Reformierte Kirche: Eine Kampfwahl, die es in sich hat

Am 12. April wählt die reformierte Kirche Zürich ihre neue Kirchenpflege. Weil die Kirchenpflege ein Immobilienportfolio im Wert von über einer Milliarde Franken verwaltet, gehen die Wogen hoch im Wahlkampf.

15 Personen kandidieren am 12. April für die Kirchenpflege der reformierten Kirche Zürich. Aber nur sieben können gewählt werden. «Der Wahlkampf befördert Misstöne an die Oberfläche. Es ist von Intransparenz die Rede, von Anfeindungen und einem Machtkampf, der im Hintergrund abläuft», schreibt der Tages-Anzeiger dazu. Lief bis 2019 fast alles in dezentral organisierten Kirchenpflegen ab, schlossen sich die 32 Stadtzürcher Kirchgemeinden vor sieben Jahren zu einer grossen Gemeinde zusammen. Seither verwaltet die reformierte Kirche Zürich «einen riesigen Immobilienschatz», wie es im «Tagi» hiess. Neben den 43 Gotteshäusern gehören der Kirche weitere Liegenschaften, darunter 310 Mietwohnungen. Die Gebäudeversicherung beziffert den Wert der Liegenschaften auf über eine Milliarde Franken. Viele dieser Liegenschaften liegen im Kreis 1. Hier sind auch die vier Stadtzürcher Kirchenflaggschiffe beheimatet, die Kirche St. Peter, das Fraumünster, die Wasserkirche und natürlich das Grossmünster, «unser» Wahrzeichen.

Der Altstadt-Kurier hat sich mit zwei Kandidierenden unterhalten, die in verschiedenen Gruppierungen kandidieren. Gemeinsam ist ihnen, dass sie der jüngeren Generation angehören. Beide sind Anfang dreissig und berichten von starken Widerständen wegen ihres Alters. Es sind Céline Reymond und Lukas Bärlocher.

Sie kritisieren «einen massiven Innovationsstau und ein geradezu in Mörtel gegossenes, lähmendes Verwaltungsgefühl in den administrativen Strukturen der Kirche». Wo würden Sie den Hebel oder vielleicht besser gesagt – den Presslufthammer ansetzen?
«Wir brauchen echten Mut – und vielleicht tatsächlich eher einen Presslufthammer als nur einen Hebel, um den benötigen Kulturwandel anzustossen und voranzutreiben. Heisst konkret: radikal von den Mitgliedern her denken, also von der ‹User Experience›. Wie werden wir dienstleistungsorientierter, zugänglicher, relevanter im Alltag? Dafür müssen wir die Augen öffnen für das, was um uns herum längst passiert, statt in unseren Strukturen zu verharren und uns gegenseitig zu bestätigen. Dafür benötigen wir brauchbare, mitgliederfokussierte Konzepte. Weniger Verwaltung um der Verwaltung willen, mehr Bewegung, mehr Offenheit – kurz: mehr 2026 wagen». 

Gerade beim Thema Liegenschaften kritisieren Sie die Kirche. Wo sehen Sie im Kreis 1 welches konkrete Potenzial?
Das wahre Potenzial liegt darin, die Strahlkraft der Altstadt als Bühne für die ganze Stadt zu nutzen und unsere zentralen Räume für innovative Projekte aus allen Quartieren zu öffnen. So bringen wir frisches Leben in die Gassen der Altstadt und machen die Vielfalt der gesamten Zürcher Kirche für alle sichtbar.

«Ungefiltert: Züri-Chile» heisst Ihr neuer Podcast. Sie reden ziemlich radikal ehrlich über die Fehlentwicklungen in der Kirchen-Behörde und legen die Finger in die Wunden der Institution. Wie kommt diese Kritik an bei der Institution?
Die Reaktionen zeigen uns: Wir haben genau den Nerv getroffen. Von der Basis, den Kirchenmitgliedern, erhalten wir enormen Zuspruch und den Wunsch nach genau dieser offenen Fehlerkultur. In den etablierten Behördenstrukturen wird oft noch geschwiegen oder man fühlt sich angegriffen. Aber das Eis bricht langsam. Genau diese ehrliche Auseinandersetzung – ganz im reformierten Geist – wollen wir in die Kirchenpflege tragen.

Sie treten ja nicht alleine an. Wer sind Ihre Verbündeten?
«Ich (Lukas Bärlocher, Anm. der Red.) zusammen mit Gerd Bolliger. Ich (Céline Reymond, Anm. der Red.) mit dem Team 7G mit Res Peter (auch als Präsident), Georg von Itzenplitz, Anna Hotz Semadeni und Marcel Roost.

A propos Kirchen. Welches ist Ihre Lieblingskirche im Kreis 1 und wieso?
Lukas Bärlocher: «Für mich ist das Grossmünster die erste Wahl. Als historisches Herzstück unserer reformierten Identität steht es für Zwinglis visionären Mut, die Kirche aus engen Dogmen zu befreien und sie mitten ins Leben des Volkes zu tragen. Dieser Anspruch, greifbar und relevant für die breite Basis zu sein, treibt uns heute aktueller denn je an». 
Céline Reymond: «Ich favorisiert die Wasserkirche: klein, fein und im Herzen Zürichs gelegen, überzeugt sie mit unkonventionellen Angeboten und einem mutigen Blick in die Zukunft. So stark und stetig die Limmat neben der Wasserkirche zieht – so viel Drive und Beharrlichkeit wünschen wir uns für die neue Kirchenpflege». (LS.)                 

Unter www.reformiert-zuerich.ch sind alle Kandidierenden für die Kirchenpflege, aber auch fürs Parlament, aufgeführt.