Postwendend, ohne Sackmesser

So viele Wörter werden heutzutage nicht mehr gebraucht. Der Backfisch zum Beispiel, den Goethe in seinem «Götz von Berlichingen» verewigte, lange ists her. Oder Stelldichein – das heisst neudeutsch korrekt Date. Kauderwelsch ist auch nicht mehr in. Ebensowenig wie Mumpitz und Firlefanz.
Und hanebüchen, ursprünglich abgeleitet von der Hainbuche, auch Hagenbuche genannt und in der ursprünglichen Bedeutung einen Menschen meinend, der «handfest, derb, knorrig, grob», ist, auch «steif und schwer zu bewegen».
Gewaltig gross und eigenständig ist sodann der Wortschatz, der dem Jiddischen entstammt: «Tacheles reden» zum Beispiel (offene Aussprache pflegen), oder «meschugge» (für «irre», «verrückt»). Oder «malochen» (hart arbeiten). Oder «Schmattes», was nicht sehr hochwertige Kleider (im Innerschweizerischen auch «Hudle») meint.
Auch «postwendend» kann längst aus dem deutschen Wörterbuch getilgt werden in einer Welt, in der ein A-Post-Brief von Greifensee nach Winterthur drei Tage braucht. «Postwendend» bedeutete im 19. Jahrhundert «mit wendender Post», das heisst die Antwort lag im gleichen, zurückkehrenden Postwagen.
Dass nun auch das bewährte Schweizer Sackmesser neu gedacht werden soll, ist ein anderes Kapitel. Für die Schweiz erfand es der Messerschmied und Unternehmer Karl Elsener (1860-1918), der 1884 in Ibach (SZ) die Firma gründete, die heute nach ihrer Weltmarke Victorinox heisst. Das Schweizer Offiziers-, Sport- und Jagdmesser wurde zum Kultgegenstand. Nun arbeitet Victorinox an einem Taschenmesser ohne Messer, ohne Klinge also. Weil in der Welt zu viele Leute mit Messern im Sack herumlaufen. Nicht nur Junge, aber auch.
20 Prozent seiner Messer verkauft Victorinox in der Schweiz. Das Unternehmen ist nicht zum ersten Mal damit konfrontiert, dass die Klinge eines Sackmessers als mögliche Waffe verstanden wird. Nach 9/11 brach der Umsatz bei Taschenmessern über Nacht um 30 Prozent ein. Das weiss Carl Elsener, der in vierter Generation Victorinox leitet. Er weiss auch, dass es in manchen Gegenden des Erdballs verpönt ist, Messer zu verschenken. In China heisst es, «sie zerschneiden die Freundschaft». In Polen und Russland nehmen die Beschenkten die Messer zwar freudestrahlend entgegen, klauben aber sofort die kleinste Münze, die sie im Sack haben hervor: Messer darf man sich nicht schenken lassen, man muss sie kaufen!
Weil sie eine tiefgläubige Familie sind, laden die Elseners ihre Angestellten immer um Neujahr zur Messe in der Pfarrkirche von Schwyz ein. Man kann nie wissen, in diesem Gewerbe und in dieser Welt!

Regula