Zum 300-Jährigen
Kaum bemerkt, in der ihm eigenen stillen Bescheidenheit, feiert heuer ein ganz besonderer Altstadtbewohner einen runden Geburtstag: es ist der Pelikanbrunnen auf dem Leuenplätzli, der sein 300-jähriges Jubiläum begeht. Dir, geliebter Brunnen, möchte Felix eine kurze Laudatio widmen.
Dreihundert Jahre darfst du dich also zählen; das ist eine lange Zeit! Zur Veranschaulichung: Als du im Jahre 1725 aus der Wiege gehoben und noch scheu und unerfahren das erste Wasser aus deinen Rohren stiessest, da hatte gerade ein gewisser Antonio Vivaldi seine Violinkonzerte «Le quattro stagioni» veröffentlicht. In Russland hatte Peter der Grosse eben das Zeitliche gesegnet, worauf die Kaiserkrone an Katharina I. überging. Von diesen Ereignissen wohl kaum Kenntnis nehmend standest du damals noch im Hof des «Kleinen Pelikan» am Talacker, was deinen Namen erklärt. Deinen Umzug an den jetzigen Standort haben wir der «Altstadtentkernung» zu verdanken, in deren Folge du erst Ende der 1950iger-Jahre umgepflanzt wurdest. Den dafür zuständigen Altstadtsanierern bin ich heute noch dankbar.
Seitdem hast du unzählige Male Altstadtkindern in deinem Trog ein kühlendes Bad gewährt, bist mindestens ebenso oft von Gassi gehenden Hunden angepinkelt oder von Nachtbuben und -mädchen als Abfalleimer missbraucht worden, hast (selbst-)verliebten Selfie-Fotografen als instagramables Requisit gedient (um den Abgelichteten dabei regelmässig die Show zu stehlen). Dies alles hast du stets in stoischer Ruhe über dich ergehen lassen, wie ein würdevoller Diener, der die ihm anvertrauten Geheimnisse selbstverständlich für sich behält.
Wer weiss, wer zum nächsten grossen Jubiläum in weiteren hundert Jahren ein Loblied auf dich anstimmen wird. Die Zeit wird dann eine andere sein: der Altstadt Kurier wird dann bereits über 140 Jahre alt sein, die Werkleitungserneuerungen in unserem Quartier werden dann (wer weiss?) einen Abschluss gefunden haben – und all die Despoten dieser Welt, deren rücksichtloser Machtdurst uns gegenwärtig verzweifeln lässt, werden längst Vergangenheit sein und fruchtbaren Humus für die Fauna und Flora der Nachwelt liefern.
Und wer ganz genau hinhört, wird dich auch dann unter deinem beruhigenden Plätschern noch die einzig unumstössliche Wahrheit flüstern hören: alles fliesst.
Felix