Wo Zürichs Niederdorf sehr britisch ist

Nach einem Jahr Umbau hat das Oliver Twist Ende Mai am Rindermarkt neu eröffnet. Es ist grösser und heller, orientierte sich aber am ursprünglichen Stil. Weiterhin wird klassisches Pub-Food serviert – und natürlich eine grosse Auswahl an, nicht nur, britischem Bier.
Von Alexander Villiger
Dem Lokal sieht man kaum noch an, dass es das älteste Pub der Stadt ist. Das Täfer, der Teppich, die Tapeten, alles wirkt frisch, hell, grosszügig und gar nicht wie von 1970. Die Wiedereröffnung im frischen Gewand wurde mit einer rauschenden Eröffnungsparty und vielen Stammgästen, gefeiert.
«Es gab schon länger Pläne, den Antiquitätenladen nebenan zu übernehmen und den Pub zu vergrössern», erzählt Angelique die den Geschäftsführer Andrew Carmack vertritt. Der Amerikaner mit Schweizer Wurzeln leitet das Lokal seit 2021. Als das ganze Gebäude renoviert wurde, ergriff Carmack die Gelegenheit und nahm die Erweiterung und eine Generalüberholung in Angriff. Das Pub ist jetzt um einen Drittel grösser mit knapp 40 zusätzlichen Plätzen, der Eingang wurde um zehn Meter nach rechts versetzt und liegt nun zwischen dem alten und neuen Teil. Das ganze Lokal wirkt dadurch viel luftiger. Im Hinterhof befindet sich nach wie vor ein kleiner, offener Aussenbereich. Zum Rindermarkt hin laden ein paar Tische zum Verweilen ein.
Die Vertrautheit hat sich erhalten
Trotz dem Umbau wirkt das Oliver Twist vertraut. Das sagt auch Maria, meine Lebenspartnerin, deren Anlaufpunkt das Pub war, als sie seinerzeit als junges Au-pair nach Zürich kam. «Die Möbelmanufaktur Sitzwerk arbeitet schon lange für uns», sagt Angelique. «Diese Leute verstehen, was uns ausmacht.» Die Tapete wurde extra aus Grossbritannien bestellt, um so nah wie möglich am ursprünglichen Muster zu bleiben.
Die Stammgäste wissen das anscheinend zu schätzen: Das Pub ist gut besucht, als wir an einem Sonntagabend vorbeischauen. Auf den Bildschirmen läuft gerade ein Golf-Turnier, die Grüppchen setzen sich vor allem aus jungen Expats und Einheimischen zusammen, und es hat etwas mehr Männer als Frauen.
An der Bar geben wir unsere Order auf. Die englisch sprechenden Angestellten Morgan, Alex und Angelique arbeiten zügig und freundlich. Der italienische Pinot Grigio (12.90) erfrischt, ebenso das eiskalte Thatcher Blonde (9.00), das mit einem bis zum Rand mit Eiswürfeln gefülltem Glas serviert wird. Wobei wirklich «serviert» wird nur das bestellte Essen. Die Getränke nimmt man bei der Bestellung an der Bar gleich selbst mit an den Tisch. Bezahlt wird gleich vor Ort.
Auf das Essen warten wir nicht lange. Auf der Karte steht klassisches Pub-Food. Wir probieren die MR. PICKWICK’S HOMEMADE FISH ’N’ CHIPS, knusprig frittierte Dorsch- & Schollenfilets im hausgemachten Bierteig, serviert mit Fries, Erbsen-Püree und Tartar-Sauce (what else) (27.50), und ein MR. SNODGRASS’S CLUB SANDWICH. Ein Doppeldecker-Sandwich mit einer ebenso hausgemachten Füllung aus Poulet, Essiggurken und Tartar-Sauce, belegt mit Speck, Tomaten & knackigem Salat, serviert mit Fries (25.50). Beides genau nach unserem Geschmack. Tomaten und Salat schmecken frisch, und der Bierteig des Fisches ist kross und knusprig. Der dazu gereichte Cole Slaw an Stelle des Erbsen-Püree hätte durchaus etwas grösser sein dürfen.
Die Pommes sind knusprig, nicht zu stark gesalzen und mit Kräutern gewürzt. Zum Essen wird ein Saucenkörbchen gereicht, neben Mayo, Senf und Co. steht darin britischer Malzessig und ein sehr schmackhafter Ketchup.
Solides Pub-Food
Die Gerichte sind keine gastronomischen Highlights, aber sehr gutes und solides Pub-Food. Das Oliver Twist gehört zur Mr.-Pickwick-Kette, zu der sechs weitere Pubs in der Deutschschweiz gehören, und die Kette wiederum ist Teil der Basler Gastrag-Gruppe.
Das Menü ist in allen Betrieben weitgehend das gleiche, abgesehen von lokalen Anpassungen und Specials. Im Oliver Twist gibt’s zum Beispiel Irish Stew am Saint Patrick’s Day oder Haggis mit Steckrüben und Kartoffelstock an der Robert Burns Night. Burns war ein schottischer Dichter des 18. Jahrhunderts, der jeweils im Januar gefeiert wird. Auch ein englisches Breakfast in verschiedenen Variationen wird serviert.
Eine Hommage an Frankie B.
Die Preise für Bier und Food bewegen sich auf mittlerem Zürcher Niveau. Die Portionen sind grosszügig bemessen. Der Fokus liegt in der Natur der Sache, ganz auf dem Bier. Neben Guinness in diversen Varianten und mehreren britischen Biermarken werden auch Schweizer Sorten und wechselnde Gastbiere angeboten. Hinzu kommt eine kleine Auswahl an alkoholfreien Sorten.
Rechts neben dem Eingang hängt ein Bild von Frankie B. Darunter sein Strassenschild, das man aus seinem Schaufenster kannte. Frankie war ein Niederdorf-Original und hatte seinen Coiffeur-Laden schräg gegenüber! Darauf angesprochen, ob sie denn wüssten, wer hier abgebildet ist, konnte man uns leider keine Antwort geben. Dies wäre vielleicht der einzige Punkt, den wir leise kritisieren würden.
Unser Fazit: Der perfekte Ort für englischsprachige Expats, Schweizerinnen und Schweizer, sowie Anwohnende der umliegenden Gassen, die mit ihnen ins Gespräch kommen wollen oder einfach etwas Fernweh nach «good old england» haben.
Unser Foto zeigt die Gastgeber-Crew am Tag des Besuchs (v.l.): Angelique (Greek), Morgan (Irish) und Alex (Russia). Foto: Alexander Villiger
Oliver Twist, Rindermarkt 6, 8001 Zürich, www.pickwick.ch, Mo–So, 12–24 Uhr.