«Mord im Hinterhof» – Kapitel 2 unseres Altstadt-Krimis

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Was bisher geschah: Lily Kant vom «Kafi-1A» und die anderen Anwohnenden eines Hinterhofs, der irgendwo zwischen Neumarkt und Predigergasse liegt, erfahren, dass Gertrud Landert gestorben ist. Gertrud war die Besitzerin mehrerer Häuser und eine Grösse in der Altstadt. Was würde nun mit der Velowerkstatt, dem Kellertheater und dem Restaurant «Hindergass» passieren?

Gabriela Kasperski


Das Kopfsteinpflaster glühte vor Hitze, es wehte kein Lüftchen. Der alte Mann sass im Führerhäuschen des vergessenen Baukrans auf dem Susanna Gossweiler-Platz und blickte über das Quartier. Hier hatte er sein ganzes Leben verbracht. Die Altstadt aus der Vogelperspektive zu zeichnen war ein Traum von ihm, und er hatte sich dafür gemütlich eingerichtet. Sogar einen Basilikumtopf hatte er aufgestellt, die Pflanze gedieh prächtig. Mit Bleistift skizzierte er die Zinnen, die Ziegel, die Gärten und die Hinterhöfe. In einem hielten sie gerade die Gedenkfeier für Gertrud Landert ab. Der alte Mann liess den Bleistift sinken. Er vermisste sie, mit keiner hatte er so gut gestritten wie mit ihr. Ausserdem erzählte ihm nun niemand mehr von Ritas Veloschläuchen und dass dem Zimpel das Theaterbudget schon wieder gekürzt worden war. Beide standen mit anderen vor dem «Kafi-1A». Der alte Mann zeichnete weiter. Strich für Strich. 
«Ich hol die Getränke, bin gleich wieder da.» Lily Kant war nervös, heute würde herauskommen, was Gertrud für Vorkehrungen getroffen hatte. Mehrmals hatte sie Lily erklärt, dass sie mit dem Kafi hierbleiben könne. Aber damals hatte sie noch gelebt, und nun war sie tot. Ein Herzschlag, sagten die einen. Herzinfarkt die anderen. Friedlich eingeschlafen, die Dritten.
Lily trat in ihr geliebtes Kafi. Aber der Anblick der polierten Kaffeemaschine, des kleinen Pianos und der neun verschiedenen Lampenschirme beruhigte sie ebenso wenig wie die gerahmten Niederdorf-Fotos von früher. Monti miaute. «Ich weiss, mein Freund, keine Zeit für Sorgen, die Leute brauchen zu trinken.» 
Als Lily in der Küche die Krüge mit eiskaltem Zitronenwasser füllte, trat Zimpel vom Kleintheater «d’Funzle» ein. Trotz der Hitze trug er einen Regenmantel und wischte sich mit einem karierten Tuch über die Stirn, wobei einige Zettel zu Boden flatterten. 
«Kannst nicht lieber du die Trauerrede halten?»
Solche Anfälle hatte er vor jeder Premiere. Lily bückte sich nach den Zetteln.
«Du bist der beste Redner, Zimpel. Sei bloss nicht zu ernst. Sprich einfach davon, wie s’Gerti uns in den Häusern hat alles machen lassen, solange wir die günstigste Lösung umsetzten.»
«Ich kann doch sie doch nicht kritisieren, wenn sie tot ist.»
«… sagt der Theaterleiter, der Antigone gemacht hat.»
«Ja, aber das ist ein Stück, nicht das Leben.»
Lily sah das anders, für sie war das Leben jeden Tag von Neuem ein Schauspiel.
«Übrigens musst du jemanden vorstellen…» Sie drückte ihm die Zettel wieder in die Hand. «Die Nichte ist nämlich da.» Gertrud Landers ominöse Alleinerbin, die auch nicht mehr die Jüngste war. Sie hatte ihre Tante kaum besucht, darum waren bei Lily sämtliche Alarmlampen angegangen, als sie am Vorabend vorbeigekommen und durch das Waschhäuschen getrampelt war, in den bereits geschlossenen Veloladen gespäht und sich mit den Örtlichkeiten vertraut gemacht hatte. 
Nachdem Zimpel hinausgegangen war, stellte sich Lily ans Fenster und musterte die Leute, die sich auf den Bänken unter der Linde verteilt hatten. Alle waren sie gekommen. Tony, der Wirt vom «Hindergass» und seine geniale Köchin Aylin Demir, klein und wendig, mit Brille und dunklem Haar, ihr Bruder Dardan, der schmächtige Lehrling von der «Radlerei», seine Chefin Rita, die Velomechanikerin, mit Kurzhaarschnitt und Dächlikappe. Sogar Elena Mettler, die Stadtplanerin war da, elegant in einem Leinenkleid. Lily hatte sie mit Gerti bekannt gemacht. Dass sie mit der Nichte zusammensass, fand Lily ein gutes Zeichen.
Zimpel stellte sich neben den Baum. «Liebe Trauergemeinde. Wir sind hier, um der Verstorbenen zu gedenken.»
In dem Moment flog ein Ballon durch die Luft und zerplatzte am Baumstamm. 
«Kein Gesalbader, Zimpel», brüllte Tony, der genau wie Lily zum Fenster hinausschaute. «Gerti würde sich im Grab umdrehen.» 
Zimpel legte seine Zettel weg. «Also dann, ihr wisst ja, wie sie war. Sie hat im Niederdorf die Häuser gekauft, obwohl damals alle geschimpft haben, dreckig, verlottert und voller Gesindel, sei es.
Aber gerade das Gesindel, also wir, haben ihr gefallen.»
Allseitiges Nicken, ein zögerliches Lachen.
«Jeden von uns hat sie gekannt, für jeden hatte sie ein gutes Wort. Nur mit einem neuen Kühlschrank, da war sie geizig.» Zimpel bekam Schwung, er hangelte sich von Anekdote zu Anekdote. Doch, so hatte Lily sich das vorgestellt. Leise trat sie hinaus. Dabei fiel ihr Blick auf einen Mann, als einziger in Anzug mit Krawatte.
Zimpel übergab das Wort an die Nichte, diese stand auf. «Wenn meine Tante hier wäre, sie würde sich freuen. Ich wollte euch sagen, sie wollte hier umbauen, aber sanft, darum ist auch Elena Mettler hier.» Alle Köpfe schwenkten zur Stadtplanerin. 
Da trat der Anzugträger einen Schritt vor. «Sorry, aber die Häuser gehören nicht mehr Gertrud Landert. Sie gehören mir.»
«Jesses», sagte der alte Mann im Kran und schmiss den Basilikumtopf um. Er hatte den Anzugträger schon mal gesehen. Als der mit jemandem aus der Runde gesprochen hatte. Und zwar nicht eben freundlich.
Fortsetzung folgt ... in der Ausgabe vom 20. 8. 

Anmerkung: Örtlichkeiten, Institutionen, Personen und Handlungen sind frei erfunden. Wer Ideen und Wünsche hat für die nächsten Folgen, schreibt bitte an redaktion@altstadtkurier.ch – oder kommt vorbei auf die Redaktion an der Neumarkt 8 (bitte vorher telefonieren auf 079 660 28 59). Dann erfolgt die Weiterleitung an die Autorin Gabriela Kasperski.

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Die Autorin
Gabriela Kasperski ist studierte Anglistin, Moderatorin und Theaterschauspielerin. Heute lebt sie als Schriftstellerin mit ihrer Familie an der Stüssihofstatt, in London und in der Bretagne. Zusammen mit ihrem Mann führt sie die Geschichtenbäckerei am Predigerplatz. Ihre Bücher wurden mehrfach nominiert und ausgezeichnet, letztes Jahr machte das vom Ehepaar Kasperski herausgegebene Buch «Weisch na» Schlagzeilen mit rührenden Altstadtgeschichten, inspiriert vom Altstadt-Original Barbara Streiff. Für den Altstadt-Kurier schreibt sie exklusiv den siebenteiligen Altstadt-Krimi.