«Mord im Hinterhof» – Teil 1 unseres Altstadt-Krimis

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Gabriela Kasperski schreibt exklusiv für den Altstadt-Kurier. «Mord im Hinterhof» erzählt in sieben Fortsetzungen die Geschichte eines Zürcher Hinterhofs, der nach dem Tod der langjährigen Besitzerin zweier angrenzender Häuser in einen Strudel aus Begehrlichkeiten, Politik und einem ungeklärten Mord gerät.

Monti sass lauernd am Rand des kleinen Hinterhofs. Seine grünlichen Augen beobachteten die ruhige Oberfläche, das sanfte Kräuseln der Wellen, das Stück Himmel, das sich darin spiegelte. Ein oranger Blitz tauchte im Wasser auf, schoss von da nach dort, nur um wieder zu verschwinden, bevor Monti sich auch nur rühren konnte. Wenn er Aufregung verspürte, liess er sich nichts anmerken, allerhöchstens ein Schnurrbarthaar zitterte. Nach einer Weile richtete er sich auf, ohne den orangen Pfeil aus den Augen zu lassen, der erneut zwischen den Pflanzen auftauchte. Einen Moment abwarten, er hob die Pfote und … 
«Du bist zu viel zu langsam, Monti.» 
Lily Kant kraulte den Kater, der ihr vor Jahren zugelaufen war und seither jeden Morgen von Neuem gegen die Goldfische verlor. «Und jetzt schleich dich. Gleich geht der Trubel los.»
Sie erwartete den morgendlichen Kundenansturm im «Kafi-1A» und wollte davor die Einkäufe einräumen. Die gemahlenen Bohnen vom Schwarzenbach, die Milch von Ramos, die Gipfeli vom Wirt des Restaurants «Vordergass». 
Nachdem Lily alles erledigt hatte, wischte sie mit dem Lappen über die drei Blechtische und die Stühle, die gerade so ‘hepchlepf’ Platz hatten. Den Schirm würde sie erst am Nachmittag aufspannen, wenn die Sonne für einige wenige Stunden bis zum Waschhäuschen dringen würde. Es befand sich mitten im Hof, umrahmt von einigen Altstadthäusern, zweigeschossig, ihre Wohnung war oben, das «Kafi-1A» im Parterre, samt Bibliothek, einer Wand mit DVD zum Ausleihen und einem winzigen Kleiderbrocki. Seit Jahren war es ihr Reich. Sie hätte es mit niemandem tauschen wollen. Aber nun stand eine Änderung an. Wenn Lily daran dachte, wurde ihr schlecht. 
«Morge Lily, erzieh mal deinen Monti, lümmelt herum, hätte ihn fast überfahren.»
Rita Bernasconi sprang vom Velo und stellte es neben die anderen, die fast die Hälfte des Hofs einnahmen, unter das Schild, «Radlerei» stand auf Emaille geschrieben. Rita war eine gefragte Velomechanikerin, einen Termin bei ihr zu bekommen war schwieriger als Wohnungsbesichtigung bei der Ligi (Liegenschaften Stadt Zürich). 
«Mein Laden ist noch geschlossen? Wenn ich den Milan erwische.» 
Milan Demir, Ritas Lehrling, schlich sich etwas später in den Hof, mager, bleich, mit Bart und Dächlikappe. Sein Blick huschte hin und her.
«Wirst du verfolgt?», fragte Lily und drückte ihm den Schwarztee für Rita in die Hand. «Und ein Gipfel für dich.» 
Sein Blick aus tiefbraunen Augen war überrascht. «Schenkst du mir den?»
«Natürlich.»
«Warum?»
Lily dachte über diese Frage nach, als nach dem Morgenansturm wieder Ruhe einkehrte. Milan war noch keine zwanzig, aus dem Osten, ihn umgab eine gewisse Hoffnungslosigkeit. Schlimm, dachte Lily, im Gegensatz zu ihm war sie aufgewachsen in der Annahme, dass alles besser werden würde. Der Theaterdirektor, der nun, wie immer im zerknautschten Regenmantel, den Hof betrat, vermutlich auch. 
«Servus Lily», sagte er in seinem akzent-abenteuerlichen Hochdeutsch. Otto Zimpel war sein Name, «d’Funzle» derjenige seines Theaters, Gesellschaftspolitisches mit Augenzwinkern sein Programm. Dass er hier an bester Lage ein Theater leiten konnte, hatte er Gertrud Landert zu verdanken, der nicht nur Lilys Waschhäuschen gehörte, sondern auch das grosse Mehrfamilienhaus, in dessen Keller sich die Kleinbühne befand.
«Ich habe Neuigkeiten.»
Lily stellte schmutziges Geschirr auf ein Tablett. «Wegen Samstag?»
Er nickte. «Du sitzt in der ersten Reihe, neben dir deine Wiener Freundin und dazu unsere Hausbesitzerin. Sie hat zugesagt.»
Lily wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen. Gertrud hielt sich meist im Hintergrund, seit jedoch im Frühling eines der Rohre verstopft gewesen war (der Gestank sass immer noch im Gemäuer!), war sie einige Male hier gewesen. Bei ihren Häusern, beide 400-jährig, war die Renovierung unausweichlich geworden. Der ganze Hof war davon betroffen und Lily hatte es gewagt, eine Freundin ins Spiel zu bringen, die in Wien Erstaunliches vollbracht hatte. «Eine Stadtplanerin für die Leut’» hatte eine Zeitung getitelt und genau so jemand, fand Lily, wäre auch hier nützlich. Denn natürlich wünschten sie sich, dass alles so weiterlief wie bisher. Das Treffen der beiden Ladies am Samstag war ein Schritt in diese Richtung.  
Here comes the sun ertönte ihr Handyklingelton. Lilys Puls ging etwas hoch, als sie Gertruds Namen auf dem Display las. «Ich krieg’ en Espresso», sagte Otto Zimpel. Er hatte die Lesebrille in sein aschgraues Haar geschoben, aus der Plastiktüte holte er ein Manuskript hervor. «Darf ich dir die letzten Textänderungen vorlesen?»
Rita kam aus dem Laden, einen Veloschlauch in der einen Hand, ein Telefon in der anderen. «Halte mal, Lily. Unsere Vermieterin ruft.»
Otto Zimpel holte sein Gerät ebenfalls hervor. «Drei verpasste Anrufe. Was will sie?»
Lily ging als Erste ran. Am anderen Ende meldete sich eine junge Stimme, sie sei die Nichte von Frau Landert.
In dem Moment öffnete sich ein Fenster vom «Hindergass» und der Wirt steckte den Kopf heraus. 
«Jesses, habt ihr es schon gehört? S’Gertrud isch tot.»

Fortsetzung folgt ... in der Ausgabe vom 9.7.

Anmerkung: Örtlichkeiten, Fotos von Örtlichkeiten, Institutionen, Personen und Handlungen sind frei erfunden.