Wenn das Licht ausgeht
Am 22. Mai 2025 um 17.18 Uhr, mitten im Feierabendverkehr, hat eine unbekannte Macht dieser Stadt den Stecker gezogen. Fast drei Stunden ohne Strom – und die Welt schien stillzustehen. Die Registrierkassen streikten, bezahlen konnte man nur noch in bar, und die Trams blieben stehen, während die S-Bahn weiter verkehrte; sie hat halt ein eigenes Stromsystem. Dafür blieben die Anzeigentafeln dunkel und die Lautsprecher stumm; sie sind eben am betroffenen Netz angeschlossen.
Kurz nach 20 Uhr gab es wieder Strom. Wer nach der Tagesschau (aus dem strombetriebenen Fernsehgerät) seine Freunde anrief, um ihnen Hilfe anzubieten (mit dem strombetriebenen Telefon, klar!), erlebte die Abhängigkeit der Menschheit von der Grundversorgung mit Energie im Massstab 1:1. Wer unterwegs war und hungrig, war froh um die Beizen, die vorgesorgt hatten und Gläser mit Kerzen hervorzauberten – und vielleicht mit Gas kochen.
Als alles vorbei war, haben die Fachleute beschwichtigt: Alles nur wegen der vielen Baustellen. Kann passieren, sorry für gestern! Regula denkt den Zwischenfall weiter: Von wie vielem Zeug in unserem Alltag sind wir abhängig, ohne es zu wissen: nicht nur vom Strom, auch davon, dass jemand noch Zündhölzli im Sack hat (für die Kerzen). Nicht nur von Wärme und Licht, auch vom ganzen Sicherheitssystem: Polizei, Feuerwehr, Sanität, die ganze Blaulichtbranche. Dann hören wir, wenn wir nicht schon genug von ihm haben, dem alten Mann von Herrliberg zu, der über die Masseneinwanderung schimpft. Und wenn wir ins Spital müssen, sind wir froh um das ausländische Pflegepersonal und den Arzt mit dem ungarischen Namen. Irgendwer aus Polen oder Moldawien hat in den letzten Wochen im Weinland die Spargeln gestochen, die uns so gut gemundet haben. Irgendwer aus Süditalien oder Portugal putzt unser Parkett.
Natürlich brauchen unsere eingewanderten Helferinnen und Helfer anständige Wohnungen – und nicht zuletzt Strom. Sie fahren auf unseren Strassen, und wenn sie zu spät kommen, schimpft der Chef . Und die Männer und Frauen, die am Donnerstag die Leitungen geflickt und den Strom wieder herbeigezaubert haben, sind, unabhängig von ihrer Nationalität und Religion, unentbehrlich.
An einem Abend wie dem Donnerstag, 22. Mai können wir, wenn wir wollen, lernen: Unser Alltag ist ein grosser Kreislauf der gegenseitigen Abhängigkeit. Wer uns die Spargeln sticht und die Böden putzt, hat Anspruch auf anständigen Lohn. Davon ist in den von Klicks und kurzfristigem Zuspruch abhängigen Medien weit weniger die Rede als von Influencern und dem aufgedonnerten Affentheater der in Basel vereinigten Singenden jeglichen Geschlechts.
Regula