Lebensraum für Kreative

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Unser Gastschreiber Raffael Ullmann, über seine Partnerin in Künstlerkreise gekommen, schreibt über (bereits verstorbene) Künstlerinnen und Künstler, über Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die im Kreis 1 gelebt und gearbeitet haben.

Kunst war in meiner Jugend nur ein Thema, wenn ich mit meinem Vater das Kunsthaus besuchte, aber wir waren nie in Galerien und kannten keine Künstlerinnen und Künstler. Erst eine Lebenskrise führte mich zur «F+F, Schule für experimentelles Gestalten» (1972 bis 1974). Malen oder Bildhauen lernte ich nicht; ich kreierte Installationen oder plastische Collagen. Vor der «F+F» schloss ich eine kaufmännische Lehre im Textilfach und danach die Wirtefachschule Belvoir ab. Im Hotelfach arbeitete ich vier Jahre bis zum oben erwähnten «Bruch», unter anderem auch im Kreis 1 im Hotel Baur au Lac 1968/69 als Caissier und im Hotel St. Gotthard (1971/72) als Rezeptionist. 1976 begann ich mit der Ausbildung zum Ergotherapeuten.
Bettina Truninger (1943) und ich wurden von der Jury für die Ausstellung Zürcher Künstler 1973 ausgewählt. Unsere Werke waren im Kunstgewerbemuseum fast nebeneinander, aber wir kannten uns noch nicht. Erst ein Jahr später, am Sechseläuten, verliebten wir uns auf einem Karussell vor dem Museum Bellerive. Sie wohnte an der Schipfe und kurze Zeit darauf auch ich.
Oberhalb des Restaurants «Turm» war ihr Atelier, ihre Mutter, Regina de Vries, Bildhauerin (1913-1985) war an der Trittligasse und ihr Vater, Max Truninger, Kunstmaler (1910-1986), malte an der Oberen Zäune und Spiegelgasse.

Künstlerkreise
Bettina und ihre Eltern führten mich in die Künstlerkreise ein. An Vernissagen in der Galerie Hubschmied an der Predigergasse oder bei Werner Frei, Trittligasse, Galerie von Ursula Wiedenkeller, Galerie Läubli und Galerie Coray an der Neustadtgasse, Galerie Maurer an der Münstergasse begegnete sich der «Künschtlerchueche» bei einem Glas Wein, um danach oft in der «Malatesta» oder in der «Bodega» weiter zu feiern. Diese Galerien bestehen nicht mehr.
Auch an den legendären Künstlermaskenbällen im Kongresshaus traf man sich jährlich. In früheren Zeiten diskutierten im Café «Select», die jetzt eine Pizzeria ist, im früheren «Odeon» oder in der «Kantorei» Künstler, selten auch Künstlerinnen, miteinander wie: Hansruedi Strupler (1935-2015), der an der Spiegelgasse lebte, Willi Facen (1930-2022), Varlin Willi Guggenheim (1900-1977), Adolf Herbst (1909-1983) am Neumarkt; Fred Engelbert Knecht (1934-2010), Friedrich Kuhn (1926-1972), Richard Kohli (1920-1972) an der Kruggasse – danke Musée Visionaire für die Ausstellung –, James Häfelfinger (1898-1979) an der Stüssihofstatt, Hans Erhardt (1907-1989) an der Schipfe, Esther Matossi (1906-1977), Carmen Öchsle (1909-1989) an der Trittligasse, und Margret Buesser (1931-1989) an der Augustinergasse, Paul Grass (1926-2003), Adriana Grass (1928-2012) an der Obmannamtsgasse, die Textilkünstlerin Moik Schiele (1938-1993) am Rennweg. David Weiss (1946-2012) vom Duo Fischli/Weiss lebte einige Jahre an der Zähringerstrasse. – Das Atelier von Bettina sowie diejenigen von Maler Karl Weber (1899-1978) und August Frei (1912-1998) an der Oberen Zäune wurden ihnen 1977 gekündigt, weil die Zunft zur Letzi die Liegenschaft kaufte. Dort ist jetzt das Zunftmuseum. Das sind nicht die einzigen Ateliers in der Altstadt, die wegen Hausrenovierung oder Besitzänderung verschwunden sind.

Unser Kunstleben
Bettina konnte nach dem Tod ihrer Mutter während zwei Jahren deren Atelier an der Trittligasse benützen, welches ihr aber später wegen Eigenbedarf gekündigt wurde. Jetzt hat sie mit anderen an der Räffelstrasse in einer Ateliergemeinschaft einen langfristigen Mietvertrag. Sie wurde mit den Stipendien von Stadt und Kanton Zürich und dem Eidgenössischen Stipendium für angewandte Kunst ausgezeichnet und war 1981 für sechs Monate im Atelier der Stadt Zürich in New York. In der Altstadt konnte sie in der Galerie Leuenberger an der Müns-tergasse und Galerie Frankengasse bei Erica Gubler ausstellen. Ein Höhepunkt war die gemeinsame Ausstellung mit ihrer Mutter im Strauhof (1978). Leider steht dieser für bildende Kunstschaffende nicht mehr zur Verfügung, da jetzt dort Literatur ausgestellt wird.
Bettina ist auch Mitglied der Künstlerinnenorganisation «Gesellschaft Schweizer Malerinnen GSMBK», die mangels Ausstellungsmöglichkeiten in unregelmässigen Abständen jeweils im Winter die Badanstalt Utoquai während einer Woche für eine Ausstellung nutzte. Dann öffneten sie die Badi auch für (männliche) Künstler und so kam ich nach 30 Jahren wieder zum Schöpferischen und wir konnten gemeinsam dort teilnehmen. Meine Werke bestanden immer aus grösseren Installationen und so wurde meine Ergotherapiepraxis auch mein Atelier. Nach der Auflösung meiner Praxis (2018) war unsere Wohnung zu klein für meine Werke, Bettinas Atelier an der Räffelstrasse zu weit für Transporte zum Utoquai. So wurde der Platz vor unserer Wohnung, neben dem Blumenladen, zu meinem Werkplatz und Passanten, die interessiert zuschauten, zu «Assistenten».

SchriftstellerInnen
Hermann Hesse (1877-1962) wohnte für kurze Zeit am Schanzengraben (1920/21). Er war Untermieter in der Wohnung meines Vaters mit Schlafzimmer und Salon. In den Memoiren meines Vaters steht: «Zum Abschied aber schenkte er ihr (der Pflegemutter, mein Vater war mit 13 Jahren schon Vollwaise) ein Heftchen mit Büttenpapier. Auf der rechten Seite war es mit 12 seiner Gedichte beschrieben; auf der linken Seite hatte er diese mit Wasserfarben illustriert…»
Hermann Hesse war auch mit Rudolf Jakob Humm (1895-1977) befreundet, der im Rabenhaus am Limmatquai lebte, Gottfried Keller (1819-1919) ist im Haus «zum goldenen Winkel» am Neumarkt und im Haus «zur Sichel» am Rindermarkt aufgewachsen, Hugo Loetscher (1929-2009) wohnte in der Storchengasse, Anne Cuneo (1936-2015) am Neumarkt. Lenin (1870-1924) vollendete das Werk «Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus» an der Spiegelgasse. Urban Gwerder (1944-2017) publizierte die Untergrundzeitschrift «Hotcha» an der Schoffelgasse. Robert Walser (1878-1956) wohnte an der Spiegel-, Trittli- und Froschaugasse und arbeitete, um sein Einkommen aufzubessern, in der Schreibstube für Stellenlose an der Schipfe.
Auch aus Platzgründen habe ich mich hier ausschliesslich auf Verstorbene beschränkt. Es wäre aber schon interessant zu wissen, wer alles heute im Kreis 1 künstlerisch tätig ist.
Ich freue weiterhin mich auf Begegnungen mit Kunstschaffenden, SchriftstellerInnen – sowie LebenskünstlerInnen, was wir alle sind.

Raffael Ullmann

Unser Gastschreiber
Raffael Ullmann (1947) ist in Zürich aufgewachsen, wo er eine kaufmännische Lehre und die Wirtefachschule Belvoir absolvierte. Nach einigen Jahren Tätigkeit in Hotels besuchte er ab 1972 für zwei Jahre die Kunstschule F+F. Danach folgte die zweijährige Ausbildung an der Schule für Aktivierungstherapie. Er arbeitete mehrere Jahre in Heimen und Kliniken als Aktivierungstherapeut. 1988 machte er sich nach einer entsprechenden Weiterbildung selbständig als Aktivierungs- und Ergotherapeut, zunächst in einer Gruppenpraxis, von 1993 bis 2018 mit eigener Praxis am Limmatquai. Heute macht er noch Domizilbehandlungen.
Seit 1974 lebt er mit seiner Partnerin Bettina Truninger an der Schipfe.

Foto: EM