Aufwachsen in der Altstadt

Was viele sich schwer vorstellen können, kann durchaus gut gelingen, wie der folgende Bericht unserer Gastschreiberin Leonie Mosele zeigt: in der Altstadt mit all ihren Zentrumslasten aufzuwachsen.
Wenn ich jemandem erzähle, ich sei in der Altstadt aufgewachsen, begegne ich oft Ungläubigkeit. «Waaaas? Also im Niederdörfli? Also, so richtig?» Ich antworte immer: «Ja, so richtig richtig. Im Herze vo Züri.» Was für viele unmöglich klingt, ist für mich alles was ich kenne. Um das Gegenüber davon zu überzeugen, wie schön eine Kindheit sein kann an dem Ort, den viele nur als Ausgangszene oder Touristenhotspot kennen, sage ich oft: «Weisch, eigentlich isch d’Altstadt au wie es Dorf, halt eifach zmitzt ide Stadt.» Am liebsten würde ich ihnen all die versteckten Ecken und Winkel zeigen, wo sich nur wenige hin verirren, ich würde ihnen unsere kleinen Traditionen und meine Glücksmomente zeigen. Denn die Altstadt ist mein Zuhause.
So ziemlich alles spielte sich für mich für viele Jahre in einem Zwei-Kilometer-Radius ab. In die Krippe ging ich beim Leuenplätzli, in den Kindergarten am Neumarkt, die Primarschule besuchte ich etwas weiter oben am Hirschengraben. Später ging ich beim Rämibühl ins Gymi und mein Studium startete ich an der Uni Zürich. Diesen Umkreis kenne ich wie meinen Handrücken und gebe gerne einen Einblick in eine Kindheit zwischen Central und Bellevue, zwischen gepflasterten Gassen und Bahnhofstrasse, zwischen Ausgangszene und Dörflichkeit, zwischen Lebendigkeit und Rückzug.
Wenn ich an meine Kindheit in der Altstadt denke, hängen viele Erinnerungen mit drei grossen Ereignissen zusammen. Den Quartierfesten der Altstadt.
Frühlingsfest
Wenn es endlich warm und sonnig wurde, roch es auf dem Pausenplatz vom Hirschengraben-Schulhaus nach Gyrosspiessen, in der Turnhalle stand ein Blasio-Paradies bereit und während die Erwachsenen auf den Festbänken sassen, tobten wir zur griechischen Volksmusik auf dem Pausenplatz herum. Eine meiner liebsten Erinnerungen ist, als ich hinter den Gyrosstand durfte und die mit Knoblauch bestrichenen Pita-Brote auf dem Grill umdrehen durfte. Die Angestellten kannten mich gut vom «Läbis 1», wo Fränzi und Petros Nanopoulos jahrelang die allerbesten Dips, Oliven und griechischen Spezialitäten verkauften. Denn auch dort durfte ich ab und zu mit Fränzi hinter die Kasse stehen und mit Verkäuferlis spielen.
Mit dem Frühlingsfest kam das warme Wetter und wir konnten wieder draussen auf den Gassen spielen, oft zogen wir mitten in der Stadt herum und hatten nie Angst, denn egal wo wir hin gingen, in der Altstadt gab es immer irgendwo ein vertrautes Gesicht. Und wenn wir nicht im Leuenplätzlibrunnen badeten, kein Räuber und Bulle in den Gassen spielten, dann vertrieben wir unsere Zeit bei Michèle im Altstadthaus. Ob zum Meitliznacht (wo ich das erste Mal Nena mit ihren 99 Luftballonen hörte) oder zum Basteln am Mittwochnachmittag, Kerzenziehen oder Comics-Lesen. Bei Michèle fanden wir immer eine Beschäftigung.
Neumarktfest
Ein Tag an dem man den Charme der Altstadt am besten zu fassen kriegt, ist das Neumarktfest, welches Ende Sommer stattfindet. Das Neumarktfest war schon immer und ist noch heute einer meiner allerliebsten Tage im Jahr. Wenn der Sommer schon bald vorbei ist, gibt es immer noch etwas, worauf man sich freuen kann.
Am Vormittag vor dem Fest herrschte Trubel in unserer Wohnung, denn wir verbrachten ihn damit, alles für den Kinderstand am Nachmittag vorzubereiten. Mit meinem Mami und meiner Schwester überlegten wir uns jedes Jahr etwas Neues für unsere Stände. Mal waren es selbstgebastelte Stirnbänder mit aufwendigen Blumenverzierungen, mal war es eine Sirup-Bar mit farbigen Bechern, mal selbstgemachte Beignets in drei verschiedenen Geschmäckern, mal konnte man sich von mir die Fingernägel lackieren lassen. Fast immer mit dabei waren Mamas Froschprinzen aus Zopfteig mit einer silbrigen Alu-Krone. Später, als mein Stand ab- und die Bühne aufgebaut war, konnte man abends drei kleine Mädchen entdecken, die immer zuvorderst vor der Bühne tanzten, als würde der Abend nur ihnen gehören. Mit Isabel Eichhorn und Leonie Achtnich tanze ich nun seit bald zwanzig Jahren in der ersten Reihe am Neumarktfest und überall sonst. Eine Freundschaft, die dank und durch die Altstadt bestehen bleibt. Zwei Minuten dauerte der Weg, um bei ihnen zu läuten um zu fragen ob sie raus kämen zum Spielen, oder um später bei Leonie auf der grossen Terrasse an der Froschaugasse zusammenzusitzen, die erste Zigarette auszuprobieren oder das erste Glas Wein zu trinken.
Lichterfest
Wenn der Sommer dann vorbei war und die Tage kürzer und kälter wurden, freute ich mich aufs Lichterfest. Am Tag, an dem sich Hunderte an der Bahnhofstrasse aneinanderdrängten, um zu sehen, wie die Lucy angezündet wurde, schauten wir in den Gassen zu unserer Weihnachtsbeleuchtung hoch. An diesem Abend verwandelte sich die Altstadt in einen magischen Ort. Kerzen reihten sich in den Gassen aneinander, während die Erwachsenen Tassen mit Glühwein hielten, gab es für uns Marroni und Birebrot mit Butter. Begleitet von den farbigen Lichtern und den Erinnerungen an das vergangene Jahr liess sich der Winter überstehen.
Mittlerweile wohne ich nicht mehr in der Altstadt, sondern in Wipkingen. Dort erlebe ich den Rhythmus eines neuen Quartiers. Aber nichts wird jemals die Vertrautheit des Dörflis ersetzen können, wo ich jeden Pflasterstein und die Gesichter kenne der Menschen, die in den Bars sitzen und mir zurufen: «Seisch en Gruess am Mami.» Nichts kommt mehr an die zwei Minuten Weg zu meinen Freundinnen, an die kleinen Traditionen und Feste, die ich auch heute noch gerne besuche. Somit bin ich immer etwas mit Stolz und schönen Erinnerungen erfüllt, wenn ich sagen kann: «Ich bin i de Altstadt ufgwachse.»
Leonie Mosele
Unsere Gastschreiberin
Leonie Mosele (2000) ist in der Altstadt aufgewachsen und besuchte den Kindergarten am Neumarkt, die Primarschule am Hirschengraben und das Gymnasium Rämibühl. An der Uni Zürich studierte sie Kommunikations- und Medienwissenschaften und schloss mit einem Bachelor ab. Seit einem Jahr arbeitet sie bei einer Agentur für Digital Marketing. Ausserdem hat sie ein Masterstudium in Betriebswirtschaft an der ZHAW begonnen. Seit einem Jahr lebt sie in Wipkingen in einer Wohngemeinschaft. Sie ist gern in Bewegung, unter anderem mit Joggen, Schwimmen, Wandern und Pilates.
Foto: EM