Von Gass zu Gass: Unterwegs auf der Grossbaustelle

Der Gesamtprojektleiter André Palancon berichtet über die Bauarbeiten im Nieder- und Oberdorf. Seit 2023 werden die Strom-, Gas- und Wasserleitungen erneuert. Auf einem Spaziergang erklärt er, warum die Arbeiten mitten in der Altstadt so anspruchsvoll sind.
Wenn ich morgens durch das Nieder- und Oberdorf gehe, sehe ich nicht einfach Baustellen. Ich sehe Geschichte unter unseren Füssen, Infrastruktur aus vergangenen Jahrzehnten und ein Quartier, das trotz Bauarbeiten jeden Tag weiterlebt. Genau das macht dieses Projekt so speziell und anspruchsvoll.
Ich möchte Sie auf einen Rundgang mitnehmen. Er beginnt Am Rank. Von hier aus ziehen sich die aktuell sechs Baufelder durch die Zähringerstrasse, über den Predigerplatz und die Chorgasse bis hin zum Neumarkt, weiter durch die Froschaugasse, den Hirschenplatz, die Münstergasse, die Oberdorfstrasse und schliesslich bis zur Torgasse. Vier Teilgebiete, über zwanzig Baufelder und mittendrin eines der lebendigsten Quartiere Zürichs.
Wer hier baut, arbeitet nicht einfach an einer Strasse. Wir arbeiten uns fast millimeterweise durch mehrere Jahrhunderte alte Infrastruktur und Geschichte.
Was unter den Gassen liegt
Wenn ich an einem offenen Graben stehen bleibe, sieht man auf den ersten Blick vielleicht nur Rohre, Kabel und Erde. Für uns steckt darin aber eine hochkomplexe Koordinationsarbeit mit allen beteiligten Werken, Planungsbüros und Bauunternehmungen. Unter den engen Gassen verlaufen Strom, Gas- und Wasserleitungen dicht nebeneinander. Viele davon sind über 40 Jahre alt und müssen ersetzt werden. Insgesamt erneuern wir rund 27 Kilometer Rohre und Kabel sowie rund 1000 Hausanschlüsse. Anschliessend werden die Gassen über eine Fläche von rund 20’000 m2 neu gepflästert. In den Hauptgassen entsteht ein hindernisoptimierter Bereich, damit Menschen im Rollstuhl möglichst hindernisfrei unterwegs sein können. Gleichzeitig helfen taktile Kanten Menschen mit Sehbehinderung, die Übergänge sowie mittels Absenkungen die Seitengassen zu erkennen.
Das Hauptziel des Projekts ist die Sicherung der Grundversorgung. Die Menschen im Quartier sollen unter anderem weiterhin auch kochen, heizen und Licht haben, wenn es dunkel wird. Das klingt selbstverständlich, ist unter diesen Bedingungen aber alles andere als einfach.
Bauen auf engstem Raum
Viele Leitungen liegen unter historischen Strukturen oder in archäologischen Verdachtsflächen. Gleichzeitig läuft der Alltag im Dörfli weiter: Restaurants bleiben geöffnet, Geschäfte müssen erreichbar sein und die Entsorgungs- und Rettungsfahrzeuge brauchen jederzeit freie Zufahrten. Das Bauen im Niederdorf ist deshalb extrem anspruchsvoll. Wir haben viele Beteiligte, viele Bedürfnisse und praktisch keinen Platz. Dies gilt ebenso für die Umschlags- und Installationsplätze.
Oft werden wir gefragt, weshalb wir die Baustelle nicht einfach in einer grossen Etappe vom Central bis zum Bellevue realisieren. Das würde für das Quartier nicht funktionieren. Darum arbeiten wir unter Berücksichtigung der Touristenströme und der Boulevardgastronomie in kleineren Baufeldern, aufgeteilt in Sommer- und Winterbaufeldern. Die Baustelle bewegt sich gewissermassen durchs Quartier. Wir bleiben jeweils ungefähr ein halbes Jahr an einem Ort und ziehen dann weiter. So sind die Anwohnenden nicht während sechs Jahren dauerhaft vom Baulärm betroffen.
Auch bautechnisch ist diese Unterteilung wichtig. Material, Baugeräte, Entsorgung, Lieferverkehr und Rettungsgassen müssen jederzeit funktionieren, auf engstem Raum.
Stein für Stein
Ich gehe weiter Richtung Predigerplatz und beobachte, wie sorgfältig gearbeitet wird. Bagger graben sich vorsichtig durch die engen Gassen, neue Leitungen werden verlegt und anschliessend setzen die Pflästerer Stein für Stein wieder ein.
Seit Baustart im Januar 2023 wurden bereits rund 300 000 Pflastersteine gesetzt.
Viele nehmen die fertige Pflästerung später als selbstverständlich wahr. Dahinter steckt jedoch enorme Präzisionsarbeit. Das Oberflächenwasser muss sauber ablaufen können, Übergänge müssen stimmen und gleichzeitig soll die historische Wirkung der Altstadt erhalten bleiben.
Wo möglich verwenden wir bestehende Pflastersteine weiter, insbesondere in den Nebengassen. Teilweise werden, bestimmt durch den Bauablauf, zuerst provisorische Asphaltbeläge eingebaut, bevor später die definitive Pflästerung folgt.
Wissen aus früheren Jahrzehnten
Während ich den Neumarkt erreiche, denke ich daran zurück, wie alles begonnen hat. Bereits früh in der Planung war uns klar, dass uns Erfahrungen aus der Sanierung vor 40 Jahren helfen.
Daher haben wir auch pensionierte Fachleute von damals beigezogen und ihre Erfahrungen einfliessen lassen. An dieses Projekt erinnere ich mich persönlich noch sehr gut. Damals stand ich am Anfang meiner Berufskarriere und arbeitete in einem Ingenieurbüro, in welchem ich mit der Projektierung diverser Gassen beschäftigt war. Natürlich ist das Projekt heute deutlich grösser und komplexer als damals. Trotzdem war dieses Wissen enorm wertvoll.
Solche Baustellen kann man nicht einfach am Schreibtisch planen. Man muss verstehen, wie das Quartier funktioniert.
Im Austausch mit dem Quartier
Eine Baustelle dieser Grösse kann man nicht nur technisch führen. Ein wichtiger Teil meiner Arbeit findet im Gespräch mit Menschen statt. Ich stehe regelmässig im Austausch mit dem Quartierverein, mit der Geschäftsvereinigung Limmatquai-Dörfli, mit Gastronomiebetrieben, Ladenbesitzenden und Anwohnenden.
Die Fragen sind oft sehr konkret: Wann wird vor meinem Haus gearbeitet? Bleibt mein Geschäft erreichbar? Wie funktionieren Anlieferungen? Natürlich gibt es auch Sorgen und Kritik. Das verstehe ich gut. Eine Baustelle bringt Einschränkungen mit sich. Umso wichtiger ist es, zuzuhören, Anliegen ernst zu nehmen und transparent zu kommunizieren.
Viele Lösungen entstehen überhaupt erst im direkten Austausch. Nicht alles lässt sich vermeiden, aber vieles lässt sich gemeinsam besser organisieren.
Von Gass zu Gass
Angekommen in der Torgasse zeigt sich nochmals, wie gross dieses Projekt tatsächlich ist.
Mit einem Perimeter von über einem Kilometer Länge und rund 500 Metern Breite ist die Baustelle Nieder- und Oberdorf eine der grössten innerstädtischen Baustellen Zürichs. Und trotzdem besteht sie am Ende aus vielen kleinen Schritten: Aus Leitungen, Pflastersteinen, Gesprächen, Abstimmungen und täglicher Präzisionsarbeit.
Oder einfacher gesagt: von Gass zu Gass gewachsen – getragen vom grossen Fleiss und Einsatz der Baufachleute auf allen Ebenen, vom engagierten Wirken der Bauleitung als Vertretung der Bauherrschaften sowie von der Bauherrenunterstützung, die die vier Bauherrschaften - ewz, Wasserversorgung Zürich, Energie 360° und Tiefbauamt - übergeordnet begleitet und unterstützt.
Wenn alles weiterhin planmässig verläuft, werden die Arbeiten Ende 2027 abgeschlossen sein. Dann bleibt nicht nur eine erneuerte Infrastruktur zurück, sondern auch ein Stück Altstadt, das für die nächsten Jahrzehnte gerüstet ist.
André Palancon, geboren und aufgewachsen in Zürich Nord, lebt nun seit über 20 Jahren in Zürich West und ist stolzer Vater einer bald 30-jährigen Tochter. Nach seiner technischen Grundausbildung im allgemeinen Tiefbau sowie diversen weiterführenden Fortbildungen sammelte er während rund zehn Jahren vielseitige Erfahrung in verschiedenen privaten Ingenieurbüros, bevor ihn sein beruflicher Weg zum langjährigen Partner der Stadt Zürich führte – dem Tiefbauamt.
Als Projektleiter war André Palancon über viele Jahre hinweg hauptsächlich für Projekte im Werkleitungs- und Strassenbau verantwortlich und wirkte dabei an zahlreichen Infrastrukturprojekten in und für die Stadt Zürich mit. Bereits bei der letzten Altstadtsanierung in den 1980er Jahren war er in den ihm seit seiner Jugend vertrauten Gassen der Altstadt an der Projektierung verschiedener Gassen beteiligt.
Heute leitet er einen Fachbereich mit einem Führungsteam von insgesamt zehn Mitarbeitenden und verantwortet als Gesamtprojektleiter die aktuell laufenden Arbeiten im Dörfli.
Den Ausgleich zu seinem beruflichen Alltag findet André Palancon in der Musik, der Kunst, insbesondere bei den alten Meistern des 16. Jahrhunderts wie Caravaggio, im Billard sowie in der Kulinarik. Im Mittelpunkt steht dabei für ihn stets der soziale Austausch und die Begegnung mit Menschen.