Der fliegende Fisch über dem Flügel

Wer kennt sie nicht, die Haifischbar? Der seit 1965 bestehende Treffpunkt für Nachtschwärmer ist neuerdings ein gehobenes Restaurant mit Pianobar, das später am Abend zum Eventlokal wird. Das Testessen des Altstadt-Kuriers überzeugte. Ob das originelle Konzept funktioniert, muss sich freilich noch weisen.
Alexander Villiger
Wer die Mühlegasse hinauf- oder hinab schlendert, geht leicht an Haus Nummer 3 vorbei. Unauffällig im Strassenbild, entfaltet es seine Bedeutung erst beim zweiten Blick. Doch hinter der schlichten Fassade verbirgt sich eine Geschichte, die es mühelos mit jener des angrenzenden, ehemaligen Kino Radium aufnehmen kann. Denn just hier begann einst die bemerkenswerte Erfolgsgeschichte der noblen Kronenhalle.
Die Kronenhalle im Niederdorf?
In der Liegenschaft an der Mühlegasse befand sich der Gasthof Mühle. Pächter der «Mühle» war ein Gottlieb Zumsteg. Er stellte seinerzeit die junge «Buffetdame» Hulda Durst ein, die er 2 Jahre später ehelichte. Im Jahre 1924 kauften Hulda und Gottlieb Zumsteg die Liegenschaft der Kronenhalle an der Rämistrasse. Doch dies ist eine andere Geschichte.
Die Haifischbar
Als die Haifischbar 1965 eröffnete, wurde sie schnell zu einem Brennpunkt der Zürcher Nachtwelt. Betreiber Josef Schupp – «Käpten Jo» – inszenierte hier ein grell schimmerndes Universum aus Seefahrerromantik und provokanter Erotik. Dressierte Schimpansen im Matrosenanzug, internationale Showacts und wilde Schlamm-schlachten prägten das Programm und machten die Bar zum Gesprächsthema der Stadt.
Doch hinter dem schillernden Schein mischte sich bald Schatten: In den 1970er‑Jahren zog die Haifischbar auch zunehmend zwielichtige Gestalten an – unter ihnen der berüchtigte «Dirnenwürger» Theodor Berchtold. So wurde der einstige Vergnügungstempel zu einem Ort, an dem sich die verführerische und die dunkle Seite des Nachtlebens ungeschminkt begegneten. 2005 übergab Josef Schupp seine Haifischbar an eine neue Führung und zog sich in den Aargau zurück. Danach ging es gefühlt nur noch bergab.
Eine spannende Umnutzung
Eine Bauausschreibung im «Tagblatt» kündigte letzten Jahres den Beginn einer neuen Ära an: An der Mühlegasse 3 kommt es zu einer «Umnutzung Bar zu Restaurant», wie es darin im amtlichen Deutsch hiess. Der Besitzer möchte sich vom Nachtclub verabschieden und den Fokus auf «Erlebnisgastronomie» setzen. Die Tänzerinnen und Shows werden verschwinden, der Name und Schriftzug der Haifischbar sollen allerdings als Reminiszenz erhalten bleiben.
Ein neues Kapitel beginnt
Anfang 2026 war es so weit. Aus dem ehemaligen, schummrigen Nachtclub wurde optisch ein kleines Juwel. Name, Logo und der Geist des Originals blieben erhalten. Alles andere hat sich geändert. Betritt man das Lokal fallen einem auf dem ersten Blick das gediegene Interieur, die Bullaugen und erst auf dem zweiten, der markante Haifisch über dem Flügel, ins Auge. Der Platz an der Bar ist sehr beschränkt, darum zog es uns direkt an einen der weiss gedeckten Tische. Die Karte zeigt sich klein und übersichtlich. Getränke und Menu finden sich auf nur zwei Seiten wieder. Zur Auswahl stehen je vier Vor- und Hauptspeisen. Diese werden je nach «Gluscht» mit diversen «Sides» ergänzt, welche auch separat als kleine Snacks geordert werden können. Für ganz Unentschlossene listet die Karte noch eine Auswahl an Kaviar von 135.- bi stolze 1'240.- Franken auf.
Nach dem Gruss aus der Küche, folgten als Vorspeise ein Thai Kohl, raffinierte zubereiteter gebackener Kohl an Kokossauce, Marmelade und Kräutern (32 Franken), sowie ein eher unspektakulärer, aber wohlschmeckender Wintersalat, winterliche Blattsalate, Cherrytomaten, Burrata an einer Balsamico Glasur, 19 Franken. Zum Hauptgang wählten wir Seeteufel an Blumenkohlcreme, Queller, Cavolo Nero und Butter-Zitronen-Sauce, 52 Franken und ein Asiatisches Steak Tatar, Gurken Ponzu, Ingwer Pickles und Mikrokräuter, 28 Franken.
Während sich der Seeteufel für meinen Gusto zwar auf den Punkt zubereitet, geschmacklich, aber etwas zu fade präsentierte, machte dies das Asiatische Tatar wieder wett. Begleitet hat uns eine Flasche Ott Rosé, die Flasche zu 99 Franken.
Nicht wirklich Süsse
Nichts für Liebhaberinnen und Liebhaber der süssen Versuchungen ist die Dessertkarte. Darauf findet sich lediglich ein Signature Maiskuchen, Maiskuchen mit Miso Karamell, Parmigiano Reggiano, Milch Cracker und Gelato (14 Franken), der unseren Ausflug ins Nachtleben würdevoll abschloss.
Unser Fazit: Piano-Bar, gehobenes Restaurant und Event-Lokal in einem. Ob dieses Konzept auf Dauer funktioniert, wird sich zeigen. Um in Gedanken an alte Zeiten in seinen Erinnerungen zu schwelgen, ist ein Besuch sicher einen Versuch wert. Uns hat es gefallen.
HAIFISCH RESTAURANT & PIANOBAR, Mühlegasse 3, 8001 Zürich, 044 260 1965, info@haifisch.ch. Offen Dienstag bis Donnerstag 17:30 bis 0:00 Uhr, Freitag und Samstag 17:30 bis 02 Uhr. Sonntag und Montag geschlossen.