Milieu und Literatur

Der Stadtgang über das Leben und Wirken von Dora Koster wird am Donnerstag, 26. Februar wiederholt. Hier ein stimmiger Einblick in die erste Veranstaltung.

Stefan Howald

Das Niederdorf und Dora Koster (1939-2017): Zu beidem gab es viel zu hören beim Stadtgang am 22. Januar, gemeinsam organisiert vom bücherraum f und dem Musée Visionnaire. Wie das Niederdorf, die villa inferior, einst durch das Niederdorftor beim heutigen Central die städtische Aussengrenze bildete; wie es zum Arbeiterquartier und zum Rotlichtbezirk mutierte, wobei mit der Zähringerstrasse eine Schneise durch einige verwinkelte Gassen und Häuser geschlagen wurde und es Pläne bis in die 1950er-Jahre gab, das Dörfli ganz abzureissen  und neu aufzubauen; wie das Rothaus an der Marktgasse, mit einer immer noch vorhandenen Verbindung unter der Strasse hindurch zum einst gegenüberliegenden Goldenen Schwert, jahrzehntelang mit Programmen zwischen Variété und Striplokal gehobenere Erotik nach Zürich brachte. Wir erfuhren, wie und wo Dora Koster 1964 als Prostituierte ins Milieu einstieg und wie ihr Ein- und Umstieg 1980 in den Literaturbetrieb für ihren ersten Verleger nicht nur angenehm verlief.  Wir folgten ihren wechselnden Wohnorten und deren sozialgeschichtlichen Hintergründen. Etwa zur Schoffelgasse, wo Emmy Hennings 1916 zusammen mit Hugo Ball in der «verruchtesten Gasse» in ganz Zürich hauste, dort im Akkord Knöpfe annähte, bis sie eine Anstellung  als Chanteuse im benachbarten Hirschen fand und dann, nur wenig davon entfernt, Dada entstand; und sechzig Jahre später gleich vis-à-vis Dora Koster ein Studio betrieb, ebenso wie Lady Shiva, die einige Jahre lang den Spagat zwischen zwielichtigem Milieu und glorioser Kunstszene schaffte. Und dann Dora Koster, erneut die Strassenseite wechselnd, im berühmten Café Gloria an der Schoffelgasse 7 Schach gegen Grossmeister ebenso wie gegen Laien spielte, die sie schnell abzockte. Ein anderer sozialhistorischer Hintergrund tat sich an der Froschaugasse auf, benachbart einerehemaligen Synagoge, im einstigen Gebäude eines christlichen Konvents, wo Dora Koster unermüdlich gemalt und eine Kleinkunstbühne eröffnet hatte, und schliesslich gelangten wir zum Neumarkt, wo sie 2012 den Puck in Shakespeares «Sommernachtstraum» gespielt hatte. Zwischen den Erläuterungen von Stefan Howald, der den Nachlass von Dora Koster betreut hat, las Giorgina Hämmerli Originaltexte von Koster, Autobiografisches ebenso wie  Gedichte, mit deren ganz eigentümlichen Sprachgewalt, auch zum blauen Zürich, dem Dora Koster in Hassliebe verbunden war und zu dem sie unverbrüchlich gehörte.  

Der Stadtgang wird am Donnerstag, 26. Februar  wiederholt. Er dauert gut 2 Stunden und kostet 20 Franken. Treffpunkt um 17 Uhr an der Zähringerstrasse 43 (beim Hotel Rütli/Buchhandlung Klio).  Anmeldungen gerne unter buch@buecherraumf.ch