Rückblick auf 30 Jahre Gemeinderat mit verunglückter Verabschiedung

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Bernhard im Oberdorf ist mit seiner Hochschul-Zeitung Zeitschrift "Vision" eine Instanz an der Uni Zürich. Daneben war er die vergangenen gut 30 Jahre auch als Gemeinderat in Zürichs Legislative tätig. Hier lässt er mit einer kritischen Note die letzte Gemeinderatssitzung vor der Neukonstituierung am 6. Mai 2026 als Kommentar Revue passieren.

Von Bernhard im Oberdorf

Es war rund ein  Viertel der Mitglieder des Gemeinderats, die auf Ende der Legislatur verabschiedet wurden; im Vergleich schätze ich das als ein Rekord ein.  Es waren aber ebenso viele, die ich am Beginn der Legislatur begrüssen durfte, als ich als Amtsältester zusammen mit dem Jüngsten die Legislatur eröffnen konnte. Abgesehen von den Rücktritten unter dem Jahr ist das rund die Hälfte des Rates, die erneuert wurde. Frischer Wind ist positiv zu sehen, doch dies ist ein «Brain Drain», der auch problematisch sein kann. So musste die wichtige Geschäftsprüfungskommission, die viel Fachwissen und Erfahrung erfordert, fast vollumfänglich erneuert werden.

Ent-Schädigung, nicht Lohn

Es ist nicht erstaunlich, dass dies geschieht und es war just auch Thema an der Sitzung, als die Entschädigungsverordnung behandelt wurde. In der Tat geht es  dabei nicht um einen Lohn, sondern um eine Ent-Schädigung für Verluste, die man mit  dem Engagement im Stadtparlament  anderorts einfährt: beispielsweise mit einem reduzierten Arbeitspensum, das auch einen Lohnausfall zur Folge hat oder indem Selbständige jemanden bezahlen müssen, die dann die Arbeit machen, welche durch den Sitz im Gemeinderat liegenbleibt. Diese Kosten sind ständig gestiegen, während die Entschädigung gleich blieb. Kein Wunder, wenn durch diese Schere, die sich da öffnet, mehr Zurückhaltung mit dem Engagement einher geht. Idealismus ist nicht mehr selbstverständlich. Und man kann sich im Rückblick auch fragen, ob es nicht sinnvoller gewesen wäre, sich andernorts gesellschaftlich, wirtschaftlich oder politisch zu engagieren: denn ein Mandat im Gemeinderat blockiert viele Alternativen.

Das hätte ich gerne in einer persönlichen Erklärung eingebracht, just nachdem der Reigen der Verabschiedungen vorbei war; dies hatte ich dem Ratspräsidenten auch so angekündigt. Das hätte auch die Möglichkeit geboten, darauf hinzuweisen, wo  nämlich meine nicht gehaltene «Rücktrittsrede» mit einem Vergleich über drei Jahrzehnte der Ratstätigkeit zu lesen ist, nämlich im «Rathuus». Diese bei Rücktritten obligaten Zeilen konnten auch nicht verlesen werden, weil das in einer derartigen Fliessband-Verabschiedung nicht  für alle möglich wäre. So entfiel auch der obligate Handschlag durch den Ratspräsidenten, derweil, und das ist zu schätzen, bei mir die Praktikantin Hana Ademi stellvertretend dafür noch die Initiative ergriff.

Warum keine Einladung?

andschlag durch den Ratspr öäsident en,Gerne hätte ich auch darauf hingewiesen, dass es ein Zeichen von Anerkennung wäre, wenn auch die scheidenden Ratsmitglieder an die ohnehin grosse Feier des neuen Ratspräsidenten -  mit Leuten aus dem Kreis von freundschaftlich und familiär Bekannten sowie von Parteimitgliedern - eingeladen würden, auf dass jene, die wollen, sich auch gebührend von den verbleibenden Kolleginnen und Kollegen verabschieden können.

Doch dazu bot sich keine angemessene Gelegenheit, denn der Ratspräsident ging - ohne Aufforderung zum Einbringen des schon angemeldeten Votums – effizient zu seiner persönlichen Abschieds-Erklärung über, so dass nicht einmal Zeit für eine Wortmeldung blieb. Dieses Votum danach noch einzubringen, wäre nicht stilvoll gewesen und hätte bloss den falschen Eindruck erweckt, dass sich der Amtsälteste noch profilieren wolle, auch wenn es um die Sache gegangen wäre.

Der Verdacht auf Kompensation hätte entstehen können, da bei allen nachfolgenden Verabschiedungen mindestens ein Teil der Ratsmitgliedern die Verabschiedeten mit einer «Standing Ovation»  beehrten. So frage ich mich während dem Reigen, zunehmend zerknirscht, ob ich denn in den dreissig Jahren eine vergleichsweise «unbeliebte» Figur gemacht  habe. Dass dem offenbar nicht so war, zeigte sich darin, dass einige Mitglieder der AL-Fraktion auf mich zukamen und sich dafür entschuldigten, nicht aufgestanden zu sein. Man hoffe sehr, dass dies nicht negative Emotionen zurücklasse. Man hätte  eigentlich am Schluss der Verabschiedungen noch darauf zurückkommen sollen, hiess es dort. Auch andere Mitglieder von der linken Seite des Parlamentes kamen in der selben Angelegenheit, offenbar etwas verlegen, auf mich zu. Der eigene Fraktionschef entschuldigte sich ebenfalls durchaus glaubwürdig: er sei von der Choreographie, die er so noch nie erlebt habe, überrascht  gewesen. Das ist sehr gut nachvollziehbar, denn ich war als Amtsältester der erste, der verabschiedet wurde. Das zeigt allerdings auch, wo Empathie herrscht, und wo nicht. Gut ist, dass ich mich nicht  mit einer aufgedrängten Wortmeldung am Schluss der dreissig Jahre noch dem Risiko ausgesetzt habe, falsch verstanden zu werden: Aber diesmal war es paradoxerweise nicht die Wortergreifung, die Mut kostete, sondern der Verzicht darauf.