arbeitswelten zu erkunden. Ich habe verschiedene Chancen ergriffen und konnte in verschiedenen Branchen wie Gastronomie, Verkauf und Werkstätten Erfahrungen sammeln und habe in der Freizeit fleissig Deutsch gelernt. Die meisten Arbeitsstellen waren in Zürich und auch in der Freizeit war ich hier sehr oft unterwegs.

Ausbildung absolviert
In der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre begann ich mit einer Tätigkeit im Sozialbereich und nahm ein berufsbegleitendes Studium als Sozialpädagoge auf, das ich im Jahr 2002 in Zürich abschloss. Kurz darauf habe ich in und für die Stadt Zürich mit der Arbeit als Sozialpädagoge begonnen und dort bin ich immer noch tätig.
In der Freizeit spielte ich Gitarre mit meiner Band und wir gaben auch Konzerte in Zürich. In dieser Zeit lernte ich durch die Balkan- und Roma-Musik einige Einwohner und Einwohnerinnen der Altstadt kennen. Etwas später lernte ich hier auch meine Lebenspartnerin kennen.
Im Herbst 2005 zügelte ich in die alten Gemäuer der Zürcher Altstadt, wo ich mit meiner Partnerin wohnte. Im darauffolgenden Jahr kam noch ein Altstadtbewohner dazu, unser Sohn kam zur Welt.
Ich mag die engen Gassen mit den Jahrhunderte alten Häusern, die uns die Geschichte der Altstadt, des Dörfli, erzählen. Ausserdem schätze ich das breite Angebot an kulturellen Veranstaltungen sehr und habe öfters die Qual der Wahl, wenn ich mich für eine von mehreren spannenden Veranstaltungen entscheiden muss. Ich geniesse den Luxus, ganz vieles in Gehdistanz zu erreichen. Die Limmat und der Zürichsee, beides wunderbare Oasen, oder die Wälder, die ebenfalls in fünfzehn Gehminuten aus der Altstadt zu Fuss erreichbar sind, tragen viel meinem guten Lebensgefühl bei.

Quartierleben
Eine Stadt lebt von ihren Bewohnerinnen und Bewohnern. So ist es auch in der Zürcher Altstadt. Das Wohnen in der Altstadt ist viel lebenswerter und angenehmer mit gemeinsamen Aktivitäten wie zum Beispiel mit dem Grillieren auf der Urania-Wiese. Als Altstadtbewohner sind mir die Geselligkeit und die Begegnungen im Rahmen verschiedener Anlässe links und rechts der Limmat ein Anliegen. Darum biete ich hier, wenn immer es die Situation erlaubt, meine helfende Hand an und unterstütze diese Anlässe.
Die Pandemie hat uns in den letzten zwei Jahren darin eingeschränkt. Aber sobald die Temperaturen steigen und es die Menschen wieder nach draussen zieht, tritt die Pandemie in den Hintergrund und die Grillabende auf der Urania-Wiese werden hoffentlich wieder zum festen sommerlichen Treffpunkt für die Altstadtbewohner und Altstadtbewohnerinnen. – Dann teilen wir uns die Wiese wieder mit vielen Menschen, die von ausserhalb des Quartiers kommen und sich hier auf der Parkwiese treffen. Einige von ihnen bleiben sehr lange, weitere kommen später neu hinzu und bleiben über Nacht. Und es füllen sich die Plätze und Plätzchen im Quartier, weiter oben auf dem Lindenhof, auf der Gemüsebrücke. Dabei vergessen leider manche, dass sie sich auch in einem Wohnquartier befinden.
Und auch auf der anderen Seite der Limmat steigt auf vielen Plätzen und Plätzchen der Altstadt der Lärm von Stunde zu Stunde – und da beginne ich mir manchmal einen erfrischenden Regen zu wünschen, dessen Plätschern die Luft ausfüllt und ein Echoraum der Regentropfen wird.

Kemal Sadulov

 

Unser Gastschreiber
Kemal Sadulov (1964) ist in Nordmazedonien aufgewachsen. Seine Eltern kamen in den 1960er-Jahren als Saisonniers in die Schweiz, wo sie sich niederliessen. Er lebte bei der Grossmutter, war jeweils in den Sommerferien zu Besuch bei den Eltern. Nach dem Gymnasium studierte er in Skopje vier Semester Soziologie. 1985 kam er in die Schweiz, wo er Deutsch lernte und diverse Jobs annahm. Es folgte die dreijährige berufsbegleitende Ausbildung zum Sozialpädagogen bei der Agogis, bis 2001. Seither arbeitet er als Hortleiter in Zürich.
2006 zog er in die Altstadt, wo er mit seiner Partnerin und seinem Sohn lebt. – Er interessiert sich für die Sprache, Musik und Geschichte der Roma.

Foto: EM