Geschichte und Geschichten

Der Gastschreiber ist der Zürcher Altstadt vielfältig verbunden und kennt sie wie seine eigene Hosentasche.
Mein Arbeitsweg von Brugg über Baden führt mich täglich entlang der Limmat nach Zürich. Ich bin also ein klassischer Pendler. Der Hauptbahnhof als Ort des Zusammenkommens und Auseinandergehens, als Bauwerk mit der imposanten Halle beeindruckt mich noch genauso wie vor bald vierzig Jahren, als ich in Zürich zu arbeiten begann. Beim Warten auf das 3er-Tram begrüssen mich die Figuren über dem Triumphportal des Hauptbahnhofs wie im antiken Griechenland. Über allen sitzt die Landesmutter Helvetia als Förderin des Verkehrswesens, flankiert von allegorischen Frauengestalten, jene darunter verkörpern Handel, Kunst, Wissenschaft und Handwerk. Sie gebieten eindrücklich in Richtung Bahnhofstrasse, ein Sinnbild, das nach wie vor Gültigkeit für ganz Zürich hat. Davon spricht mich das Handwerk besonders an, da es mir in meiner Tätigkeit am Herzen liegt.
Im Tram überquere ich darauf – mit spätmittelalterlichem Bewusstsein – neuerlich die Limmat bei der ehemaligen Papiermühle-Insel (heute Globusprovisorium, Bahnhofbrücke), gelange beim damaligen Niederdorftor (heute Central) in den Hirschengraben (heute Seilergraben), steige beim ehemaligen «Wirthaus Krone» (heute «Rechberg») an der Tramhaltestelle aus, überquere den aufgefüllten Stadtgraben und trete durch das einstige «Kronentor» des Stadtturms (heute Freiraum vor dem Haus Seilergraben 1) in den «Nüwmerckt» ein. Nach diesen weitreichenden städtebaulichen Erneuerungen des 19. Jahrhunderts nimmt mich der Neumarkt als historisch intakter Gassenzug wohltuend auf. Das untere Ende ist vom «Grimmenturm» (Spiegelgasse 31) überragt, der mich mit seiner mittelalterlichen Erscheinung und der Uhr empfängt.
Dann freue mich jedesmal aufs Neue, dass sich hier im «Haus zum Tannenberg» seit 1993 mein Arbeitsplatz befindet.
Glücksfall Neumarkt
Aus meiner langjährigen Arbeit weiss ich vom historisch bedeutsamen Neumarkt: den ersten Siedlungsspuren im frühen 11. Jahrhundert; dem 1145 erwähnten «Novum Forum», als Fortsetzung der bestehenden Märkte; im 13. Jahrhundert quert beim Brunnen eine kaum befestigte Furt den Wolfbach und steinerne Kernbauten bestehen bereits, die bis ins 19. Jahrhundert laufend erweitert, erhöht, verdichtet werden. So ist das geschlossene Gassenbild mit den repräsentativen Fassaden entstanden. Anders zeigt sich die verwinkelte Rückseite mit den Anbauten, Hofgebäuden, Gärten und Hofmauern, wo es ruhig und bewachsen ist – idyllische grüne Oasen mit angenehmer Atmosphäre, die Stadt scheint weit weg zu sein. So kann ich mir auch vorstellen, in der Stadt zu wohnen.
Altstadt als vielseitiger Ort
Seit bald zweiunddreissig Jahren fühle ich mich wegen der Arbeit am Neumarkt zu Hause und habe das Leben hier und seine Bewohnenden gut erfahren. Man kennt sich, schätzt die Verbundenheit und gegenseitige Hilfe, kurz: man fühlt sich als grosse Familie. Dieser Geist ist mir auch in der Arbeit entgegengekommen, mit viel Interesse an meinem Sein und Tun. Daraus sind einige Freundschaften entstanden. Die Menschen haben sich begeistern lassen von den Qualitäten in ihren vier Wänden, dass ihr Alltägliches besonders ist und darum Wertschätzung und Pflege verdient.
Erfüllende Tätigkeit
Nun habe ich mich also den grössten Teil meines Lebens mit Denkmälern, Geschichte und Architektur beschäftigt, in Tätigkeiten wie Zeichnen, Fotografieren, Untersuchen, Dokumentieren und Analysieren. Wunderbar, was als Hochbauzeichner angefangen und in Zürich geworden ist. Ein gutes Team hat ABKW ausgezeichnet und mit Thomas Kohler und Daniel Berti ebenso gute Geschäftspartner. Ein spannendes Arbeitsfeld im Bereich Bauforschung und Archäologie hat sich unter anderem mit dem Hotel-Widder-Projekt im Augustinerquartier eröffnet.
Alles hat sich so gut entwickelt, dass daraus nun bald vierzig Jahre geworden sind. Eine lange Zeit, die schnell vergangen ist. Das hat mit der spannenden Materie an sich zu tun, mit Zürich als geschichtlich bedeutende Stadt und ihrem grossen Bestand an Bausubstanz unter und über dem Boden. Aber auch mit der guten Zusammenarbeit mit den Bereichen Archäologie und Denkmalpflege vom Amt für Städtebau, in deren Auftrag wir Dienstleistungen für die Stadt Zürich erbracht haben.
Die Arbeit ist äusserst interessant und sinnvoll gewesen, viel Wertschätzung haben wir da erfahren. Arbeit ist wirklich eine der schönsten Formen um miteinander zu tun zu haben und gemeinsam an dieser grossen Aufgabe zu wirken. Neben dem Forschungsaspekt hat unsere Arbeit auch viel zum schönen Erscheinungsbild von Zürich beigetragen, das stimmig und fein abgestuft ist, das sich lohnt genau anzuschauen und differenziert wahrzunehmen. Wenn ich durch die Altstadt gehe, merke ich, dass mich ein Grossteil der Altstadthäuser und unzählige Bodeneingriffe beschäftigt haben. Überall melden sich Erinnerungen. Viel Gutes habe ich mit meiner Arbeit beitragen können, zu meiner grossen Freude erfolgreich, daneben muss ich manchmal ein Auge zudrücken.
Jeder Einblick in den Boden oder in die Wand ist aufschlussreich, überall ist Geschichte sichtbar, gibt es Funde und Befunde, die einen weiteren kleinen Stein zum grossen Mosaik der Stadtgeschichte Zürichs beitragen. Und diese Geschichte geht weiter, sie ist und bleibt spannend!
Fortsetzung
Seit anfangs 2025 bin ich pensioniert und die Firma ABKW steht in der Auflösung. Endlich komme ich nun dazu, die alten Untersuchungen abzuschliessen. Dies geschieht im Rahmen einer Anstellung bei Archäotektur Caroline Diemand. Weitere neue Kräfte sind auf den Platz Zürich getreten und ich kann einen Schritt zurück machen.
So bin ich also weiterhin an zwei Wochentagen tätig – einfach im Büro, nicht mehr überall in der Altstadt bei laufenden Bauuntersuchungen. Aber wenn ich gefragt bin, so bin ich da und pflege auch gern den entstandenen Freundeskreis weiter – beispielsweise bei einem Café am Neumarkt.
Zürich ist ein hauptsächlicher Teil meines Lebens und ich bedanke mich an dieser Stelle herzlich bei allen Beteiligten für diese reiche Zeit!
Felix Wyss
Unser Gastschreiber
Felix Wyss (1956) ist in Baden aufgewachsen. Hochbauzeichnerlehre in einem auf Denkmalpflege spezialisierten Architekturbüro. 1976 bis 1978 Dienst in der Schweizergarde in Rom. In Bauforschung/Archäologie tätig ab 1979 in Zurzach, Einsiedeln, Müstair und seit 1986 in Zürich. 1988 Mitarbeit bei Ausgrabungen in Jordanien. Kommissionsmitglied im Bereich Kultur und Ortsbildschutz in Wettingen und Würenlos. 1987 bis 2024 Partner/Mitinhaber im Atelier Berti, Kohler & Wyss Zürich (ABKW), ab 1993 mit Büro am Neumarkt. Projektleiter von vielen Bauuntersuchungen und kleinen Ausgrabungen in Zürich und der ganzen Schweiz. Der Vater zweier erwachsener Kinder lebt in Brugg.
Foto: EM