Sieben spannende Jahre

Der Gastschreiber wohnte und arbeitet in der Altstadt. Als Präsident der Altstadtkirchen und Zunftmeister der Zunft Wollishofen lebt und liebt er Zürichs Tradition im Wandel der Zeit. Ende Jahr gibt er die Kirchenkreisleitung ab.
Der 1. Januar 2019 war ein historischer Tag in der Geschichte der reformierten Kirche in Zürich. Die während fünf Jahren vorbereitete Fusion von 31 der 33 reformierten Kirchgemeinden auf Stadtgebiet wurde umgesetzt und dabei entstand der heutige Kirchenkreis eins. Der neue Kirchenkreis brachte die bisherigen Kirchgemeinden Grossmünster, Fraumünster, Prediger und St. Peter zusammen. Dazu wurden dem neuen Kirchenkreis auch das Kulturhaus Helferei und die Wasserkirche zur Mitverwaltung übertragen. Wie kam es dazu und wie haben wir in den sieben Jahren gelernt über die Limmat eng und gut zusammenzuarbeiten?
Herausfordernde Ausgangslage
Bis 1970 wuchs die reformierte Kirche der Stadt Zürich auf rund 240 000 Reformierte mit 33 Kirchgemeinden. Damals wurden noch neue Kirchgemeinden gegründet und Kirchen mit Kirchgemeindehäusern neu gebaut. So spalteten sich von der früheren Grosskirchgemeinde St. Peter beispielsweise bereits 1882 die damaligen Gemeinden Aussersihl, Enge und Wiedikon ab. Viele Jahre später haben sich die Bedürfnisse massiv verändert, noch rund 80 000 Reformierte wurden bei Gründung der neuen Kirchgemeinde Zürich gezählt und die Kirchenstruktur passte sich diesen neuen Anforderungen an. Ausgelöst durch eine städtische Abstimmung im Jahr 2014, wurde die organisatorische Zusammenfassung aller reformierten Kirchgemeinden auf Stadtgebiet angepackt. Kräfte sollten gebündelt werden und neue grössere Organisationseinheiten vor Ort, Kirchenkreise genannt, dem kirchlichen Leben eine neue Basis für die künftigen Aufgaben bieten. Schnell zeigte sich, dass es Sinn machte, die Altstadtkirchen im Kirchenkreis eins zusammenzufügen. Und so starteten die vier Kirchenorte der Altstadt im Jahr 2019 zusammen mit den Kulturhäusern Helferei und Wasserkirche auf eine spannende Reise des Zusammenwachsens.
Kaltstart mit Ansage
Trotz der langen Vorbereitungszeit war dann beim Start des Kirchenkreises eins Altstadt alles neu und die Strukturen keineswegs klar. Die Kirchenkreiskommission löste die bisherigen Kirchenpflegen ab und dank der paritätischen Zusammensetzung, wobei je zwei Mitglieder aus den ehemaligen Kirchenpflegen stammten, konnte einiges an kirchlichem Know-how mitgenommen werden.
Auch persönlich funktionierte es hervorragend, da wir alle in der Altstadt wohnten und uns über unsere Kinder, die ja alle im Hirschengraben zur Schule gingen, kannten. Tragende Säulen des kirchlichen Tagesgeschäftes waren und sind natürlich unsere angesehenen Pfarrpersonen und die vielen Mitarbeitenden, welche sich für den neuen Kirchenkreis engagierten. Es wurde die neue Funktion des Betriebsleiters geschaffen, welcher den Betrieb mit den vielen Angestellten und Teilzeitkräften leitet. Patrick Hess wurde für diese Funktion gewonnen; er hat diese Funktion dieses Jahr an Roman Schiltknecht weitergegeben. Da kommt vieles zusammen, wenn es gilt, die rund 50 festangestellten Mitarbeitenden und die vielen Mitarbeitenden auf Stundenlohnbasis für Konzerte, Führungen und Besucherlenkung in den beiden Münstern zu organisieren. Das hatte uns früher in den alten kleinteiligen Strukturen teils überfordert und die Kraft der Altstadtkirchen kam nur ansatzweise zum Ausdruck.
Es gab viele Herausforderungen, die es anzupacken galt. Dank der neuen Grösse konnten wir Berufsgruppen bilden (Musiker, Sigristen, Kommunikation/Sekretariat, Besucherlenkung und Führungen). Das hat uns eine Schlagkraft in der Umsetzung von grösseren und kleineren Projekten gebracht. Mit den neuen geleiteten Teams konnten wir uns stark weiterentwickeln und obwohl nicht mehr Mitarbeitende zur Verfügung standen fühlt es sich so an, wie wenn wir uns verdoppelt hätten. – Auch konnten Pilotprojekte der früheren Kirchgemeinden übernommen und auf alle Altstadtkirchen übertragen werden, wie beispielsweise die Besucherlenkung im Fraumünster, welche Hans Dölle entwickelt hatte. Die neue Struktur ist aber auch sehr komplex und es galt hier die neuen Machtstrukturen innerhalb des Kirchenkreises, aber auch mit übergeordneten Strukturen auszutarieren. Schliesslich war es auch für die Pfarrschaft eine Herausforderung, sich neu in einem Pfarrkonvent mit bis zu sieben Kolleginnen und Kollegen abzusprechen, gemeinsam den theologischen Lead zu übernehmen und dabei die verschiedenen Kirchenorte bewusst als Profilkirchen weiterzuentwickeln.
Klare Profile, neue Angebote
Jetzt, sieben Jahre, eine Pandemie, zwei grosse Bauprojekte, vier Pfarrwahlen und viele Neurekrutierungen später, ist der Kirchenkreis eins eine leistungsfähige und sehr kompetente Dienstleistungsstruktur für unser kirchliches Leben in der Altstadt geworden. Dass uns dies im hoch getakteten Tagesgeschäftsbetrieb der Altstadtkirchen mit ihren profilierten Kirchenorten gelang, ist nicht ganz selbstverständlich, aber natürlich sehr befriedigend.
Die Zusammenarbeit und die gegenseitige Entlastung klappen immer besser. Neue Angebote im Bereich der kirchlichen Führungen, mit Sommerführungen, sind entstanden. Mit dem Projekt «Arche 2.0» hat die Wasserkirche ganzjährig ein breites Angebot für gesellschaftliche Diskurse entwickelt. Die vier Kirchenorte koordinieren ihre Angebote je nach Profil und ergänzen sich inhaltlich, aber auch über die Wochentage. Angebote wie Orgelkonzerte über Mittag werden gemeinsam in den Münstern orchestriert. Mit der Gloggi-Stube wurde ein gemeinsames Angebot für Begegnungen älterer Altstadtbewohner geschaffen. Mit dem Wirtschaftsdiakon haben wir eine Unterstützung für Kleinbetriebe entwickelt. Gottesdienste sind regelmässig auch online verfügbar und neue Gefässe wie der interreligiöse Gottesdienst am 1. August oder der Open-Air-Auffahrtsgottesdienst auf dem Münsterhof haben sich etabliert. Und nach der Neueröffnung des St. Peter startet 2026 ein neues Gottesdienstkonzept.
Veränderung als Chance
Wir haben es mit der Fusion erlebt: Wandel ist definitiv eine Chance, um Liebgewonnenes in die Zukunft zu bringen. Gesellschaftliche Veränderungen haben die Kirche noch nie kalt gelassen. Oft ist es die Aufgabe der Kirche, sich für die vom Wandel geforderten Menschen einzusetzen. Die reformierte Kirche ist aber auch die Hüterin von christlich kulturellen Traditionen, wo keine übertriebene Gewinnmaximierung und operative Hektik nötig ist.
Ende Jahr ist es nun für mich Zeit, das Amt des Kirchenkreispräsidiums nach sieben Jahren und insgesamt 16 Jahren in der Kirchenleitung vor Ort weiterzugeben. Wir laden im November zur Kirchenkreisversammlung ein.
Es ist Zeit, nach der Phase der Veränderungen der Kreisstrukturen und einer hohen Konstanz in der Behörde, auch die Kirchenkreiskommission geordnet und gestaffelt zu erneuern. Wir haben eine stabile Basis geschaffen. Es ist der richtige Zeitpunkt für neue Projekte und neue Ideen, damit die Kirche nahe an den Menschen bleibt.
Stefan Thurnherr
Unser Gastschreiber
Stefan Thurnherr wurde 1964 in Schwamendingen geboren und ist bei Winterthur aufgewachsen. Nach einer Versicherungsausbildung und der Fachhochschule HWV in Zürich begann er 1993 beim Startup VZ VersicherungsZentrum (heute VermögensZentrum) an der Gotthardstrasse in Zürich. Dem VZ ist er bis heute treu geblieben und hat dort verschiedene Abteilungen im Versicherungs- und Pensionskassenbereich aufgebaut und geleitet. Bis 2016 war er Mitglied der Gruppengeschäftsleitung des mittlerweile börsenkotierten VZ. Heute ist er als Partner im VZ Stiftungsratspräsident und Stiftungsrat von verschiedenen Stiftungen im Bereich der 2. und 3. Säule und betreut Pensionskassen sowie grosse Unternehmenskunden. Seit 2009 ist er in der reformierten Kirche engagiert als Präsident des St. Peter und ab 2019 des Altstadtkirchenkreises. Seit 2023 ist er Zunftmeister der Zunft Wollishofen. – Er hat zwei erwachsene Kinder. Über ein Vierteljahrhundert wohnte er mit seiner Familie an der St. Peterhofstatt und seit kurzem im Toni-Areal im Kreis 5.
Foto: EM