Entzücken hinter Eschers Rücken

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In der neuen «Brasserie Süd» im 153-jährigen, im Stil der Neorenaissance restaurierten Hauptbahnhof wirkt das Zürcher Gastronomen-Duo Valentin Diem und Nenad Mlinarevic. Hingehen, geniessen und – ratsam! – reservieren!

Wir hätten natürlich stilvoll mit 30 Gramm Kristal Kaviar anfangen können (75 Franken). Wie alt die bretonische Jahrgangs-Sardine war, für die sich mein liebster Mitesser entschied, haben wir zwar nicht erfahren. Aber sie schmeckte vorzüglich, samt dem Sauerteigbrot von der Collective Bakery mit gesalzener Alpenbutter (Fr. 16.–). Der Beilage-Salat (Fr. 8.50), der am Nachbarstisch serviert wurde, war riesig. Wir assen zweifellos besser als die drei Ganoven hinter den sieben Gleisen, die Kurt Früh 1959 legendär verfilmt hatte.
Wo Artischocken drin sind, kann ich nicht widerstehen. Die Ravioli mit Carciofi (Fr. 27.–/38.–), mit einem Löffel Perigord-Trüffel-Essenz begossen, fein! Der Partner wählte statt seinen Lieblingen, den Jakobsmuscheln (Fr. 43.–) aus lauter Neugier Paccheri mit Hummerragout und Fenchel (Fr. 42.–) und war sehr zufrieden.

Das Weltall unter den Füssen
In der «Brasserie Süd» können 140 Personen schnabulieren, draussen im Sommer zusätzliche 40. Dass man Alfred Escher durch die breite Fensterfront nur von hinten sieht, liegt an ihm. Er schaut ja die Bahnhofstrasse aufwärts.
Das 370 Quadratmeter riesige Lokal ist einladend möbliert mit oliven Polstern und rosa Tischen. Die Serviceleute sind passend eingekleidet und teilweise tätowiert. Das Geschirr trägt den Namen des Hauses, unter den Füssen liegt der Weltallteppich des Zürcher Labels Sula. Die Küche ist offen. An der Wand hängen Zeitungen: NZZ, Tages-Anzeiger, Financial Times.

Stil, auch im Vorübergehen
Diese «Brasserie Süd» ist aus verschiedenen Gründen ein grosser Wurf. Wir haben bei der zahlreichen, jungen Bedienung kein einziges muffes Gesicht entdeckt, dafür Überraschungen, die man in einem Bahnhofrestaurant nicht unbedingt erwartet. Zur Belegschaft gehören zum Beispiel zwei Sommelièr(e)s. In unserer Schicht war es Andrea Turan, und sie beriet uns sehr kompetent und unaufdringlich. Ihr Rat war ein Inopia aus den Côtes-du-Rhône, schön trocken und elegant (Fr. 13.– pro Glas).
Das Styling des gewaltig hohen Innenraums ist ebenso diskret wie hochklassig. Die Oliv-Farbe der Polster passt genau zu den T-Shirts der Bedienungen. Das Lokal ist freilich weitläufig. Bis zu den Toiletten im Untergeschoss ist es eine halbe Schweizerreise. Aber wir sind ja in einem Bahnhof! – Noch wichtiger: Die Speisekarte ist in unaufdringlicher Weise aussergewöhnlich. Nix Geschnetzeltes oder Cordon bleu, dafür als Apéro-Begleiter eine knusprige Rindfleisch-Krokette mit Estragon, Cornichon und Meaux-Senf (Fr. 12.–). Die Preise sind für Zürcher Verhältnisse freundlich: Beef Tatar, aber bereichert mit geröstetem Topinambur, Haselnuss und Raps Hollandaise-Sauce (Fr. 31.–). Auch Crudo von der Königsmakrele (Fr. 32.–) kriegt man nicht überall, und als Hauptgänge werden neben den üblichen Schweinskoteletten (immerhin: Iberico, Fr. 54.–) und Rindsfilet Rossini (Fr. 65.–) auch die erwähnten Jakobsmuscheln (Fr. 43.–) angeboten oder für Vegis eine Auberginen-Piccata (Fr. 31.–).
Bezahlt haben wir 150 Franken (mit 3 Dezi Wein). Im «The Counter» nebenan, den auch Valentin Diem und Nenad Mlinarevic bewirtschaften, wäre es teurer, das 17-gängige Menu kostet 295 Franken, das dazu passende Weinsortiment Fr. 185.–. Schwer zu sagen, ob es auch um so viel besser wäre.
Wir haben zu vernünftigem Preis eine ausserordentliche kulinarische Leistung genossen. Wir kommen wieder, auch wenn wir nicht auf den Zug müssen.

Esther Scheidegger

«Brasserie Süd» im Hauptbahnhof, Bahnhofplatz 15, Tel. 044 244 32 15, Montag bis Samstag 9 bis 23.30, Sonntag 9 bis 21 Uhr, brasserie-sued.ch.