Zürcherischer gehts nicht

Bild zum Artikel

Das Hotel Storchen am Weinplatz führt auf dem Dach eine Rooftop-Bar, «The Nest». Und diese ist nicht nur für die Gäste des exklusiven Hotels zugänglich, wovon sich unsere Kulinarierin – sehr angetan vom Gebotenen und berauscht von der Aussicht – selbst überzeugen konnte.

Am Nebentisch qualmen zwei Youngsters Zigarren. Gegenüber löffelt eine junge Frau ihr Dim Sum. Wir bestellten, wie es uns beim Zugang zum Lift nachdrücklich empfohlen worden war, nicht zu knapp, also für über 35 Franken pro Person. Das Rindstatar mit Kaviar kostet 68 Franken. Wir teilten es und haben es genossen.

Tolle Aussicht
Die Aussicht ist toll, zürcherischer gehts wirklich nicht: Limmat, Grossmünster, Fraumünster, Sankt Peter, Dächer, Brücken… Zürich aus der Storchen-Perspektive. Man sitzt im sechsten Stock, aufwärts geht es nur mit dem Lift. Reservieren kann man nicht. Und die Rooftop-Bar mit ihren fünfzig Plätzen empfängt nur bei schönem Wetter. Im Juni waren das nicht sehr viele Tage. Der 29. Mai, an dem wir dort weilten, war nur ein halber – es begann am mittleren Nachmittag zu regnen – das Personal packt routiniert das Mobiliar ein, die Gäste lassen es auf sich zukommen. Nomal abeluege…
Der «Storchen» ist das Zunfthaus derer zur Schiffleuten (sie tagen stilvoll in der «Rôtisserie» im ersten Obergeschoss). Im Roten Turm logierten von 1850 bis 1879 die Weggenzünfter, im Storchen von 1850 bis 1879 die Constaffler. Die 1336 gegründete Zunft zur Schiffleuten war im Storchen erstmals 1896/97 zu Gast und kehrte 1939 zurück. Das heutige Hotel Storchen besteht, genau genommen, aus drei Häusern: dem «Storchen», dem Roten Turm und dem Haus zum Licht. In den Steuerbüchern wird der Komplex 1357 erstmals erwähnt. Die Liste der Gäste ist quer durch die Jahrhunderte ein quirliges «Who is who», von Paracelsus bis Tina Turner, von Grimmelshausen über Alfred Escher und Richard Wagner bis zu Patricia Highsmith.
Es ist das älteste noch erhaltene Gasthaus der Stadt. Das gegenüberliegende «Haus zum Schwert» gehört seit den 1980er-Jahren der Schweizer Rück resp. Swiss Re. Es war einmal der stadtbekannte «Samen Mauser».

Eine Zeitlang Jelmoli
Der gebürtige italienische Hausierer Peter Jelmoli-Ciolina (1794-1860) hatte 1834 hier an der Schipfe sein erstes sesshaftes Geschäft eröffnet, mit für Zürich neumodischen, fixen Preisen! Früher hatte man auch hier wie überall gefeilscht. 1937 bezog Jelmoli die Liegenschaft Münsterhof 17. Der «Storchen» wurde im  Hinblick auf
die Schweizerische Landesausstellung 1939 vom Architekten Erhard Gull aufwendig umgebaut. Als das Baukonsortium in finanzielle Schwierigkeiten geriet, griff der damals reichste Schweizer, der Zürcher Emil Georg Bührle (1890-1956), zu. Seine Erben können sich nicht beklagen, sie tun es auch nicht. Kunstsinnig sind sie sowieso. Und gefeilscht wird schon lange nicht mehr.
Schon beim Versuch, zu reservieren, erfahren wir die strikten Regeln im hohen Storchennest: keine Reservation – und die Mindest-Konsumation beträgt 35 Franken. Es kocht übrigens Stefan Jäckel. Nicht nur die Aussicht und die nette Bedienung sind das Geld wert gewesen. Das Tatar und das Dim Sum waren erstklassig. Und Fr. 12.50 für einen Dezi Sauvignon Blanc werden in dieser schamlos teuren Stadt auch anderswo verlangt.

The Living Circle
Erlebt haben wir den Hausherrn, Bührle-Enkel Gratian Anda, schon 2017 im Hotel Castello del Sole in Ascona als grosszügigen und geradezu volkstümlichen Ermöglicher einer tollen Ausstellung des Zürcher Eisenplastikers James Licini. Das Castello mit grossem Park, eigenem Reisfeld und Seeanstoss gehört zu Andas kleiner, feiner Hotelgruppe «The Living Circle», wie der «Widder» am Rennweg. Oder das «Alex Lake Zurich» in Thalwil am Zürichsee, das der zum Milliardär gewordene Bauernbub Karl Schweri bauen liess, um seinem Freund, dem ehemaligen Wiener Bürgermeister Helmut Zilk, Eindruck zu machen.
Luxus, den man sich leisten kann/ soll/muss? Der Journalist Lukas Hässig ist dem «Storchen» nicht gewogen. Wir verstehen ihn ja, wenn er in seinem Klatsch-Portal «Inside Paradeplatz» den Preis für einen Kopfsalat (Fr. 20.–) geisselt oder den Stutz für einen vom «Storchen» signierten Eiswürfel.
Manchmal hat er auch Spitzenmeldungen aus dem Finanzmilieu für die Weltpresse (wie die Vincenz-Affäre bei Raiffeisen).
Doch auch bei den grössten Geschichten bleibt immer eine Frage offen. Zum Beispiel: Wie signiert man einen Eiswürfel und hält ihn so lange am Leben, bis man mit der enormen Ausgabe seinen Bekannten imponieren kann?


Esther Scheidegger

Hotel «Storchen», Weinplatz 2, 8001 Zürich, Tel. 044 227 27 27, www.storchen.ch, Rooftop-Bar «The Nest», nur bei schönem Wetter, Montag bis Sonntag 11.30 bis 22 Uhr.