Alte Stadt – neue Chance

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Unsere Gastschreiberin Daphne Kokkini ist in Athen aufgewachsen. Ein Nachdiplomstudium brachte sie nach Zürich, wo sie heute mit ihrer Familie in der Altstadt lebt.

Es ist nicht so lange her, dass wir in die Altstadt gezogen sind; aber der Alltag, der sich einmischt und die Zeit ausdehnt oder komprimiert – je nachdem, wie man es sehen mag – verwischt und verändert unsere Zeitwahrnehmung. Ein Schuljahr ist wie ein Ozean für meine Kinder und jeder Moment darin kann tatsächlich das ganze Leben für immer prägen. Wobei, für mich fühlt sich der Umzug ganz frisch an, wie gestern. So intensiv mögen die Zeiten sein.
Dieser Umzug war sowohl ein notwendiges Übel als auch ein unverhofftes Geschenk.
Er traf uns im zweiten Winter der Pandemie und wir erlebten ihn so heftig und intensiv, dass wir den Geschmack fast vergessen haben, wie wenn man ein Essen, das sehr heiss ist, so schnell verschlingt, dass es die Zunge lähmt. Dennoch besteht am Ende ein Gefühl der Sättigung und dabei auch eine neue Chance, etwas wieder zu geniessen.
Wir landeten im typisch repräsentativen Stadtzentrum Zürichs, nachdem wir den Bogen von Fluntern nach Seefeld in drei Stationen geschlagen hatten, manchmal sogar wie auf der Flucht, und hauptsächlich von der Notwendigkeit geleitet. Alle wissen wir, wie schwierig es für eine Familie ist, in dieser Stadt eine Wohnung, die man sich leisten kann, zu finden. Gleichzeitig sind wir, nachdem wir drei Haushalte und einige Nachbarn und Freunde zurückgelassen haben, auch hier wieder gefordert, neue Beziehungen und das notwendige Zugehörigkeitsgefühl zu schaffen, denn ohne dieses wäre man leider zur Einsamkeit verdammt.

Gewohnheit und Überraschung
Aber wie wird man eigentlich vom Besucher zum Bewohner eines Ortes? Und was für ein typischer Fall: Man dachte, man kenne die frequentierte Ecke der Stadt gut, aber sie hat noch eine Menge Geheimnisse, die sie einem allmählich offenbart. Und weil das Überraschungselement das erste war, was ich im gut gepflegten Zürich vermisste, ist nun eine alte Stadt gekommen, um mich aus meinen Gewohnheiten zu reissen.
In Athen, wo ich aufgewachsen bin, sind unsere Antennen gestreckt, um die oft unangenehmen Überraschungen zu antizipieren: Menschen, Ungeduld, Taxis und Motorräder strömen gleichzeitig herein, und man muss in der Lage sein, sie zu differenzieren. Man wächst mit der Fähigkeit auf, sofort auf seine Umgebung zu reagieren.
Hier wiederum kommen die Überraschungen von einem völlig unvermuteten Umstand; vielleicht, weil die Strassen vom Verkehr frei sind und man so andere, subtilere und unerwartete Geräusche wahrnehmen kann: das Material der Absätze, die Rollgeräusche verschiedener Fahrzeuge und unterschiedliche Dialekte.
So bin ich nach knapp zwanzig Jahren, nachdem ich in meiner Heimatstadt gelebt hatte, deren Echo ich immer noch in mir trage, ins Zentrum zurückgekehrt. Der Tourismus, der Hand in Hand mit dem Alltagsleben geht. Ein Tourismus, der oft dazu neigt, das Meer zu werden, in dem der Alltag schwimmt. Das sind Bilder, die Chancen und Gefahren bergen und die ich sehr gut kenne. Ist da eine gewisse Intimität oder Verwandtschaft zu spüren?

Eine Mitte
Aber jenseits der geografischen, kulturellen oder politischen Zentralität, jenseits dessen, was die digitalen Suchmaschinen als «Zentrum von Zürich» definieren, ist es für mich auch eine Rückkehr zu unserer eigenen Mitte.
Ein Zentrum des Selbst, ein innerer Punkt, der konstant bleibt, wenn sich der Rest des Kreises dreht. Und zur Mitte zu kommen bedeutet, ein Gleichgewicht halten zu können, das dem Menschen ermöglicht, etwas mit und auf der eigenen Identität aufzubauen.

Wo wohnst du?
Von nun an möchte ich die Frage nach dem Wohnort nicht mehr mit dem trivialen «dort, wo man, wenn man Zürich auf der Karte eingibt, einfach runterzoomen muss» beantworten, sondern ich möchte «in einem Viertel, dessen Strassen mit der menschlichen Statur vergleichbar sind» sagen. In einer Stadt, eins zu eins. Man könnte denken, dass die Altstadt weder jung noch neu ist oder dass sie ein Ort ist, an dem ich in einem schönen Altbau alt werden kann – wobei alt ja auch bedeuten könnte, dass man sich entwickelt oder darüber hinauswächst. Stattdessen, würde ich suchen, in diesem neuen Viertel Ankerpunkte zu finden und vielleicht solche selber zu schaffen, die Möglichkeiten bieten, mich selbst zu verändern und gemeinsam eventuell etwas Besseres zu erreichen.

ctrl-alt-del
In der Computersprache steht «alt» für alternate oder alternativ. Die Alt-Taste ermöglicht es uns, etwas anderes zu wählen als das, was wir normalerweise eingeben würden. Die Tastenkombination «Ctrl-Alt-Delete» bewirkt lustigerweise einen Reboot , einen Neustart des Computers, wenn nichts anderes mehr geht, wenn das System abgestürzt ist und alle anderen Tasten nicht mehr helfen. Ich frage mich, ob die Altstadt sich für uns, wie bei diesem Kurzbefehl, als Bestandteil einer letzten Alternativlösung, versteckt hat?
Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, wenn ich an unsere neue Altstadt denke und erwische mich plötzlich beim Lächeln. Es sind Gedanken, von denen ich glaube, dass nur jemand, der nicht in der deutschen Sprache völlig aufgewachsen ist, sie haben kann, oder besser gesagt, haben darf. Es ist die Freiheit des Gastes, des neuen Mitglieds, des Anfängers, des Neulings. Noch spiele ich mit dieser Freiheit, aber bis wann? Vielleicht, wenn diese Stadt mir erlaubt, mich vollständig zu integrieren, dann werden diese Scherze aufhören, mich zu beherrschen. Bis dahin werde ich mir erlauben, mit Wörtern zu spielen.
Mit diesen nicht ganz so zufälligen Wortbegegnungen eröffnet sich vielleicht ein neuer Kreis von Möglichkeiten. Lassen wir uns also überraschen.

Daphne Kokkini



Unsere Gastschreiberin
Daphne Kokkini (1978) ist in Athen aufgewachsen, wo sie 2004 ihr Architekturstudium abschloss. Ein Nachdiplomstudium in Städtebau brachte sie nach Zürich, an die ETH. Danach arbeitete sie in der Landschaftsarchitektur. 2015 gründete sie «Werkraum», eine Plattform für kreative Zusammenarbeit, die gestalterische Projekte realisiert. Sie war immer künstlerisch unterwegs, arbeitet mit verschiedenen Techniken und Medien und ist aktives Mitglied von Theater- und Tanzgruppen. Seit fünf Jahren widmet sie sich immer mehr der Keramik.
Seit 2006 lebt sie in Zürich, seit einem Jahr in der Altstadt, mit ihrem Partner und den beiden gemeinsamen Kindern. Sie singt, spielt Klavier und lernt gerne Fremdsprachen.   

Foto: EM