Mauerblümchendasein
Was taugt die Altstadt als Filmkulisse? Dieser Frage geht Felix in seiner Rubrik nach.
Manchmal fühle ich mich bei meinen Spaziergängen durch die Altstadt wie auf einem sorgfältig arrangierten Filmset. Dieser Eindruck kommt nicht von ungefähr. Gleich mehrere Filmteams haben kürzlich unser Quartier als Kulisse für ihre Produktion auserkoren. Die Verfilmung von Christian Krachts Roman «Eurotrash» wurde teilweise auf dem Münsterhof gedreht und der kratzbürstige Privatdetektiv «Maloney», der im vergangenen Jahr den Sprung vom Radio auf die Leinwand gewagt hatte, ermittelte erst vor wenigen Tagen auf dem Lindenhof. Zugegeben: Es handelt sich dabei um Schweizer Produktionen mit begrenzter internationaler Strahlkraft und manch einer mag mit böser Zunge anmerken, dass wahrer Glamour weniger stark nach Bratwurst und Cervelat riecht. Diesen Miesmachern sei entgegnet, dass sich kürzlich Hollywoods erste Liga ein Stelldichein in der Zürcher Innenstadt gegeben hat. In Steven Soderberghs Spionagefilm «Black Bag» trifft sich Cate Blanchett auf dem Münsterhof mit einem russischen Geheimagenten und beschert unter anderem dem Hotel Storchen einen unbezahlbaren Werbeauftritt.
Trotzdem muss man ehrlicherweise feststellen, dass die Altstadt auf der ganz grossen Leinwand ein seltener Gast ist. Im Gegensatz zu den Metropolen unserer Nachbarländer fehlt es an den ikonischen Kinomomenten. Kein Orson Welles, wie er als «dritter Mann» im Wiener Prater hoch über der Stadt seine zynische Weltsicht verkündet. Und auch kein Bruno Ganz (notabene ein gebürtiger Seebacher), der wie im «Himmel über Berlin» seine Engelsflügel über der Stadt ausbreitet. Wer in Cinemascope denkt, tut sich auch schwer mit der Vorstellung, dass James Bond statt vom Eiffelturm vom Grossmünster springt oder dass Anita Ekberg statt aus dem Trevi- aus dem Manessebrunnen steigt. Dass das zum Diminutiv neigende Schweizerdeutsch kein Wort für Grandezza kennt, ist womöglich kein Zufall.
Ein Grund für unser cineastisches Mauerblümchendasein mag darin liegen, dass hier alles so wunderbar aufgeräumt ist. Für das ganz grosse Drama stellt das Idyll, das uns umgibt, denkbar unfruchtbaren Boden dar. Hinwegtrösten darüber können wir uns im Kino, von denen es Zürich zum Glück immer noch einige gibt. Und wenn wir ehrlich sind, würden wir die behagliche Ruhe der Altstadt wohl kaum gegen ein dramatischeres, grossformatigeres Leben eintauschen wollen. Wer «L’ultimo tango a Parigi» gesehen hat, wird mit grosser Wahrscheinlichkeit sein letztes Tänzchen lieber an einem lauen Sonntagabend im Rondell am Bürkliplatz vollführen – statt wie einst Marlon Brando in einem kargen Pariser Appartement in brennender Leidenschaft zu verglühen.
Felix