Passionen zum Lebensinhalt gemacht

Victor Rosser hat privat und beruflich das an die Hand genommen, wovon wohl viele träumen. Musiker, Eventmanager, Werber und Medienprecher. Nun tritt er zumindest etwas kürzer.
Lorenz Steinmann
Er sieht ein bisschen aus wie der ältere Bruder von George Clooney. Victor Rosser, der im Mai seinen 76. Geburtstag feiert. Weil er seit seiner Jugend Tennis (TC Witikon) und Fussball spielt (ehemals FCZ-Junioren, heute D.l.n. Frischauf Seefeld), ist der Betriebswirtschafter (Uni Zürich) topfit und sprüht vor Tatendrang.
Als Portraitierter im Altstadt-Kurier eignet sich Victor Rosser, weil er als Wirtesohn an der Zähringerstrasse aufgewachsen ist, später das geschichtsträchtige Haus erbte und es seit gut 30 Jahren verwaltet. Und weil er als Sprecher des Zentralkomitees der Zünfte Zürichs (ZZZ) jedes Jahr für die «zöiftige» Kommunikation verantwortlich ist.
Leichtfüssig kommt er ins Redaktionszimmer am Neumarkt 8 gelaufen. Trotz unter den Armen geklemmter Fotoalben. Dieser Mann hat etwas zu erzählen! Auch wenn er wie ein (nahbarer) Grandseigneur wirkt, kommt er von der ersten Minute an als minutiöser Schaffer rüber. Offensichtlich überliess er Zeit seines Lebens nichts dem Zufall. Bereitete etwa jeden Gig der eigenen Band (Trompeter bei der «Bucktown Jazz Band») und später als Musikmanager detailliert vor. Etwa im in den 70er Jahren angesagten Mississippi an der Zähringerstrasse 33 beim Central.
So zumindest wirkt es, weil er seine Erlebnisse, aber auch die vielen Erinnerungen in Form von Fotos, Verträgen, Werbepostern und sogar Zündholzbriefchen akribisch archiviert hat. Dabei war die Hochblüte der Livemusik in Restaurants Ende der 1970er Jahre schon etwas am Verblassen. Doch der später mit seinen Gastro-Betrieben berühmt gewordene Fred Tschanz (1929-2012) war Förderer dieser Musikkultur, obwohl sie sich finanziell nicht wirklich lohnte. Tschanz war sogar eine Zeitlang Chef von Victor Rosser. Herrlich, die Künstlerverträge und Fotos mit dem jugendlich wirkenden Tschanz in Rossers Unterlagen. «Solche Lokale taten dem damaligen «Bünzli-Zürich» enorm gut», urteilt Rosser aus heutiger Warte. Seiner (sympathischen) Ordnungsliebe geschuldet ist, dass sich Rosser fürs Portraitgespräch auf der Redaktion perfekt vorbereitet hat. Rosser bringt nichts weniger als das originale Gästebuch des legendären Café Biedermeier mit. Verewigt haben sich im Familienbuch Rossers Grössen wie Heinz Rühmann, Hannes Schmidhauser, Ines Torelli, Ettore Cella und Annemarie Blanc. «In jenem Haus an der Zähringerstrasse 38 wuchs ich auf, das Restaurant war meine Wohnstube», erzählt der zweifache Familienvater fröhlich. Geführt haben das Café-Restaurant ursprünglich Victor Rossers Grossmutter Martha Zbinden (zuerst als Café Zbinden), später Rossers Eltern Eugen und Esther, kurze Zeit auch das (mittlerweile abgerissene) Restaurant Post in Witikon, und eben das «Biedermeier».
Biedermeier? Was heute, naja, etwas gewöhnlich tönt, war ab 1940 viele Jahre ein gefragter Treffpunkt für Studenten, Schachfreunde, aber auch für Künstlerinnen und Künstler. Wie aber kam das Schauspieler-«who is who» der 50er Jahre in besagtes Album? 1951, da war Rosser junior gerade mal ein Jahr alt, wurde neben dem Café das Theater am Central eröffnet. So wurde das Biedermeier zum beliebten Künstlerlokal und Theatercafé. «Mit der Schliessung des Theaters und Eröffnung des Kinos Alba war dann die Künstlerzeit unseres Cafés vorbei», erzählt Victor Rosser. Das Theater habe es ohne Unterstützung der Stadt (zu) schwer gehabt. Als sich Victor Rossers Eltern 1973 dann pensionieren liessen, war es Zeit für einen Neuanfang.
Das erste Schottische Pub
Typisch Familie Rosser liess man sich etwa völlig Neues einfallen. Das erste schottische Pub in Zürich! Das «Bonnie Prince Pub» sollte während 50 Jahren und bis 2023 bestehen bleiben.
Nach einem Umbau und der Zusammenarbeit mit der Commercio Piccadilly AG von Nicolas von Graffenried heisst die Lokalität seit September 2024 ORA Bar. Warum der Name? «Ora» bedeutet Stunde auf Italienisch. «Oder auch Zeit», wie auf der Website der Commercio-Gruppe nachzulesen ist. Victor Rosser gefällt der Name und er ist Profi genug, um den Marketingverantwortlichen nicht dreinzureden. Er, der sich sein Studium mit Nebenjobs wie Reiseleiter, Schallplattenverkäufer, selbstredend Musiker und Lehrer an den JuventusSchulen finanzierte, war beruflich am glücklichsten, wenn er selbständig agieren konnte.
«Darum machte ich mich mit 34 Jahren selbstständig und gründete zusammen mit meinem Art Director-Kollegen die Agentur Wacker und Rosser an der Carmenstrasse». Seit 2012 ist Rosser Alleininhaber der wundr.ch, nun an der Freiestrasse. Wenn man das Portfolio seit 1985 anschaut, sieht man, dass Rosser durchaus im Konzert der Grossen mitspielte. BMW, Nintendo, DELL, VBZ, Zürich Tourismus und viele weitere waren die Werbekunden.
Heute nimmt es Rosser etwas ruhiger. «Ich möchte nicht mehr neu als Werber anfangen müssen, die Kleinen haben es enorm schwierig», urteilt Rosser. Doch voll dabei ist er nach wie vor, wenn es um die Zünfter und um das Sechseläuten geht. Der Stadtzürcher Bürger ist seit 1998 dabei in der Zunft Witikon, war von 2000 bis 2010 Stubenmeister, 2010 bis 2020 Statthalter. Und seit 2015 Presse-Chef des Zentralkomitees der Zünfte Zürichs (ZZZ). «In den Unterlagen steht bis 2028, warum das», frage ich nach. «Dann ist nach 4 Wahlperioden definitiv Zeit, einem Nachfolger Platz zu machen», erklärt Rosser mit einem Schmunzeln. Das ist typisch für ihn. Planung ist das halbe Leben.
Am 20. April werden am Sechseläutenumzug Vertreterinnen und Vertreter des Gastkantons Graubünden mitlaufen. «Darauf freuen wir uns sehr, das bringt eine Prise Ferienfeeling nach Zürich» ist Rosser überzeugt. Dabei koordiniert er alle Medienanfragen und versucht auch bei Themen wie der Frauenbeteiligung den Ball tief zu halten. «Es ist der Lauf der Dinge, dass Zünfte wie jene zur Meisen oder auch Höngg und die Drei Könige sich öffnen. Jede Zunft kann individuell entscheiden.» sagt Rosser.
Geändert hat sich auch der Umgang mit der Mobilität, bekanntlich in Zürich und auch bei Victor Rosser. «Wir machten uns als Primarschüler einen Spass und sprangen als Einparkhilfen ein, wenn grosse Amischlitten wie Oldsmobile, Plymouth und Cadillac eine Parklücke suchten auf dem Predigerplatz. Das gab 20, 30 Rappen Sackgeld». Tempi passati! Heute findet es Rosser in Ordnung, wenn bald auch die Zähringerstrasse verkehrsberuhigt wird. Das werte die Strasse auf und ja, die ORA-Bar bekäme dann mehr Platz für die Boulevardbestuhlung.
Dass aus dem ehemaligen Alba-Kino nun auch noch ein Hotel werde, löst bei Rosser gemischte Gefühle aus. «Einerseits zeigt dies, dass das Quartier beliebt ist. Andererseits sei es schade, dass es immer weniger schöne Läden gibt, findet Rosser. Dass im ehemaligen Alba nun ein so genanntes Kapselhotel kommt, habe mit dem Denkmalschutz zu tun. «Es wird quasi ein Container ins ehemalige Kino gestellt, damit der Saal unverändert bleibt».
Sonne im Niederdorf
Es ist der Wandel, der auch vor der Zähringerstrasse nicht halt macht. Jahrzehntelang das Café Biedermeier, später das ebenfalls angesagte Bonnie Prince Pub, nun die ORA Bar und bald eine Fussgängerzone vor der Tür. Victor Rosser, der heute mit seiner Frau in Witikon im Elternhaus wohnt, denkt gerne an seine Kindheit und Jugend an der Zähringerstrasse zurück. «Unser Haus wurde und wird oft von angenehmer Abendsonne beschienen», erinnert er sich. Sonne auf dem Gesicht, Sonne im Herzen. Danke, Victor Rosser, für diesen spannenden Exkurs in Sachen Zürcher Beizen- und Musikkultur. Und viel Erfolg beim kommenden Sechseläuten.