Mein Leben im Musikerhaus

Ingrid Lukas, esthnisch-schweizerische Singer-Songwriterin, Pianistin und Bandleaderin, beschreibt als Gastschreiberin dieser Nummer ihr temporäre Bleibe im Musikerhaus Zürich poetisch und feinfühlig. «Wie ein klingender Garten», so die 39-Jährige.
Wenn ich morgens die Fenster meines Zimmers im Musikerhaus öffne, strahlen mir als Erstes die Dachgärten von Brigitte, Luca und Andres entgegen – kleine Oasen hoch über den grauen Ziegeln, so bunt und lebendig, dass mein Herz augenblicklich leichter wird. Dazu mischt sich der Duft von frisch gemahlenem Kaffee, der durch die Gassen zieht und ein Hauch von Geschichte, der in jeder Fuge der alten Gemäuer steckt.
Die engen, verwinkelten Gassen, das Kopfsteinpflaster unter den Schritten, das Geläut der Kirchenglocken – all das erzählt von Jahrhunderten voller Leben. Und genau hier, in dieser Kulisse, habe ich mein Zuhause gefunden: als Sängerin, Komponistin, Stimmcoach und Musiktherapeutin.
Oft werde ich gefragt: «Ingrid, wie ist es eigentlich, in der Zürcher Altstadt zu wohnen?»
Und ich antworte stets mit einem kleinen Schmunzeln: Es ist wie in einem Dorf – nur mit mehr Touristen und deutlich weniger Kühen.
Einzug mit Humor und Herz
Als ich vor bald sechs Jahren hier einzog, rief mir Edith vom Küchenfenster vis-à-vis strahlend zu: «Herzlich willkommen! Ich wünsche dir ein wunderbares Leben in der Altstadt.» Und so war es. Edith war eine der liebevollsten und humorvollsten Menschen, die ich kennenlernen durfte. Sie ist leider nicht mehr da, doch ihre Weisheit und Herzlichkeit klingen in meinem Leben jeden Tag weiter.
Und dann war da Jürg, der Graviermeister und freundlicher Rufer: «Einen schönen Tag, liebe Ingrid!» – so oft, dass es wie mein Stadtgeläut klang. Er spielte Schwyzerörgeli, ich sang – Musik erfüllte seine Werkstatt. Als er von uns ging, verabschiedeten wir ihn mit einem Fest voller trauriger und lebendiger Lieder – ein Moment, der bleibt.
Musik als Zuhause
Das Musikerhaus selbst – die Wohnungen werden an Musikerinnen und Musiker vermietet – ist ein kleines Wunder. Es knarzt, es atmet, es summt. Wenn ich früh morgens am Klavier sitze, frage ich mich manchmal, ob die alten Mauern mitschwingen. Musik war hier immer zu Hause – und jetzt darf ich ein Teil dieser Tradition sein.Für mich ist Musik nicht nur ein Beruf, sondern ein Lebensraum. Sie ist Heimat, Ausdruck, Heilung und Abenteuer in einem. Ich liebe es, Menschen mit meiner Stimme und meinen Liedern zu berühren – sei es auf einer Bühne, in einem Therapieraum oder in einem Stimm-
coaching.Als Musiktherapeutin sehe ich, wie Töne Brücken bauen können: zwischen dem, was wir fühlen und dem, was wir noch nicht in Worte fassen können. Eine Improvisation oder ein Lied können trösten, Mut machen oder einfach mal erlauben, herzlich zu lachen. Als Stimmcoach begleite ich Menschen dabei, ihre eigene Stimme zu entdecken – ihre Sprechstimme oder ihre Gesangsstimme.
Musikalische Nachbarschaften
Unser Musikerhaus ist wie ein klingender Garten: Jan spielt Flöte und lässt die Pflanzen aufblühen, Omri wirbelt mit Free Jazz meine Ohren wach und Herbert und Jojo lassen mit ihren Kontrabässen das Haus im Rhythmus des Tangos glühen. Nachts wacht ein unsichtbarer Hüter über unsere Ruhe mit einem entschlossenen «Pssssst!»
Dazwischen blühen die kleinen Freuden: gute Gespräche mit Roli im Saxofonladen, köstlicher Tee aus Franziskas Teeladen, ein herzliches Hallo mit Peter und Doris und neulich sang ein Mann vor dem Restaurant Madrid mit voller Inbrunst «’O Sole Mio». Für einen Moment war die Altstadt Neapel und wir alle mittendrin.
Zürich – meine Muse
Zürich ist für mich weit mehr als nur eine Stadt – sie ist meine Muse. Wenn ich am Limmatquai entlangspaziere, Nik Bärtsch in den Kopfhörern höre, die Sonne im Wasser glitzert und die Schwäne sanft dahingleiten, formen sich oft schon die ersten Melodien eines neuen Liedes in meinem Kopf. Und dann ist da noch meine ganz persönliche Muse: Peter, direkt gegenüber. Regelmässig winken wir einander mit unseren grünen Küchentüchern aus dem Fenster zu. Kein Wort, nur dieses stille, fröhliche Zeichen – unser leises «Hallo, alles gut bei dir?» Ich liebe die Balance hier: Auf der einen Seite die Lebendigkeit der Altstadt mit ihren Bars, Theatern und Konzerten, auf der anderen Seite der stille Zauber in den Gassen am frühen Morgen oder spätabends. Diese Mischung hält mich kreativ und erinnert mich immer wieder daran, dass Musik beides braucht: Lärm und Stille, Rhythmus und Pause.
Einladen, teilhaben, mitschwingen
Ich wünsche mir, dass noch mehr Menschen Musik als eine Quelle von Lebendigkeit, Heilung und Freude entdecken. Deshalb lade ich immer wieder zu Konzerten, Workshops und Stimmcoachings ein. In meinen Angeboten geht es nicht darum, perfekt zu singen, zu klingen oder zu sprechen, sondern ehrlich und authentisch. Nicht darum, jede Note zu treffen, sondern sich selbst und anderen Menschen zu begegnen.
Ob als Sängerin auf der Bühne, als Komponistin am Klavier oder als Therapeutin im Gespräch – mein Ziel ist immer, einen Raum zu öffnen, in dem Menschen sich berührt fühlen. Manchmal durch eine Melodie, manchmal durch ein gemeinsam geschriebenes Lied.
Dankbarkeit und Ausblick
Wenn ich abends das Licht lösche, höre ich oft noch lange das Echo der Stadt: das Knarren der alten Balken, die Schritte auf dem Pflaster, das Plätschern des Brunnens und das ferne Lachen von Jojo. Ihre fröhliche Stimme hallt immer wieder durch das Haus und die Froschaugasse, so warm und ansteckend, dass man einfach mitlächeln muss. Dann spüre ich eine tiefe Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass ich hier wohnen darf, dass ich mit Musik leben darf, dass ich diese Stadt lieben darf.
Mein Leben im Musikerhaus in der Zürcher Altstadt ist voller Abenteuer – ein Geschenk und eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration.
Und vielleicht – wer weiss – klopft eines Tages jemand nicht zufällig, sondern gezielt an meine Tür: auf der Suche nach ihrer/seiner eigenen Stimme.
Dann werde ich sie/ihn mit offenen Armen empfangen.
Ingrid Lukas
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Unsere Gastschreiberin
Ingrid Lukas (1984) stammt von Tallin (Estland) und ist mit zehn Jahren in die Schweiz gekommen. 2002 bis 2007 hat sie an der Hochschule Musik und Theater Zürich Jazz und Populargesang studiert. 2008 Gründung ihrer Band «INGRID LUKAS». 2015 bis 2018 Masterstudium Musiktherapie an der Universität der Künste in Berlin. Sie arbeitete fünf Jahre in der Psychosomatischen Rehaklinik Barmelweid in der Nähe von Aarau, seit sechs Jahren als Musiktherapeutin im Sanatorium Kilchberg.
Seit 22 Jahren ist Ingrid Lukas Gesangslehrerin, wovon 17 an der Musikschule Zürcher Oberland in Wetzikon. Daneben freischaffender Stimmcoach. Konzerte mit ihrer Band (ingridlukasmusic.com). Sie wohnte zunächst in Winterthur, zog 2002 nach Zürich und lebt seit 2019 an der Froschaugasse 20.