Gastlich und günstig

Es muss ja nicht immer die «Kronenhalle» sein! In der «Weinstube 1923» am Central kann man, dem Lauf der Limmat folgend, beobachten, wie die Preise talwärts fliessen. Geschnetzeltes Kalbsfilet mit Rösti kostet am Bellevue 63 Franken, Züri-Gschnätzlets am nicht minder belebten Central 42. Auch dort speist man vorzüglich und trifft interessante Leute. Der «Limmathof» ist ein gäbiges Hotel. Die ganze Firma heisst Hotel Limmathof AG.
Die Nussbaumers wirten seit über hundert Jahren (1923) im «Limmathof» – die vierte Generation! Das Ambiente ist historisch. Historisch ist auch, dass wir, eine Frauengruppe, Ende des letzten Jahrhunderts im «Limmathof» ein (kurzzeitiges) Lokalverbot kassierten, weil ein mittlerweile längst erwachsenes kleines Mädchen unter dem Tisch fröhlich Lärm gemacht hatte, was einigen älteren Stammgästen missfiel.
Das Hotel «Limmathof» am Central war bis ins 19. Jahrhundert ein «Brunnenmeisterhaus». Damals gab es noch keine Hausanschlüsse an die öffentlichen Wasserleitungen, man musste sein Wasser an öffentlichen Brunnen holen. Diese Brunnenmeisterhäuser wurden automatisch zu gesellschaftlichen Treffpunkten im Quartier.
Das Tavernenrecht hat der «Limmathof» seit 1857. Seit 1889 führt das Polybähnli gleich nebenan hinauf zur 1855 eröffneten ETH. Die Familie Nussbaumer hatte interessante Vorgänger: Heinrich Pünter senior und später dessen gleichnamiger Sohn, der den Limmatclub mitbegründete und als leidenschaftlicher Jäger bekannt war.
Und dann eben die Familie Nussbaumer: Der legendäre grossbürgerlich-volkstümliche Stapi Emil Landolt (1895-1995) schrieb Fritz Nussbaumer am 11. Dezember 1958: «Mit Vergnügen habe ich auch das Bild von Herrn Heinrich Pünter (in der Zeitschrift «Zürcher Altstadt») gesehen… Ich bin ihm in meiner Jugendzeit oft begegnet, da ich am Knabenschiessen und bei Schützenfesten als Laufbursche und beim Einwickeln der Bratwürste mithelfen durfte. Mit seinem gewaltigen Bart hinterliess er bei mir einen Eindruck, der heute noch anhält.»
Sein Vater, der weltgewandte Hotelier und Weinsachverständige Otto Nussbaumer (1887-1957) hatte den «Limmathof» 1923 übernommen und musste das in der Kriegs- und Nachkriegszeit heruntergekommene Haus zuerst einmal sanieren. Der Hotelierverein berief ihn in seinen Vorstand und verlieh ihm später die Ehrenmitgliedschaft. Der «Limmathof» war von Anfang an das temporäre «Zuhause» reisender Kaufleute und Handwerker. Ein umsorgter Gast war der Gründer unsres Nationalzirkus Knie. Er hatte damals allerdings noch kein Zelt, sondern trat mit seiner Seiltänzergruppe während der Zürcher Messe im oberen Hirschengraben auf. Im Sommer 1864 suchten polnische Flüchtlinge im «Limmathof» Unterschlupf.
Der neue Chef
2022 hat Jan-Lucas Nussbaumer als Gesamtleiter den Betrieb übernommen. Er hat zwei Kinder, die nächste, fünfte Generation ist also garantiert, mit aktuell insgesamt acht Buben und Mädchen.
Als neuen Küchenchef hat er kürzlich Zoltán Kósa engagiert. Aber die Klassiker der Speisekarte bleiben. Und immer noch eine feste Grösse im Betrieb ist seit zehn Jahren die Gastgeberin Elisabete Franco. Sie wird hoch geschätzt von einer bunten Stammkundschaft, welche neben der Qualität auch die geradezu unzürcherisch mässigen Preise an diesem Top-Standort zu würdigen weiss.
Kutteln im Silberpfännli
Ein Klassiker in der «Weinstube 1923» sind die Kutteln im Silberpfännli. Egliknusperli mit einem bunten Marktsalat kosten Fr. 32.50. Super ist die Rösti «Walliser Art» mit Tomaten und Raclettekäse gratiniert (Fr. 23.50). Das Kalbsgeschnetzelte Zürcher Art, mit oder ohne Nierli, mit Rösti kostet Fr. 42.50. Ein Saisonhit ist das Cordon Bleu mit Bärlauch. Das Tagesmenu kostet Fr. 19.50., mit Fleisch Fr. 21.50. In der «Weinstube 1923» wird derzeit selbstverständlich variantenreich die Spargelsaison zelebriert, von der Suppe (Fr. 14.40) bis zum leckeren Spargel Limmathof (Fr. 34.50). Erdbeeren mit Schlagrahm kosten Fr. 8.50.
Hausgemachte Schweins- und Kalbsbratwürste gibt es derzeit nicht. Das interessante, reichhaltige Weinangebot stammt ausschliesslich aus Schweizer Betrieben. 5 Dezi Züri-Hahnenwasser kosten 3 Franken. Auf der Rechnung liest man: «Schön wart ihr hier.»
Die «Weinstube 1923» ist am Wochenende geschlossen. Sie folgt damit dem allgemeinen Trend im Gastgewerbe, das unter Fachkräftemangel leidet und die Betriebszeiten einschränkt, wo es nur geht. Neuerdings werden sogar im Niederdorf um 21 Uhr die Küchen geschlossen.
Esther Scheidegger
Restaurant «Weinstube 1923», Tel. 044 267 60 40, limmathof.com. Montag bis Freitag 11.30 bis 14 und 17.30 bis 22 Uhr, Samstag und Sonntag geschlossen.