Die Zürcher Täufer

Derzeit brechen die Anlässe nicht ab, bei denen man sich an die verschiedenen Geschehnisse der Zürcher Reformation vor 500 Jahren erinnert: an den Beginn von Zwinglis Predigttätigkeit am Grossmünster, an die vom Rat organisierten Disputationen mit ihren Entschlüssen, die zur konfessionellen Wende führten, an die Übergabe des Fraumünsterklosters an die Stadt durch dessen letzte Äbtissin – alles denkwürdige Ereignisse von grosser Tragweite. Dass nun mit der neuen Ausstellung der Zentralbibliothek im Predigerchor auch ein dunkles Kapitel dieser Geschichte aufgeschlagen wird, das im Lauf von fünf Jahrhunderten lieber mit Stillschweigen übergangen wurde, ist sehr zu begrüssen.
In 20 mit prägnanten Kommentaren erklärten Stationen erhält man anhand von vielen originalen Quellen aus jener Zeit, handschriftlichen Dokumenten, Druckwerken, bildlichen Darstellungen, einen Überblick über Entstehung und Verbreitung des Täufertums. Dabei lässt sich nachvollziehen, auf welchen Grundlagen die radikalen Anhänger Zwinglis dessen reformatorische Ideen weiterentwickelten, wie sie zur Überzeugung kamen, den Kriegsdienst zu verweigern und im Januar 1525 die Erwachsenentaufe zu vollziehen, und wieso die Bewegung von Staat und Kirche als Bedrohung wahrgenommen und in der Folge brutal unterdrückt wurde. Die Hinrichtung ihres Anführers Felix Manz und weiterer Täufer, die in der Limmat ertränkt wurden, war nur der Anfang von Verfolgungen, Gefangennahmen, Todesstrafen und Landesverweisen, bei denen nicht zuletzt Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger eine unrühmliche Rolle spielte.
Zur Auswanderung gezwungen, fanden viele Täufer aus Zürich und anderen Teilen der Schweiz Unterschlupf im Elsass, in der Pfalz, in den Niederlanden und schliesslich in den Vereinigten Staaten, wo ihre Nachfahren bis heute ihren Glauben in den amischen und mennonitischen Gemeinden bekennen. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts gab es im Zürcher Gebiet praktisch keine Täufer mehr, und es dauerte über 300 Jahre, bis es 2004, im Gedenkjahr von Bullingers Geburt, zu einem Akt der offiziellen Versöhnung kam, nachdem Zürich die auf der ganzen Welt verstreuten Täufer in aller Form um Verzeihung für begangenes Unrecht gebeten hatte.
Die Ausstellung, ein gleichzeitig erschienener Aufsatzband und ein internationaler Kongress zur Täufergeschichte, der Anfang Juni 2025 an der Zürcher Universität stattfinden wird, leisten willkommene Beiträge zum Verständnis des Täufertums und dessen Schicksals.
Matthias Senn
«Verfolgt – Vertrieben – Vergessen. 500 Jahre Täufertum im Kanton Zürich», Ausstellung in der Schatzkammer der Zentralbibliothek, bis 14. Juni 2025, Montag bis Freitag 13 bis 18 Uhr, Samstag 13 bis 16 Uhr, Eintritt frei. – Weiterführende Literatur: Oliver Dürr, Urs B. Leu et al.: Kinder des Friedens. 500 Jahre Täufertum in der Schweiz, Theologischer Verlag Zürich, 2025. 224 Seiten, farbig illustriert, Fr. 34.–.