«Ein vielseitiger, spannender Beruf»

Dreissig Jahre war Andreas Ott Stadtammann für den Kreis 1 in Zürich. Nun geht er Ende Februar in Pension. Der Altstadt Kurier hat sich mit ihm unterhalten, in seinem Büro an der Gessnerallee.

Ein freundlicher Herr mit sonorer Stimme empfängt den Besucher in seinem Büro an der Gessnerallee 50. Von hier blickt man auf die Sihl, gegenüber liegt die Sihlpost, seitlich sind die Perrons des Hauptbahnhofs.

Seit dreissig Jahren sind Sie Stadtammann für den Kreis 1 in Zürich. Was macht eigentlich ein Stadtammann?
Andreas Ott: In erster Linie ist man Leiter des Betreibungsamts. Dagegen werden die Konkursämter in der Stadt Zürich durch Notare geführt. Im Kanton Zürich ist man als Stadtammann der verlängerte Arm des Richters, wenn es darum geht, Anordnungen zu vollstrecken oder beweissichernde Massnahmen zu ergreifen.

Was denn, zum Beispiel?
Baubefunde abzunehmen, einen Zustand aufzunehmen. Wenn sich etwa jemand über Schimmel in der Wohnung beklagt. Oder wenn im Vorfeld einer Grossüberbauung der Zustand der Gebäude in der Nachbarschaft aufgenommen werden soll. Da müssen sämtliche Räume in Wort und Fotografie erfasst werden. Falls durch die Bauarbeiten Risse auftreten sollten, hat man den Vorher- und Nachherzustand. – Es gibt auch Ausgefalleneres, wie damals den «Chäs-Chüechli-Befund»: Es wurde eine Klage vor Bezirksgericht eingereicht, im Wohnhaus rieche es penetrant nach Chäs-Chüechli. Wir mussten hingehen und das bestätigen.

Es gibt wohl auch schwierige Aufgaben?
Die mitunter schwierigste und härteste Aufgabe ist es, Mieter aus ihrer Wohnung auszuweisen, wenn sie die Miete nicht mehr bezahlt haben und sich weigern, die Wohnung zu verlassen. Man muss dann Massnahmen ergreifen, dass die Wohnung geräumt wird und die Möbel eingelagert werden. Da gibt es eine Zusammenarbeit mit dem Sozialdepartement, es werden gerade für Familien Notwohnungen bereitgestellt. Allenfalls braucht es den psychiatrischen Dienst und die Polizei. Vielfach sind uns die Leute wegen ihrer Betreibungen bereits bekannt.

Gibt es andere Aufgaben, für die Sie sozusagen raus müssen, an die Front?
Bei Hausdurchsuchungen ist der Stadtammann als Urkundeperson dabei, beispielsweise bei Wirtschaftsdelikten oder bei ungeklärten Todesfällen. Da muss ich Gewähr bieten, dass alles korrekt abgelaufen ist. So hatte ein Angeklagter im Zusammenhang mit einem Tötungsdelikt eine Wohnung im Kreis 1 und es mussten Beweismittel beschlagnahmt werden. Da wird ein Protokoll aufgenommen durch die Polizei, welches durch den Stadtammann bestätigt wird.

Daneben wird es auch Routinearbeiten geben?
Ja, etwa wenn wir bei einem gerichtlich bewilligten Fahr- oder Parkierungsverbot auf Privatgrund die Ausschreibung und das Platzieren der Tafel veranlassen. Oder wenn es um Beglaubigungen von Unterschriften und Kopien geht. Wir beglaubigen die Echtheit der Unterschriften auf Vollmachten über 2000 Mal im Jahr im Kreis 1. – Oder das Erteilen von Auskünften aus dem Betreibungsregister an Vermieter, an Krankenkassen oder im Zusammenhang mit Stellenbewerbungen. Das Erteilen von Auskünften hat zahlenmässig stark zugenommen in den letzen Jahren.

Ihnen obliegt die Leitung des Betreibungsamtes. Da werden Menschen eingeschränkt in ihren Möglichkeiten. Kann das nicht gefährlich werden?
In schwierigen Situationen können wir die Polizei beiziehen.

An was für Situationen denken Sie da?
Etwa wenn es um Pfändungen oder Wegnahme von Gegenständen geht. Wenn man also beispielsweise einen Computer pfändet, der Schuldner ihn aber behalten kann, solang er die Schuld in Raten begleicht und wenn diese Ratenzahlungen ausbleiben. Dann erfolgt die Wegnahme.

Haben Sie denn auch schon eine unvorhergesehen kritische Situation erlebt?
Einmal bin ich in einer Wohnung mit einer Pistole bedroht worden. Ein Mitbewohner konnte den aufgebrachten Schuldner dann aber beruhigen. Normalerweise kann man gut umgehen mit den Leuten.

Kommen solche Wegnahmen denn häufig vor?
Im Gegensatz zu früher werden heute kaum mehr Sachwerte gepfändet, denn das Auf-die-Gant-Bringen ist in der Regel ein Verlustgeschäft. Heute geht es bei Privatpersonen hauptsächlich um Lohnpfändungen. Davor muss man allerdings einmal zu der betreffenden Person nach Hause gehen, um die Verhältnisse zu erfassen. Ausser wenn jemand bekanntlich in ärmlichen Verhältnissen lebt. Es hat aber auch schon Hinweise darauf gegeben, bei einem Schuldner hänge ein Picasso oder etwas Ähnliches an der Wand. Bei Geschäften, bei juristischen Personen, von denen es im Kreis 1 viele gibt, werden schon noch Sachwerte gepfändet, weil es die Möglichkeit der Lohnpfändung dort nicht gibt.

Wie oft kommt das vor?
Im Kreis 1 stellt man eine Zunahme fest. Vielfach handelt es sich um Restaurants, die ihre administrativen Belange vernachlässigen und dann die Rechnungen schon bezahlen, einfach zuzüglich Zinsen und Gebühren. Sie machen ihre Abrechnungen nicht. Das hat schon mit der Liberalisierung zu tun, dass jeder ohne viel Aufheben ein Lokal eröffnen kann.

Gibt es etwas, das speziell ist, im Stadtkreis 1?
Bei uns liegt ein grosser Teil der internationalen Fälle, bei denen Vermögen blockiert werden müssen bei Banken. Denn die grösste Bankendichte ist im Kreis 1. Dabei geht es um hohe Forderungen, bisweilen um Hunderte Millionen Franken.

Wie muss man sich das vorstellen, wie läuft so etwas ab?
Wenn eine Forderung einen Bezug zur Schweiz aufweist, beispielsweise Steuerforderungen, Forderungen gegenüber Investoren etc., kann man vor Gericht «Arrest» beantragen. Dann müssen Konten gesperrt werden, sofort, mit Überraschungseffekt. Früher ging man persönlich zur Bank, heute läuft das hauptsächlich per Mail und Fax.

Wie hat sich denn Ihre Tätigkeit verändert, im Lauf der Zeit und mit der technischen Entwicklung?
Früher gab es etwa noch den «Taschenarrest». Gab es Geldforderungen gegenüber einem Schuldner, ist man zu ihm gegangen, um sozusagen seine Taschen zu leeren. Häufig war das der Fall in Nachtlokalen, bei Tänzerinnen auf der Durchreise, da wurde mitunter Schmuck beschlagnahmt. Heute gibt es fast nur noch den oben erwähnten Fall der Kontensperrung bei Banken. Selten werden Kunstwerke beschlagnahmt, bei Galerien. Einmal musste ich das machen während der Finissage einer Ausstellung. War das peinlich!

Gibt es weitere Tätigkeiten?
Der Stadtammann beaufsichtigt sämtliche Auktionen im Kreis 1, also von Christie’s, Sotheby’s etc., um den korrekten Ablauf zu gewährleisten. Dass etwa kein Alkohol ausgeschenkt wird während der Auktion, dass keine Trennwände aufgestellt werden zwischen den Bietenden, dass die Zuschläge korrekt erteilt werden.

Apropos Auktionen, solche gab es doch früher im Gant-Lokal?
Ja, in der Pestalozzi-Bibliothek im Erdgeschoss fand monatlich eine Gant statt mit gepfändeten Gegenständen. Zudem waren hier die Ganten der Fundbüros der Stadt und der VBZ, ausserdem der Pfandleihkasse der ZKB. Heute gibt es gesamtstädtisch nur noch das Gantlokal in der Hardau, wo immer am Donnerstag eine Gant stattfindet.

Wie hat sich denn der Personalbestand geändert, durch diese Entwicklung und im Zug der Digitalisierung?
Es gab einen markanten Abbau. Infolge der Schliessung des Gantlokals und weil heute bereits die Hälfte der Betreibungsbegehren elektronisch hereinkommen. Zudem hat man früher vieles noch von Hand gemacht, was aufwendiger war. Wir sind noch acht Mitarbeitende und zwei Lernende, polyvalente Mitarbeitende, die also vielseitig einsetzbar sind.

Was hat sich sonst geändert im Lauf der Zeit?
Früher hatte man mehr Respekt oder sogar Angst, haben die Leute sich fast geschämt, wenn sie mit dem Betreibungsamt zu tun hatten. Die verbale Aggressivität gegen Beamte hat zugenommen.

Wie sind Sie mit der Belastung umgegangen, welche Ihre Aufgabe mit sich bringt?
Man muss schon belastungsresistent werden, wenn man all die Menschen in schwierigen Lebensumständen sieht. Wobei wir die Leute immer korrekt behandelt haben, einen guten Umgang pflegen. Wir nehmen uns die Zeit, eine gute Lösung zu finden, reden mit Gläubigern etc.
Um auch präventiv etwas zu bewirken, haben wir Stadtammänner die städtische Schuldenpräventionsstelle ins Leben gerufen, die heute eine wichtige Arbeit leistet.

Interview: Elmar Melliger

Zur Person
Andreas Ott (1954) ist in der Agglomeration aufgewachsen. Nach der kaufmännischen Lehre in einer Maschinenfabrik arbeitete er drei Jahre bei Franz Carl Weber als Einkäufer von Spielwaren. 1975 wurde er angestellt beim Betreibungsamt Zürich 1, wo er zunächst in der Kanzlei arbeitete. Er absolvierte die höhere Fachbildung im Betreibungswesen und wurde Pfändungsbeamter. Dazwischen war er im Kreis 6 tätig, um 1989 als Mitglied der FDP Zürich 1 als Stadtammann für den Kreis 1 gewählt zu werden. Während 22 Jahren war er Präsident der Konferenz der Stadtammänner der Stadt Zürich. Seit 1976 wohnt er in Zürich. Er ist verwitwet, Vater von zwei Töchtern und hat vier Enkelkinder.

Der Nachfolger: Remo Crestani
Remo Crestani (1988) ist in Albisrieden aufgewachsen, hat eine kaufmännische Lehre absolviert beim Betreibungsamt Kreis 6, war ein Jahr Pfändungsbeamter im Kreis 12, um dann zu wechseln in den Kreis 1.
Hier ist er seit 2008 tätig, als Arrestverantwortlicher und als Pfändungsbeamter. Er hat zwischendurch fünf Jahre in der Altstadt gewohnt, lebt nun wieder in Albisrieden.
Er erlangte den Eidgenössischen Fachausweis als Fachmann Betreibung & Konkurs.
Seit 2014 ist er Stellvertreter von Andreas Ott, weshalb er prädestiniert dafür war, dessen Nachfolge anzutreten. In stiller Wahl wurde er (als Mitglied der SP Zürich 1+2) gewählt. Er tritt sein Amt am 1. März 2019 an.

EM