«Für mich war das ein Traumjob»

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Dölf Wild, Leiter Stadtarchäologie, wird Ende Dezember 2019 pensioniert. Im Gespräch mit dem Altstadt Kurier gibt er einen Einblick in sein Berufsleben.

Wie sind Sie zur Archäologie gekommen? Das ist ja kein alltäglicher Beruf.
Gleich nach meiner Lehre konnte ich bei der Ausgrabung einer römischen Therme in der Nähe meines damaligen Wohnorts Neuhausen mitarbeiten. Danach habe ich als archäologischer Mitarbeiter mein Studium finanziert und bin so immer mehr reingewachsen. Meine Dissertation war dann eine Auswertung der Ausgrabungen im Zusammenhang mit dem Erweiterungsbau der Zentralbibliothek.

Was waren für Sie wichtige Stationen, wichtige Projekte?
Gleich als Erstes bin ich als Freischaffender mit der Grabungsleitung bei Pastorini und zwei Nachbarhäusern am Weinplatz betraut worden, das war 1983/1984. Dabei sind wir auf römische Thermen gestossen – heute sichtbar in der Thermengasse. Direkt unter dem Boden waren massive römische Mauern. Das war sehr beeindruckend.

Weitere Beispiele?
Als ich 1996 die Leitung der Archäologie angetreten habe, war man gerade am Freilegen der Malereien an der Brunngasse 8. Inhaltlich war das der bedeutendste Fund meiner Laufbahn. Er bietet einen Blick in die Wohnung einer wohlhabenden jüdischen Familie aus dem 14. Jahrhundert. Das kennt man sonst nirgends und seither kommen Wissenschaftler aus der ganzen Welt.

Gab es weitere Ausgrabungen, die zu neuen Erkenntnissen führten?
Für die Stadtgeschichte am Bedeutendsten waren die Befunde bei den Werkleitungssanierungen am Rennweg 1997 bis 1999, bei denen wir das keltische Zürich entdeckt haben. Bis dahin hat Zürich als römische Gründung gegolten, kurz davor hatte man 2000 Jahre Zürich gefeiert. Nun sahen wir, dass bereits Kelten hier gesiedelt haben, im 1. Jahrhundert vor Christus.
Als Zweites haben wir dort zwei Phasen früherer Stadtbefestigungen entdeckt. Bis dahin war man davon ausgegangen, dass die auf dem Murer-Plan sichtbaren Befestigungen aus dem 13. Jahrhundert die ältesten sind.

Wie fühlt sich das an, wenn man sozusagen die Stadtgeschichte verändert?
Das ist schon etwas ganz Besonderes, aber auch eine grosse Aufgabe! Wie muss man es kommunizieren, dass die Leute es wahrnehmen? Selbst in neuen Geschichtsbüchern steht es ja anders. Öffentlichkeitsarbeit ist in der Archäologie ein ganz wichtiger Teil.

Wie sind Sie die Öffentlichkeitsarbeit angegangen?
Durch Ausstellungen im Haus zum Rech und mit kleinen, gut geschriebenen und reich bebilderten Schriften. Uns ist aber auch klar geworden, wie wichtig die sogenannten «Archäologischen Fenster» sind. Als wir anfangs der 2000er-Jahre das aus den 1960er-Jahren stammende «Fenster» Lindenhofkeller, in den man durch eine Bodenklappe hinabsteigen kann erneuert haben, wurden wir bei der Neueröffnung förmlich überrannt.
Seither haben wir weitere Orte neu präsentiert, etwa die Krypta unter der Wasserkirche. Ein weiterer Höhepunkt war, dass wir alte Ausgrabungen unter dem Chor des Fraumünsters in ein Kleinmuseum umwandeln konnten. Dieses «Archäologische Fenster» ist in enger Zusammenarbeit mit der dortigen Kirchgemeinde entstanden.

Die Archäologie hat ja auch etwas Bewahrendes. Haben Sie Beispiele von erfolgreichen Rettungsaktionen?
Da gibt es vieles. Ein schönes Beispiel ist die Lindenhofstützmauer. Weil sie als einsturzgefährdet eingestuft wurde, wollte das Tiefbauamt sie abreissen und neu bauen. Wir konnten darlegen, dass dies die älteste Mauer von Zürich ist und teilweise aus römischer Zeit stammt. Man hat sich begeistern lassen und es wurde beschlossen, die Mauer zu sanieren. Heute präsentiert sie sich ohne Efeu und gemäss «Plan lumière» dezent beleuchtet. – Das sind Erfolge, auf die man stolz sein kann. Die Sanierung kam dann erst noch billiger zu stehen als der Neubau.

Mit der Archäologie ist in Zürich zu rechnen, gewinnt man den Eindruck.
Mit einer Reorganisation der Stadtverwaltung um 2000 wurden im neuen Amt für Städtebau Denkmalpflege, Archäologie und Stadtplanung zusammengelegt. Dies stand unter dem Motto: «Aus der Geschichte heraus die Stadt entwickeln». Die Stadt Zürich verändert sich rasant – und auch wir verändern mit unserer Tätigkeit das Bild der Stadt.

Warum ist die Vergangenheit wichtig?
In unserer Stadt, in der es so viel Zuwanderung gibt, in der so viel gebaut wird, das Bild sich so stark verändert, leisten Denkmalpflege und Archäologie einen wichtigen Beitrag zur Identität der Stadt mit der Stadtgeschichte. Dass man die Altstadt besser versteht und sich bewusst ist, was man da hat.

Das war ja nicht immer so ausgeprägt, dieses Bewusstsein.
Bis in die 1950er-Jahre wollte man die Altstadt abreissen. Eine starke Volksbewegung hat dann verlangt, die Altstadt zu schützen. Aus dieser Bewegung heraus sind Archäologie und Denkmalpflege entstanden. Unsere Hauptaufgabe ist es, die Kenntnisse von Geschichte, von Häusern, davon, was es im Boden hat, zu erweitern. Wenn man deren Wert kennt, geht man sorgfältiger um damit.

Da kommt einem vielleicht die sogenannte Altstadtsanierung in den Sinn. Was war damals die Situation?
Das war in den 1970er- und 1980er-Jahren. Alte Leitungen wurden ersetzt und Hunderte von Häusern saniert. Es gab Projekte, vieles abzureissen, etwa das ganze Quartier des heutigen Hotels Widder. Da haben meine Vorgänger das Bewusstsein für die Bausubstanz wecken können. Oft steckt 1000 Jahre Kulturgut in den Häusern. Es braucht immer Überzeugungsarbeit, Freude und Stolz zu wecken, dass man sieht, dass etwas Gutes und Wichtiges gemacht werden kann.

Ein grosser Teil Ihrer Tätigkeit dreht sich wohl um die Altstadt?
Das ist sicher der zentrale Teil. Aber auch in den ehemaligen Dorfkernen der Aussenquartiere sind wir aktiv. Wir betreiben auch Bauernhausforschung, zusammen mit der Denkmalpflege. Durch das Verstehen des Hauses versuchen wir Einfluss zu nehmen auf einen Umbau und die neue Nutzung. – Wir machen auch Grabungen. So haben wir vor wenigen Jahren beim Schulhaus Kern das Grab einer keltischen Frau gefunden. Oder wir sind mit der Sanierung der Burgruine Friesenberg beschäftigt.

Gerade in der Altstadt: Die Arbeit ist wohl nie fertig?
Es ist ein Grundgedanke der Stadtarchäologie: Es ist wie ein Riesenpuzzle, es braucht Geduld. Aus Teilen setzt sich das Gesamtbild zusammen. Man ist irgendwo dran, Jahre später wird ein Nachbarhaus umgebaut oder eine Strasse aufgerissen: ein neues Puzzleteil. Es braucht ein langes Bewusstsein.

Sie scheinen voller Enthusiasmus und voller Elan. Und stehen kurz vor der Pensionierung. Haben Sie Pläne für die folgende Zeit?
Für mich war das ein Traumjob. Nie langweilig, immer wieder gab es Überraschendes, Neues. – Die vergangenen 24 Jahre als Leiter Stadtarchäologie haben zu einem grossen Wissen über die Stadt geführt. Das will ich gern weiter einsetzen. So werde ich für Zürich Tourismus in der Aus- und Weiterbildung der Stadt-Guides tätig sein. Auch im künftigen Kleinmuseum Brunngasse werde ich mitarbeiten. Ich scheide nur aus dem Staatsdienst aus, bin aber weiterhin da. – Als zugewanderter Schaffhauser bin ich ein echter Zürich-Fan geworden.

Interview: Elmar Melliger

Zur Person
Dölf Wild (1954) ist in Neuhausen (Schaffhausen) aufgewachsen, wo er eine Maschinenzeichnerlehre absolvierte. Gleich anschliessend hat er bei der Ausgrabung einer römischen Therme nahe Neuhausen mitgearbeitet und ist von der Archäologie nicht mehr losgekommen. Erwachsenenmatur, ab 1982 Studium der Geschichte an der Universität Zürich, Dissertation «Predigerkloster in Zürich – Beitrag zur Architektur der frühen Bettelorden». Parallel zum Studium als Freischaffender in der Archäologie tätig, Gründung einer Grabungsfirma (Interessengemeinschaft Archäologie IGA). 1991 Anstellung bei der Stadt, beim damaligen Büro für Archäologie Stadt Zürich. Seit 1996 Leiter Stadtarchäologie. – Dölf Wild wohnt seit 1975 in Zürich, wovon 15 Jahre in der Altstadt. Der Vater eines erwachsenen Sohnes lebt mit seiner Partnerin in Wipkingen.

EM