Wallfahrtsreise

«Im Kino gewesen. Geweint». Dem Autor dieses Tagebucheintrags, dem Schriftsteller Franz Kafka, kämen heute wohl kaum im Kino die Tränen, sondern vielmehr angesichts der Tatsache, dass es dieses fast nicht mehr gibt. Das grassierende Sterben der Lichtspielhäuser kommt nicht von ungefähr. Laut kürzlich veröffentlichen Zahlen des Kinobranchenverband Pro Cinema gingen im Jahre 2025 Herr und Frau Schweizer durchschnittlich gerade noch ein einziges Mal ins Kino. Wie traurig!  

Nachdem mein Kolumnenkollege Felix sich in letzter Zeit relativ oft in den Untiefen der Nostalgie gesuhlt hat (siehe etwa den Nachruf auf das Restaurant Schlauch), möchte ich es ihm heute ausnahmsweise gleichtun. Ich breche auf zu einem Streifzug der Erinnerung und statte den Altstadt-Kinos von damals – oder vielmehr ihren Geistern – einen Besuch ab. 

Aufgekeimt war meine Liebe fürs Kino im Bellevue, in den Räumlichkeiten des heutigen Café Felix, wo fast ausschliesslich Trickfilme gezeigt wurden. Hier tat ich es Kafka schon bei meinem ersten Kinobesuch gleich und vergoss bei «Bambi» bittere Tränen. Bald darauf war ich reif für das Kino Nord Süd und seine anspruchsvollere Filmkost. Das Kino war fast unschlagbar unkomfortabel. Bald schon reifte in mir die Erkenntnis, dass das Erleben von wahrer Kunst durch einen gut gepolsterten Sessel nicht befördert wird. Im Gegenteil: das Gefühl, im Gestühl des Nord Süd einen dreistündigen Autorenfilm ohne Pause überlebt zu haben, hatte etwas Erhabenes. Man hatte Leidensfähigkeit bewiesen und war nun endgültig im Kreis der Cinephilen aufgenommen. Und irgendwann gehörte man zu den ganz Frommen, die andächtig sitzen blieben, bis der letzte Akkord des Abspanns verklungen war.

Etwas komfortabler: das Kino Frosch, allerdings erst ab Sitzreihe 2. Die erste Reihe war berüchtigt für ihre Nähe zur Leinwand. Wer den Begriff Coiffeur-Loge nicht kannte, konnte hier erfahren, was er bedeutete. Dafür waren die Filme nie grösser als hier und mit den Stars war man gewissermassen auf Tuchfühlung.

Fast schon unverschämt komfortabel dagegen das Kino Wellenberg. Wo heute Turnschuhe verkauft werden, lag vor nicht allzu langer Zeit noch buttriger Popcorn-Duft in der Luft.  

Ein weiterer unverzichtbarer Halt auf der Wallfahrtsreise zu den toten Kinos: das Radium. Die Idee, ein Kino nach einem radioaktiven chemischen Element zu benamsen, mutet aus heutiger Sicht eher unkonventionell an. Auch der Grundriss des Kinos war im besten Sinne speziell. Ein langgezogener schmaler Raum, in dem der Film gewissermassen als Licht am Ende des Tunnels präsentiert wurde: fast wie Sterben, nur viel schöner.

Selbst dem Stüssihof trauere ich eine Träne nach. Zugegeben, Anlass für cineastische Höhepunkte bot das Kino selten (mit Betonung auf cineastisch). Doch manche Titel der dort gezeigten Sexfilme waren in ihrer Doppel- oder Anderthalbdeutigkeit derart lustig und skurril, dass mindestens diesbezüglich wahre Künstler am Werk sein mussten.

Und, last but not least, die Königin unter den Kinos: das Alba. Derart schön, dass es dem unausweichlichen Tod lange von der Schippe springen konnten, um dann vor  einigen Jahren doch den letzten Vorhang fallen zu lassen.

Ruhet in Frieden, liebe Kinos! Und auch wenn ihr es vermutlich nicht mehr hören könnt: Danke. Ohne Euch wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin.

PS Wie wenn der Abgesänge nicht schon genug wäre. Kurz vor dem Druck des Altstadt-Kuriers erfolgte noch die Meldung, dass das magistrale Corso-Kino beim  Sechseläutenplatz 2029 für immer zu geht. Grund: Die Stadt saniert das ganze Haus, für ein Kino habe es nachher keinen Platz mehr.