Gemeinsame Träume

«2026 ist 2016». Mit diesem kurzen Satz formulieren Internet und Medien seit Beginn dieses Jahres ein nahezu programmatisches Statement. Der Blick geht zurück in eine Zeit, in der alles vermeintlich besser war. Die aktuelle apokalyptische Weltlage mag diesen nostalgischen Hype erklären. Doch Erinnerungen führen uns aufs Glatteis. Sie legen Filter über die unschönen Stellen und polieren auf Hochglanz, was einmal matt und schmutzig war.

Es ist die Sehnsucht nach Echtheit und Gemeinschaft, lese ich, die als Auslöser für das medial herbeigeredete Revival von 2016 gilt, und meint damit ein Lebensgefühl, das auch ich durchaus vermisse.

Schauen wir also zurück, aber ohne Filter: Was ich sehe, ist ebenso erschreckend, wie Augen öffnend. Ausgerechnet im Jahr 2016 wird der Begriff «postfaktisch» zum Wort des Jahres gewählt. Im Kontext von Brexit und Trumps erster Amtsperiode ist dieses Wort erst in Angela Merkels und dann in aller Munde.

Der Begriff ist selbsterklärend: Wir sind in ein Zeitalter eingetreten, in dem es keine Fakten mehr gibt. Was ab sofort zählt, sind Meinungen. Und diese sind all over. Der emotionale Impact einer Aussage ist ab jetzt wichtiger als ihr Wahrheitsgehalt. Damit wir auch schön dranbleiben, uns gemeint und verstanden fühlen, tischen uns Algorithmen täglich einen individuell zugeschnittenen Meinungs-Mix auf, der auf jeden Fakten-Check verzichten kann.

Wir schwelgen in Selbstbestätigung und bemerken jetzt, 2026, wie sehr wir einander in einer gemeinsamen Wirklichkeit vermissen, auf deren Faktizität wir uns einst verständigen konnten. Der Schlamassel, in dem wir stecken, ist tief, aber wir sinken offensichtlich noch tiefer: Ja, auch ich möchte kurz vor dem Urnengang am 8. März noch meinen Senf zur Halbierungs-Initiative abgeben, nicht zuletzt aus persönlichen Gründen. Um 100 Franken pro Jahr, folglich um 27 Rappen pro Tag, soll jeder Privathaushalt «entlastet» werden. Eine lächerliche Summe, wenn ich daran denke, wie in den Skiferien das Geld noch schneller schmilzt als der Schnee…

Es ist offensichtlich. Um Geld geht es den Initiantinnen und Initianten gar nicht. Davon haben gerade die genug. Die Säge setzt woanders an. Die Profiteure des Post faktischen erklären ausgerechnet die öffentlich-rechtliche Medienlandschaft zum Feind der Meinungsfreiheit. Denn, wenn das kritische Korrektiv sowie die Bemühungen um geprüfte Fakten und einen pluralistischen Diskurs erstmal ausgeschaltet sind, lässt sich – das eigene Geld im Rücken – schalten und walten, wie es beliebt.

Gesägt wird am Standbein der Demokratie. Dort, wo es wirklich existenziell wird. Sieht denn keiner die Gefahr? Für mich als Liebhaber von Geschichten, wahren wie erfundenen, hat der drohende Realitätsverlust aber eine noch existenziellere Note. Wo wir keine gemeinsamen Fakten mehr haben, gehen uns auch die gemeinsamen Träume verloren.