Grazie mille – buon Natale!

Esther Scheidegger schreibt zum letzten Mal eine "Regula".
Regula heisst eine meiner Schwestern. Der Name hat mir immer besonders gefallen. Darum heisse ich im Weltblatt für den Kreis 1 seit 2011 so.
Zürich wird in der Adventszeit totalBlack Friday. Baron Philippe de Rothschild zum Beispiel wirbt für seinen Bordeaux, der anstatt 21.80 vorübergehend nur 9.90 kostet. Und als Magnum-Geschenk dazu gibt es eine Magnum Mouton Cadet. Bauhaus offeriert echte Weihnachtsbäume, aber auch eine Buschbeck Feuerschale Wildfire fast gratis oder einen Fondue-Grill-Ofen oder einen Keramik-Heizlüfter. Peter Hahn ist sowieso überall. Bei Antik Reichenbach gibt es Goldbarren in allen Grössen, und sie suchen dringend Zahngold. Bei Schwander gibt es die Edition Dürrenmatt statt für 21 für 18.90 Franken. Otto’s bringt «Caran d’Ache»-Farbstifte mit 40 Prozent Rabatt unter die Leute, aber auch Persil ( –56 Prozent) oder Pampers (–37 Prozent). Wer nicht zuschlägt, ist selber schuld.
Lokalzeitungen leben zwar von der Auskündung solcher Schnäppchen, aber sie erfüllen noch andere Zwecke, insbesondere im direkt demokratisch und von unten aufgebauten Staatswesen. Die in der Schweiz seit der Staatswerdung von 1848 eingebürgerte aktive Mitarbeit des Bürgers ist anderswo zum Vorbild genommen worden. Der schwe dische Literaturhistoriker Sven Lindqvist hat sie am Ende der 1980er-Jahre bündig formuliert: «Grabe, wo du stehst!»
Ich habe seit ca. 2009 diesen Aufruf befolgt, weil es Spass machte, sich kommentierend einzumischen und beim mit stolzer Ironie «Weltblatt für den Kreis 1» genannten Altstadt Kurier mitzumachen. Das Echo war – lange vor der niederschwelligen digitalen Dialogmöglichkeit – nicht sehr zahlreich, aber wohlwollend und interessiert.
In China mag jeden Tag ein Sack Reis umfallen, aber wirklich interessiert sind die Leute nach wie vor daran, was sich um die Ecke, in der Nachbarschaft abspielt. Der Altstadt Kurier hat immer interessante Persönlichkeiten aus dem Quartier vorgestellt und die Folgen der globalen, nationalen, städtischen Politik für den nachbarlichen Alltag gespiegelt.
Darum hat er überlebt, und wenn er – gerne vielleicht demnächst einmal formal etwas modernisiert – weiter bei Lindqvists Parole bleibt, wird er weiterhin nötig sein, weil die Menschen nichts lieber lesen als die Geschichten von anderen Menschen. Das digitale Medienzeitalter hat Blogs, Podcasts und andere Darstellungsformen hervorgebracht, die eigentlich nichts anderes sind die die Fortsetzung des Altstadt Kuriers mit neuen Mitteln. Ich wünsche euch allen Glück und werde das Weltblatt weiterhin lesen, selbst wenn ich demnächst schweren Herzens die lieb gewordene Wohnung an der Kirchgasse verlassen werde.
Nach 34 Jahren!
Regula (alias Esther Scheidegger)