Vom Limmatquai aufgestiegen

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Rosa kommt aus Süditalien und ist eine leidenschaftliche Köchin. Aber was für ein Gemüse Bocuci sein könnte? Sie schüttelt ratlos den Kopf. Hingegen weiss es Giovanni Pecoraro, wie aus der Pistole geschossen: «Bottega und cucina, come no?» Er ist der Capo des neuen Lokals an der Leonhardstrasse 1, früher wirtete er im «Rüden» am Limmatquai.

Zürichs jüngster Klasse-Italiener heisst «Bocuci». Das Lokal liegt im Trend und überaus passend im Schatten der 1894 nach altgläubig italienischem Basilika-Vorbild erbauten römisch-katholischen Liebfrauenkirche. Das Haus Leonhardstrasse 1 war früher ein Wohnhaus. Da es sich im Hochschulquartier befindet – die ETH gibt es seit 1855 – rechnete man mit Gastprofessoren und gut situierten Studenten als Bewohner. Das bewog anfangs der 1930er-Jahre den Unternehmer Jacob Schmidheiny II mit seiner Tegula AG (die Holding der ehemaligen Zürcher Ziegeleien), es zu kaufen und im Hinblick auf die Landi 1939 in ein Hotel umzuwandeln, das «Leoneck» hiess.
1996 stieg der passionierte Gastronom Fred Tschanz (1929-2012) ins Hotelgewerbe ein. Er führte das bald legendäre «Odeon» am Bellevue, ein «Wiener Kaffeehaus mit eigener Konditorei und einer Billard-Akademie», von dem der (Wiener) Stammgast Alfred Polgar sagte: «Im Kaffeehaus sitzen Leute, die allein sein wollen, dafür aber Gesellschaft brauchen.» Im «Odeon» wurde übrigens für Zürich das Cüpli erfunden, der glasweise servierte Prosecco! – Fred Tschanz also kaufte 1996 das Drei-Sterne-Hotel «Leoneck», bekannt für sein Ethno-Design und seine typische Schweizer Küche. Es wird heute als «Alpine Rooms by Leoneck» geführt. Die Tschanz-Unternehmen führt seit zehn Jahren Stefanie Portmann, seine Enkelin.

Tolle Sicilianità
Das hauseigene Restaurant hiess geraume Zeit «Crazy Cow». Neu haben das Lokal Tami und Giovanni Pecoraro (vorher «Rüden») und Monika und Salvatore Barranca gepachtet, erst einmal für vier Jahre und mit leidenschaftlicher Sicilianità. Es ist unkompliziert elegant eingerichtet, die denkmalähnliche Berkel-Aufschnittmaschine nicht raumfüllend, die Gläser erste Wahl, die Tische für circa 60 Personen weiss aufgedeckt. Der Garten wird im Mai wieder funktionieren.
Die Küche ist offen, also einsehbar. Da werkt ein eingespieltes Trio. Der Tessiner Joel Schaffter hat wie der Capo im Zunfthaus zum Rüden gearbeitet, Gennaro Pugliese war im «Da Angela» in Altstetten tätig und Marco Tridici im «Hönggerhof».
Ein passender Start ist ein Glas süffiger Franciacorta, ein italienischer Champagner. Köstlich das Rinds-Tatar (26/32 Franken). Fein auch die Zuppa mit Hummer und Orange (22/29). Ein vegetarisches Highlight kombiniert Blumenkohl, Linsen, Parmesan, Haselnüsse und Granatapfel (38). Das Lamm begleiten Kartoffeln und Karotten (44), das Rindsfilet Pastinakenpurée und Spinat (54), mit Foie gras (64), den mit Safran gewürzten Branzino (Wolfsbarsch) Linsen und Cime di Rapa (46). Ein Viergang-Degustationsmenu kostet 98, mit passender und von Sommelier Salvatore Barranca kundig ausgelesener Weinbegleitung 137 Franken.

Exquisite Weine
Im «Bocuci» ist Sizilien erste Wahl. Schliesslich kommen Giovanni Pecoraro und Salvatore Barranca (früher beim Frischeparadies Altstetten) beide aus Palermo, sind sogar im gleichen Quartier aufgewachsen. Was sie freilich damals nicht wussten, kennengelernt haben sie sich erst in Zürich. Bei der Weinauswahl spielen Grenzen aber keine Rolle. Man kann allerhand entdecken.  Zum Beispiel den Tre Talenti bianco von Tamborini, Mathier und Bärtsch (61), oder den Passion Chardonnay Malans, 2017, von der Domaine Donatsch (110). Gut vertreten sind Tessiner Provenienzen, Burgunder und natürlich Italiener, aus dem Trentino (San Leonardo 2014, 115), dem Veneto (Amarone Marne, 2018, 90; Monte Olmi 2015, 120), dem Piemont, Friaul, Umbrien, Sardinien – und natürlich Sizilien. Die Preise sind nicht überrissen – prost!
Ein Schaustück im «Bocuci» ist übrigens die klassisch italienische Vespa von Giovanni Pecoraro, sie parkt bescheiden neben dem reich bestückten Delikatessenregal. Er könnte sich jederzeit draufsetzen und ungebremst losfahren – die Vespa ist ordentlich eingelöst.
Das «Bocuci» ist auf Anhieb in die Top-Liga der Zürcher Edel-Italiener aufgerückt und zum Stadtgespräch unter den lukullisch Verfressenen geworden. Das Lokal ist seit Wochen jeden Abend ausverkauft. Unser Testbesuch hat gezeigt, warum.

Esther Scheidegger

 

Restaurant «Bocuci», Leonhardstrasse 1, Tel. 044 261 40 55, bocuci.ch. Sonntag und Montag geschlossen, Dienstag und Freitag 11 bis 15 und 18 bis 24, Samstag 17 bis 24 Uhr.