Jüdische Sichtweise auf den Kreis 1

Beni Frenkel ist einer der wenigen Journalisten in Zürich mit jüdischem Glauben. Er beleuchtet den Kreis 1 aus seiner sehr persönlichen Sicht.
Beni Frenkel
Heute leben die meisten Juden Zürichs in den Kreisen 2 und 3. Wie lange, das ist ungewiss. Die hohen Mietpreisen verdrängen sie immer mehr aus den Quartieren Enge und Wollishofen. Vor allem kinderreiche Familien schaffen es praktisch nicht mehr, günstige Wohnungen tief im Herzen Zürichs zu finden. Die Entwicklung in den nächsten Jahrzehnten wird spannend. Gut möglich, dass sich jüdische Zentren neu entwickeln, in Adliswil oder in Leimbach. Wer durch Zürichs Gassen läuft, erliegt häufig dem Irrglauben, hier verändere sich nichts mehr. Die Stadt scheint sich nicht zu ändern. Was für ein Denkfehler.
Ich selber bin bei Baden aufgewachsen, in Dättwil. Dort lebten ausser meiner Familie keine anderen Juden. Doch, einen gab es noch: Herr Gideon, der beim Globus an der Bahnhofstrasse arbeitete. Er war Kassierer und ein lustiger Vogel.
Der Redaktor dieser Zeitung bat mich, meine Erinnerungen an den Kreis 1 festzuhalten. Das ist etwas schwierig, denn ich bin ja in Dättwil aufgewachsen. In Zürich war ich selten. Zweimal im Jahr musste ich in die Synagoge der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) gehen an der Löwenstrasse.
Öfters Streit
Im Innern dieses wunderschönen Sandsteingebäudes war es sehr langweilig. Oben in der Frauenempore sass meine Oma, die häufig Streit führte mit anderen Frauen. Es ging entweder um ihren Sitzplatz oder um die Fenster, die immer wieder geöffnet wurden. Manchmal war es oben lauter als unten bei den Männern, wo gebetet wurde. Der Rabbiner damals hiess Dr. Teichmann oder Dr. Piron. Beides kleine Männer, die eine Brille trugen. Sie redeten von der Kanzel, ich verstand nichts. Gross war ihr Einfluss nicht. Sie konnten ja nicht einmal für Ruhe während des Gottesdienstes sorgen.
Die Synagoge an der Löwenstrasse stammt aus einer Zeit, als die Juden noch im Kreis 1 lebten. Ich kenne keinen Juden, der im Kreis 1 lebt. Neben dem Gotteshaus befand sich eine koschere Metzgerei, die vor Jahren verkauft wurde. Auch die Synagoge könnte man wohl verkaufen, denke ich manchmal. Zu den Gottesdiensten kommen nicht mehr viele Juden. Und laut gestritten wird in der Frauenempore auch nicht mehr, denn meine liebe Oma ist vor 20 Jahren leider verstorben.
Daher also der Name
Im Mittelalter gab es neben der Froschaugasse die Strytgass. Dort soll es ein jüdisches Lehrhaus gegeben haben. Männer wie Dr. Piron und Dr. Teichmann sassen über Talmud-Folianten und diskutierten miteinander. Sie taten das wie meine Oma, laut und hitzig. So laut waren ihre Diskussionen, dass man von aussen dachte, die Juden würden immer streiten, darum der Name Strytgass.
Ich war auch einmal religiös. Mit 15 Jahren ging ich in ein jüdisches Internat, wo ich ebenfalls den Talmud studierte und mit anderen stritt. Leider gingen nur Knaben in dieses Internat. Mädchen sah ich selten. Das Internat befand sich in England, hoch im Norden, fast in Schottland. Dort gab es auch eine Koscher-Bäckerei mit bestimmten Öffnungszeiten. Am Morgen durften nur Mädchen einkaufen gehen, am Abend die Jungs. So wollte man unsittliche Versuchungen vermeiden.
In Zürich gibt es beim Schanzengraben ein Judenbad, wo nur Männer schwimmen dürfen. So will man unsittliche Versuchungen umgehen. Das Judenbad kann ich allen empfehlen (ausser Frauen). Das Wasser ist kristallklar und die Strömung eine Herausforderung. Der Eintritt ist kostenlos.
Heute ist die jüdische Geschichte auch ein Tourismus-Faktor. Auch in Zürich. Ende Februar findet zum Beispiel an der Brunngasse 8 eine Veranstaltung statt. Man entdeckte dort eine Wandmalerei von einer jüdischen Familie aus dem Mittelalter. Das reichte für ein Buch und einen Hype. Es gibt auch Führungen durch das jüdische Zürich.
Ich habe vor, in meiner Wohnung in Schaffhausen die Wände neu anzustreiche und kryptische Botschaften hinzukritzeln («Beni-Adonaj-Halleluja»). In 100 Jahren werden Wissenschaftler über den Fund rätseln und die Geschichte Schaffhausens um den jüdischen Aspekt ergänzen. Meine Urenkel dürfen dann Führungen organisieren und ein Buch über mich und die Kritzeleien schreiben.
Schaffhausen und Zürich haben vieles gemeinsam. Ihre alten Quartiere sind verwinkelt und ein Alptraum. Wer hier nicht aufgewachsen ist, verirrt sich hoffnungslos.
Manchmal laufe ich an den vielen Zürcher Geschäften vorbei und schaue hoch. Auch im zweiten und dritten Stock gibt es Geschäfte oder Büros. Menschen leben aber nicht mehr viele im Kreis 1. Es sind weniger als 6000. Auch in anderen Metropolen ist das wahrscheinlich so. Im Stadtkern laufen die Touristen an den internationalen Ladenketten vorbei und kaufen Dinge, die sie nicht brauchen.
Der legendäre Kishon
Es gibt eine Kolumne des israelischen Autors Ephraim Kishon, in der er beschreibt, wie schwierig es sei, in Zürich etwas auf den Boden fallen zu lassen, weil alles so klinisch sauber sei. Und wer ein Taschentuch wegwirft, kriegt es von einem aufmerksamen Zürcher zurück. Den Text muss er vor vielen Jahren geschrieben haben, aber es stimmt schon: Der Kreis 1 ist so etwas wie ein luxuriöses Ballenberg. Alles ist aufgeräumt, nichts ist dem Zufall überlassen.
Das einzige Gebäude, das mal wirklich saniert werden müsste, ist der «Bambus», ein Geschäft an der Löwenstrasse, ein paar Schritte von der Synagoge entfernt. Im Laden gibt es altes Armeezeugs: Gaskocher, Uniformen, Abzeichen. Die Erben haben schon viele Kaufangebote erhalten. Das Grundstück ist sehr wertvoll. Zum Glück haben sie sich bisher nicht vom Geld blenden lassen.
Von wegen vornehm
Ich finde das beeindruckend. So wie der Laden aussieht, muss es im alten Zürich wohl im ganzen Stadtgebiet gestunken haben. Die vornehme Bahnhofstrasse war früher ein Abwasserkanal, die Leute haben ihren Abfall aus dem Fenster geworfen. Und an der Strytgasse wurde lauthals gestritten. Ich glaube, ich hätte mich als Jude vor 500 Jahren hier wohl gefühlt. Nur die Judenverbrennung hätte nicht sein müssen.