Lecker, preiswert, sympathisch

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Es gäbe auch Chääs-Röschti oder Zürcher Chümmi-Chuttle. Aber wir haben uns für falsche Schnecken und für den Anti-Jäger-Teller entschieden. Weinbergschnecken gabs grad keine. Das «Weisse Kreuz» ist eine Oase der bodenständigen, preiswerten Küche direkt am Bahnhof Stadelhofen.

Von Esther Scheidegger

Spitzer könnten die Gegensätze nicht sein: Vom Gleis her züngelt Zürichs derzeit modernste Architektur, der flirrende Glasbau von Calatrava, in Richtung Falkenstrasse. In der entgegengesetzten Ecke steht stämmig und behäbig das «Weisse Kreuz». (Bitte nicht mit dem Restaurant «Zum Weissen Kreuz» an der Rössligasse 3 verwechseln, auch nicht mit dem «Weissen Wind», einem weiteren Zürcher Beizen-Unikum in Spazierganglänge entfernt.)

Das «Weisse Kreuz» gibt es seit 1922. Es war lange Jahre eine «Chnelle» mit ausgesprochen niederschwelligem Zugang. Jetzt ist es eine gepflegt eingerichtete gut bekochte Institution mit einer auffallend freundlichen Bedienung. Unser Kellner kam aus Sri Lanka. Die weite Reise hat sich gelohnt, für seinen Chef und für ihn hoffentlich auch. Er hat augenscheinlich Freude an seinem Beruf.

Spezieller Jäger-Teller

Die Karte enthält alles, was in Zürich währschaft ist – und dazu ein paar Überraschungen. Zum Beispiel eben diesen «Anti-Jäger-Teller» (Fr. 28.50). Ich habe eigentlich überhaupt nichts gegen Jäger, bin ja mit einem söttigen liiert. «Anti» bedeutete einfach fleischlos – und es war super: hausgemachte Spätzli, Rotkraut mit Marroni, Kürbis, Rosenkohl, Pilzragout im Pastetli und eine Preiselbeer-Rotweinbirne. Mein Jäger hatte sich auf eine der Spezialitäten des Hauses gefreut: Weinbergschnecken. Doch die gabs bei unserem Besuch gerade nicht. Der freundliche Kellner empfahl «falsche Schnecken»: Crevetten im heissen Schneckenpfännli mit der den Weinbergschnecken würdigen Sauce. Es war ein Leckerbissen!

In der von 11 Uhr bis Polizeistunde gültigen Speisekarte mischen sich traditionelle Gerichte mit originellen Kreationen. Da ist zum Beispiel das «Chrüz-Plättli». Es beseht aus Bündnerfleisch, Bündner Rohschinken, Salami, Käse, Gurken und Tomaten (Fr. 29.50). Und wo gibt es noch frische Kalbsleber (Fr. 34.50)? Oder Chäs-Röschti mit Speck und Bergkäse (Fr. 20.50)? Und das alles in ausgesprochen ländlichen Portionen-grössen.

Unzürcherisch sympathisch

Das Lokal hat einen super Speisekarten-Texter. Er serviert das Rehgeschnetzelte Hubertus (Fr. 36.50) an einer sämigen Waldpilzsauce mit hausgemachten Spätzli und Rosenkohl. Die Hirschbratwurst gibts mit gebratenen roten Zwiebeln und Preiselbeersenf mit Rösti-Kroketten und Rotkraut (Fr. 27.80). Und jemand muss diese Sachen ja auch kochen! Der Fuhrmannssalat wird mit Käse und Zwiebeln buntsalatig serviert (Fr. 15.50/21.50). 

Schöne Weinkarte

Natürlich gibt es auch Prosecco, der kostet 54.50. Aber die meisten Flaschenweine kosten unter 50 Franken. Wie zum Beispiel der Chardonnay DOC Bevion Boeri. Oder ein Saint-Saphorin aus gutem Hause (Fr. 48.–). Für den Rotwein nehmen sie im «Weissen Kreuz» grob gerechnet zwanzig Prozent weniger als anderswo, namentlich in der teuren Umgebung des inneren Seefelds: Schiterberger Himmelsleiterli von Landolt (Fr. 49.–), Pittnauer Zweigelt aus dem Burgenland (Fr. 44.–).

Fast unglaublich, diese mässigen Preise! Das ist eins der Erfolgsgeheimnisse der Beffa-Gastronomiegruppe, die 1922 mit dem «Aargauerhof» anfing und zu der das «Weisse Kreuz» ebenso gehört wie das «Blockhus» am Hechtplatz, der «Gambrinus» an der Langstrasse und der Hardhof: alles erstklassige Lagen!

Das Eierfraueli-Prinzip

An diesem späten Nachmittag im «Weissen Kreuz», das durchgehend warme Küche anbietet, ist das Beffa-Konzept geradezu mit Händen zu greifen: Während die teuren Lokale auch an guten Lagen zu Bürozeiten manchmal vor Leere gähnen, ist der Laden im «Kreuz» bumsvoll. Wir haben mehrere neu ankommende Gäste beobachtet: Sie hatten reserviert – und wer tut das schon in einer «Chnelle» an einem Verkehrsknotenpunkt?

Es ist das gute alte Eierfraueli-Prinzip: «Die Masse machts!» So hat Duttweiler die Migros in die Höhe gebracht. Er hat sich seine Marge gekürzt und dafür mehr Ware verkauft. Dutti wusste und Beffa weiss es auch: Am Ende des Tages hat man Franken verdient, nicht Prozente!

Der Speisekartentexter verführt uns ganz entgegen unseren Gewohnheiten noch zu einer «Bsoffnen Pfluume» (eingelegte Dörrpflaumen mit Zimtglace und Schlagrahm, Fr. 12.50). Das nächste Mal nehmen wir ein «Dentistenträumli» (Caramelköpfli mit Rahm») oder eine «Mariandel» (Aprikosensorbet mit Grappa).

Kompliment: Das, was sie im «Weissen Kreuz» machen, nennen wir nach Bezahlung der ungewöhnlich niedrigen Rechnung kreative Gastronomie! 

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Restaurant Weisses Kreuz, Falkenstrasse 27, 8008 Zürich (beim Bahnhof Stadelhofen) Telefon 044 251 49 50, Öffnungszeiten: Montag bis Sonntag 8:30 bis 24 Uhr, Warme Küche 11 bis 23 Uhr.