Der Schicksals-Abend

Gabriela Kasperski schreibt exklusiv für den Altstadt-Kurier. «Mord im Hinterhof» erzählt in sieben Fortsetzungen die Geschichte eines Zürcher Hinterhofs, der nach dem Tod der langjährigen Besitzerin zweier angrenzender Häuser in einen Strudel aus Begehrlichkeiten, Politik und einem ungeklärten Mord gerät.
Was bisher geschah: Bei der Trauerfeier der Hausbesitzerin Gerti Landert in einem Hinterhof irgendwo zwischen Neumarkt und Predigergass, erfahren Lily vom «Kafi-1A», die Köchin, die Velomechanikerin, der Theatermann und die Stadtplanerin, dass nicht Gertis Nichte das Haus erbt, sondern ein smarter Anzugträger. Wer ist er und was hat er vor?
Von Gabriela Kasperski
Severin Wey sass nach einer Nacht im Luxuszimmer «Grande Lumière» in Leinenhose und Hemd im Garten des neu eröffneten Hotel Florhof und spielte auf dem Handy das Pixie-Game, mit dem er einige Hunderttausend gemacht hatte. Den Matcha Latte hatte er sich nur bestellt, weil es angesagt war. In Wirklichkeit hätte er lieber eine Schale Gold gehabt, so wie sie sein Vater immer getrunken hatte. Er war aufgeregt. Gleich würde er den Bewohnern des Hinterhofs die Kündigung aussprechen, und seinen zukünftigen Besitz ausmessen. Das Gericht hatte entschieden: «Die zwei Häuser im Hinterhof 1A gehören Ihnen.»
Dass er sie Gerti Landert zu einem Tiefpreis abgeschwatzt hatte, hatte sich nicht zu seinen Ungunsten ausgewirkt.
Nach der Sanierung würde er die Apartments und Läden so teuer vermieten, dass die Zimmerpreise im Florhof ein Klacks dagegen waren und dem Papa beweisen, dass er es geschafft hatte. «Auf geht’s», sagte er leise.
Lily Kant vom Kafi-1A sah Milan Demir, dem bleichen Lehrling von der Radlerei zu, wie er auf der anderen Seite des Hinterhofs bei einem Veloreifen den Heber ansetzte. Otto Zimpel, Theatermann und Besitzer des Fahrzeugs, hatte immer noch nicht kapiert, dass die Altstadt eine Dauerbaustelle war und man nicht über Scherben fahren sollte. Milan kämpfte kurz mit dem Mantel, zwang ihn zurück und begann zögerlich, den zerstörten Schlauch herauszuziehen.
«Aufpassen, Milan», sagte Rita Signorelli, bevor sie ihr langes Haar zurückwarf und es sich neben Toni, den Hindergass-Wirt, und Stadtplanerin Elena Mettler am runden Tisch gemütlich machte, um ihren Espresso zu trinken.
Elena zeigte ihnen den Plan der Hof-Neugestaltung. «Es wird nur wenig geändert, keine Angst.»
Auch Lily trat näher und hörte Elena zu. Es würde einen gemeinsamen Aussenraum für Kafi, Kleintheater und das Restaurant Hindergass geben, neben dem Brunnen würden sie eine Linde pflanzen. Rita müsste etwas von der Radlerei hergeben, womit sie nach einigem Hin und Her einverstanden war.
«Ist das Verfahren denn abgeschlossen?», fragte Lily.
Gerti Landerts Nichte und Alleinerbin hatte gegen Severin Wey, der von allen als «Gauner» bezeichnet wurde, geklagt.
Elena zuckte die Achseln. «Bestimmt, sonst hätte sie mir den Auftrag nicht gegeben. Ausserdem ist der Fall juristisch klar. Dass Gerti das Haus zu einem Schleuderpreis verscherbelt hat, ist eine Form von Demenz. Jeder Gutachter würde das so einschätzen.»
Lily war da nicht so sicher, aber sie behielt ihre Zweifel für sich.
Otto Zimpel trat in seinem üblichen Regenmantel durch den Theatereingang in den Hof heraus, um die blecherne Hinweistafel für die Mitternachtslesung aufzuklappen.
«Wollen Sie den noch?» Milan hielt den zerfetzten Schlauch in die Luft.
«Kannst du als Andenken behalten.»
Der Junge lachte erleichtert und schmiss den Schlauch in den Mülleimer.
«Mein Sorgenkind wird immer besser», sagte Rita und nahm einen Zug von ihrer Morgenzigi. Nach einem Ausraster hatte sie Milan vor einigen Monaten unter ihre Fittiche genommen. Dass es klappte, freute auch Katze Monti, die neben dem Mülleimer lag und den herunterbaumelnden Schlauch inspizierte.
«Ciao!», ertönte eine Stimme vom Torbogen her.
Lily erkannte Silvan Wey. «Guck an, der Jung-Gentleman.»
Der grüsste in die Runde. «Lasst euch nicht stören. Will nur den Spa ausmessen.»
Er hielt ein schwarzes Gerät in die Luft, rote Pfeile blitzten. Als der den Hof durchquerte, kickte er die Hinweistafel um. «Schrott. Muss weg!»
Rita erhob sich. «Hackts bei dem?»
Er hielt sein Handy in die Luft. «Ist alles meins. Hier ist das Gerichtsurteil.»
Lily hatte es geahnt, es war zu friedlich gewesen und sie hatten alle den Kopf in den Sand gesteckt.
«Das ist Hausfriedensbruch», schrie Rita. «Sie müssen sich anmelden.»
«Hab ich ja. Alle haben ein digitales Schreiben bekommen. Dass es niemand runtergeladen hat, ist nicht mein Problem.»
Niemand sagte etwas. Das war schlimmer als jeder Albtraum.
Wey sicherte die Daten auf dem Messgerät und ging wieder in Richtung Ausgang. «Info für Alle. Hier entsteht ein Boutiquehotel. Noch schöner als der Florhof.»
«Mit Kleintheater?», fragte Zimpel.
«Und Radlerei?»
«… sowie Kafi und Beiz?» Lilys Stimme erstarb, sie merkte selbst, wie unrealistisch das war.
«Im Gegenteil, ihr seid gekündigt.» Wey drehte sich um. «Bewerbt euch bei der Ligi. Und sonst: Agglo einfach.»
Als nach Mitternacht die Lesung vorbei und das Publikum gegangen war, betrat Severin den Hof erneut. Er hatte vergessen, den Brunnen auszumessen. «Zmitzt z’Züri, 1A-Mineral. Ein Liter für zäh Schtutz.» Er grinste und hob die Hand mit dem Messgerät. Da wand sich etwas um seinen Hals. Bis er reagierte, sass der Veloschlauch bereits sehr eng. Severin begann zu zappeln, versuchte sich zu befreien, bis ihm die Luft wegblieb und er zu Boden sank. Papa wird nie erfahren, dass ich seinen Traum umgesetzt habe, war sein letzter Gedanke.
Fortsetzung folgt ... in der Ausgabe vom 17. 9.
Anmerkung: Örtlichkeiten, Institutionen, Personen und Handlungen sind frei erfunden.
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Unsere Niederdorf-Autorin
Die Autorin Gabriela Kasperski ist studierte Anglistin, Moderatorin und Theaterschauspielerin. Heute lebt sie als Schriftstellerin mit ihrer Familie an der Stüssihofstatt, in London und in der Bretagne. Zusammen mit ihrem Mann führt sie die Geschichtenbäckerei am Predigerplatz. Ihre Bücher wurden mehrfach nominiert und aus- gezeichnet. 2025 machte das vom Ehepaar Kasperski herausgegebene Buch «Weisch na» Schlagzeilen mit rührenden Altstadtgeschichten, inspiriert vom Altstadt-Original Barbara Streiff.
Für den Altstadt-Kurier schreibt sie exklusiv den siebenteiligen Altstadt-Krimi. Wer Ideen und Wünsche hat für die nächsten Folgen, schreibt bitte an redaktion@altstadtkurier.ch – oder auf 079 660 28 59. Dann erfolgt die Weiterleitung an Autorin Gabriela Kasperski.
Achtung: In den ersten Kapiteln haben sich einige Fehler eingeschlichen. Meldet sie im Altstadtkurier-Büro, per Mail oder persönlich. Unter den richtigen Antworten verlosen wir den neusten Band von Gabriela Kasperskis Libby Andersch-Reihe: «Tödlicher Rheinfall.»