«Verkaufen Sie doch wieder einmal ein Kalb»

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Der Gastschreiber dieser Ausgabe ist Dominique Zygmont. Der Geschäftsleiter der City Vereinigung freut sich schon auf 2027, wenn die City Animals nach Zürich kommen.

Vor nicht allzu langer Zeit erlebte das Bernhardtheater einen Höhepunkt Schweizer Theaterkultur. Können Sie mitsingen? «Dä Heiri hätt es Chalb verkauft…». Erich Vock und sein wunderbares Ensemble spielten die Kleine Niederdorfoper, das Parade-Stück aus den 1950er-Jahren. Der gutmütige, aber auch etwas gutgläubige Heiri verkauft sein Kalb, fährt vom Land in die Stadt und verprasst sein ganzes Geld im Niederdorf. Für ihn ist es das Grösste, sich treiben zu lassen, neue Bekanntschaften zu schliessen, in eine Welt einzutauchen, die grösser ist als der eigene Horizont: «Dä Heiri wott, dass öppis lauft!».

Würde Heiri heute eigentlich noch nach Zürich pilgern, nachdem er den grossen Reibach gemacht hat? Oder bliebe er lieber auf dem heimischen Sofa, wo mit einem Fingerwisch auf dem Mobiltelefon alles verfügbar ist? Unterhaltung per Streaming, Essen vom Lieferdienst, Kontakte auf Knopfdruck. Bequem wäre es. Effizient vielleicht. Aber was ginge verloren? 

Beim Erwachen zusehen
Die Stadt beginnt dort, wo nicht alles planbar ist. Wer an einem frühen Morgen durch die Zürcher Innenstadt schlendert, kann ihr wortwörtlich beim Erwachen zusehen. Die Gassen sind noch nicht voll, aber sie sind bereits in Bewegung. Lieferungen treffen ein, Rollläden öffnen sich, Kaffeemaschinen laufen an, erste Gespräche entstehen. Die Innenstadt lebt von diesen täglichen Ritualen. Sie ist kein dekorativer Hintergrund, sondern ein Arbeitsraum, ein Lebensraum und ein Begegnungsraum zugleich.

Gerade im Zentrum verdichtet sich, was Zürich ausmacht. Wohnen, Arbeiten, Einkaufen, Kultur, Freizeit und Tourismus liegen eng beieinander. Menschen mit ganz unterschiedlichen Absichten, Herkünften und Lebensentwürfen treffen sich hier. Man kommt für einen Termin und bleibt wegen eines Gesprächs. Man sucht etwas Bestimmtes und entdeckt etwas Unerwartetes. Diese Dichte erzeugt Energie. Sie lässt sich nicht digitalisieren und nicht simulieren. Gerade deshalb wird die Innenstadt auch langfristig bestehen, wenn wir sie pflegen.

Baustellen als Belastung
Die Zürcher City steht insgesamt gut da. Nicht vom Tisch zu wischen ist, dass sich die Rahmenbedingungen verändern. Mobilitätsfragen und die städtische Gewerbepolitik können zu Verunsicherung führen. Die Mieten sind hoch und Wohnraum knapp. Hinzu kommen Baustellen und Grossanlässe, die für Betriebe und Anwohnende oft eine Belastung bedeuten.

Einkaufsgewohnheiten und Vorlieben sind zu­dem einem stetigen Wandel unterworfen. Leider bringt dieser Wandel mit sich, dass auch liebgewonnene Geschäfte verschwinden. Das schmerzt. 

Ladengeschäfte sind jedoch weit mehr als Verkaufsorte. Sie sind Orte der Innovation und des Entdeckens. Nirgendwo erscheinen in so kurzen Abständen neue Produkte und können Ideen ausprobiert werden. Wer aufmerksam durch die Gassen geht, erkennt Trends oft früher als in jedem Online-Shop. Im Schaufenster zeigt sich, was morgen gefragt sein wird. Und hinter der Ladentheke stehen Menschen, die beraten, erklären und Beziehungen aufbauen. Das macht eine Innenstadt erst attraktiv und lebendig.

Gewerbe in der Innenstadt mehr wertschätzen
Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Retail ist ein Knochenjob. Es braucht Durchhaltewillen, jeden Tag präsent zu sein. Wer einen Laden, ein gastronomisches Angebot oder eine Dienstleistung betreibt, übernimmt Verantwortung für Mitarbeitende, für Kundschaft und für den Standort Zürich. 
Dieses Engagement verdient Respekt. Dieses Wohlwollen und die Wertschätzung dem Gewerbe gegenüber vermisse ich manchmal in Zürich. Besonders die Politik nimmt die Leistung der Unternehmerinnen und Unternehmer sowie ihrer Mitarbeitenden und Partner als zu selbstverständlich hin. 

Denn niemand wünscht sich leere Erdgeschosse mit verbarrikadierten Schaufenstern und heruntergekommenen Nachbarschaften. Unsere offenen Türen tragen entscheidend dazu bei, dass sich Menschen gerne in der Innenstadt aufhalten. Von Staates Hand lassen sich diese sicher nicht erzwingen. 
Deshalb muss die Entwicklung der Innenstadt Hand in Hand gehen: Die Politik sorgt für gute Rahmenbedingungen, pflegt das Stadtbild und stellt die städtischen Dienstleistungen zu akzeptablen Kosten bereit. Die Unternehmen bringen ihre Ideen, Arbeitsplätze und die belebten Ladenlokale in die Stadt. Dass die Anwohnenden dabei nicht vergessen gehen dürfen, versteht sich von selbst. Auch für dieses Austarieren der unterschiedlichen Interessen engagiert sich die City Vereinigung.

City Animals als Belebung
Uns leitet dabei ein Grundgedanke: Eine lebendige Innenstadt entsteht nicht automatisch. In den letzten Jahrzehnten veranstaltete die City Vereinigung immer wieder beliebte und weitum beachtete Sommeraktionen. So die Löwen, Kühe, Teddybären, Pflanztöpfe oder Bänke, die vielen noch in guter Erinnerung sind. Jetzt ist es Zeit, diese Idee in die Gegenwart zu holen.

Im Sommer 2027 werden deshalb Tiere aus der Stadtnatur – unsere «City Animals» – die Innenstadt und die Läden bevölkern. Es handelt sich dabei um Lebewesen, die eigentlich direkt in unserer Nachbarschaft zuhause sind, jedoch fast immer im Verborgenen bleiben. Etwa ein Waldkauz, ein Wildschwein, eine Bachforelle, ein Eichhörnchen oder ein Eisvogel. Diese werden als Skulpturen aus nachhaltigem Züri-Holz von einem Künstlerkollektiv in Uster und Wetzikon gestaltet. Jedes Holz-Tier ist ein Unikat und ein Kunstwerk.

Mit dieser Aktion wollen wir Sie mitnehmen auf eine Abenteuerreise in die Stadtnatur von Zürich. Ebenfalls wird es viele lehrreiche Inhalte geben, die wir zusammen mit der Umweltorganisation «Stadtwildtiere» erarbeiten. 

Natürlich gehört zu einer modernen Sommeraktion auch eine digitale Komponente. Deshalb werden die Besucherinnen und Besucher die City Animals digital sammeln und tauschen können. Wer findet alle 200 Tiere in der Zürcher Innenstadt?

Zusätzlich werden wir mit thematisch passenden Geschenkartikeln wie etwa Bienenhotels oder Igelhäuschen die Aktion abrunden. Wir sind überzeugt, dass dies eine sympathische und zugleich sehr zugängliche Art sein wird, die Innenstadt mit neuen Augen zu sehen und den Weg in die teilnehmenden Geschäfte, Gastro-, Hotelleriebetriebe und Dienstleister zu finden. Die Bestellmöglichkeit für die City Animals findet sich unter www.cityanimals.ch (nicht für Privatpersonen). 

Wir freuen uns sehr darauf, gemeinsam mit den teilnehmenden Ladengeschäften und den Sponsoren einen Beitrag an eine schöne Innenstadt zu leisten. 

Dabei wird unsere Sommeraktion kein lauter Anlass, sondern eine spielerische Ergänzung des Stadtraums. Sie zeigt, wie Kultur und Gewerbe zusammenwirken können, um Erlebnisqualität zu schaffen.

Machen Sie es wie Heiri
Heiri aus der Niederdorfoper würde die City Animals im Sommer 2027 sicher besuchen wollen. Mit seiner schelmischen Vorfreude, ohne genau zu wissen, was ihn erwartet. Gerade dieses Ungewisse ist es, was die Innenstadt so wertvoll macht. Sie lebt vom Engagement der Gewerbebetriebe, von der Verbundenheit der Anwohnenden und von der Neugier von uns allen.

Machen Sie sich also eine Freude. Machen Sie es wie Heiri. Verkaufen Sie wieder mal ein Kalb. Und geben Sie das Geld mit vollen Händen in der Zürcher Innenstadt aus. Hier treffen Sie auf echte Menschen mit Geschichten, Ecken und Kanten. Und genau das macht doch den Unterschied.

Dominique Zygmont ist Geschäftsleiter der City Vereinigung Zürich. Die City Vereinigung ist der Dachverband der Zürcher Innenstadt. Sie vereint über die ihr angeschlossenen Strassenvereinigungen über 1'500 Geschäfte und Betriebe aus allen Branchen. Dazu gehört der Detailhandel ebenso wie Banken, Versicherungen, Immobilieneigentümer, Einkaufszentren, Gastronomie, Hotellerie oder Dienstleistungen mit Publikumsbezug. Die City Vereinigung wurde bereits 1968 gegründet. Sie setzt sich politisch für eine attraktive Innenstadt und gute unternehmerische Rahmenbedingungen ein. Ebenso ist sie verantwortlich für die traditionellen Sommeraktionen. Im Jahr 2027 wird es mit den «City Animals» eine nächste Sommeraktion geben. Zudem veranstaltet die City Vereinigung das traditionelle Einschalten der Weihnachtsbeleuchtung in der ganzen Innenstadt sowie die Sonntagsverkäufe im Advent und das New Year Shopping am 2. Januar. Dominique Zygmont war früher Mitglied des Gemeinderates, ist verheiratet und hat drei Kinder.