Die Flügel miteinander verbinden

Im November 2021 hat Johannes Block seine neue Stelle als Pfarrer am Fraumünster angetreten. Der Altstadt Kurier hat ihn zum Gespräch getroffen.

Ihre Ankunft in Zürich war buchstäblich ein Sprung ins kalte Wasser, als Sie am 5. November 2021 mithalfen, einen verunglückten Autofahrer aus dem in die Limmat gestürzten Auto zu befreien. – Das war tapfer, ganz im Sinne Zwinglis, der forderte: «Tut um Gottes Willen etwas Tapferes!» Sind Sie immer so mutig?
Johannes Block: Das war schrecklich! Ich sass in meinem Studierzimmer, das Pfarrhaus liegt ja direkt an der Limmat, als ich plötzlich etwas hörte und ein Auto in der Limmat liegen sah. Mein erster Gedanke war, dass das Dreharbeiten sein müssen, denn Tage zuvor wurde effektiv ein Film gedreht auf der Münsterbrücke. Ich bin dann runtergelaufen, holte einen Hammer. Da standen Leute im Wasser, ich rief ihnen zu, man solle das auf dem Dach liegende Auto umdrehen. Sprang dann ebenfalls rein und half mit. Es gelang, das Auto auf die Räder zu drehen, das Fenster einzuschlagen und so die Tür zu öffnen, um den Fahrer herauszuziehen. Es war eine tolle Erfahrung, wie all diese Menschen mithalfen, die teilweise zu Besuch in Zürich waren. – Der Mann hat überlebt, wie ich später erfahren habe.

Wie war Ihre Ankunft in Zürich im Allgemeinen, abgesehen von diesem dramatischen Ereignis? Wie fühlen Sie sich aufgenommen, von den Zürchern, über welche die Präsidentin der Kirchenpflege im Begrüssungsgottesdienst sagte, sie seien wie die Tirggel: hart und geschmackfrei, doch dann weich und süss wie Milch und Honig?
Ich war beeindruckt, wie zugewandt und wohlgesinnt ich aufgenommen wurde im Fraumünster. Und auch vom Fraumünster-Team im Pfarrhaus, von den Sigristen, dem Kantor, den Sekretärinnen, den Mitarbeitern Kirchenführungen. – Kritische Stimmen vernahm ich nur aus der Presse, im Sinn von: «Warum musste es jemand aus Deutschland sein?»

Inwieweit haben Sie sich schon eingelebt?
Da bin ich auf dem Weg. Ich habe ein reichhaltiges Programm, intensiv, in Anspruch nehmend. Da finde ich kaum Zeit, abzutauchen. Ich erkenne einiges wieder von meiner Studienzeit anfangs der 1990er-Jahre, als ich hier drei Semester studierte. Das Tram ist mir vertraut, die Läden sind überraschend stabil geblieben. Wittenberg, wo ich herkomme, hat sich seit der Wende ab 1989 unglaublich verändert und entwickelt.

Und wie fühlt es sich an, was sind Ihre Eindrücke?
Wie gesagt zunächst diese Stabilität. Dann die Limmat, das Leben am Fluss ist neu, die Bewegung des Flusses, die Möwen. Viele heimische Menschen und Touristen bevölkern die Wühre – wie das wohl im Sommer wird? – Ich fühle mich wohl am Fraumünster, aussen wie innen. Es ist ein eleganter, dezenter Bau. Beides ist schön. Der Turm ist hoch, schlank, die Kirche
ist ein wunderbarer Gottesdienst-Ort. Nie hätte ich gedacht, dass ich mal hier Pfarrer sein würde. Ich besuchte die Kirche als Student, als Klaus Guggisberg als Pfarrer den ganzen Gottesdienst von der Kanzel aus abhielt. Damals wurde die Kirche nach Gottesdienstbeginn abgeschlossen, um Störungen zu vermeiden. Ich halte die Begrüssung am Lesepult, die Gebete am Taufstein und die Predigt von der Kanzel. Und die Türe bleibt offen.

Wie kam es, dass Sie sich für das Fraumünster interessierten? Da ist doch einiges an räumlicher und theologischer Distanz.
Das lag an der Ausschreibung. Gesucht wurde ein Pfarrer mit Gefühl für Liturgie, Kirchenmusik und Bildungsangebote, der in der Tradition der Dialektischen Theologie steht, die im zwanzigsten Jahrhundert eine grosse Zeit hatte, mit Rudolf Bultmann und Karl Barth. Das fand ich reizvoll. Ich war an Luthers Predigtkirche tätig: Ich fand es interessant und frech zugleich, diese beiden Reformationsflügel kennenzulernen und zu verbinden.

Sie kommen von der Lutherstadt Wittenberg nach Zürich, in die Stadt Zwinglis. Was macht den Unterschied zwischen lutherischer und reformierter Theologie aus?
Es gibt mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede, es gibt neunzig Prozent Übereinstimmung. Im Anfang waren Luther und Zwingli Brüder im Geiste. Differenzen gab es bezüglich der Präsenz Christi in der Abendmahlsfeier. Der grosse Unterschied lag in der Liturgie: Luther hat die katholische Messe renoviert. Zwingli hat den oberdeutschen Predigt-Gottesdienst etabliert.

Und wie halten Sie es?
Ich möchte mit dem reformierten Gesangbuch die reformierte Liturgie neu entdecken, etwa Psalmen im Wechsel gemeinsam sprechen und singen. Das ist sinnlicher, lebendiger, vielfältiger und die Gottesdienstgemeinde ist mehr beteiligt. – Für mich ist es ein Abenteuer: eine neue Landeskirche, eine neue Reformationskultur, ein anders strukturiertes Pfarramt. Vorher war ich geschäftsführender Pfarrer und hatte das Personal- und Gebäudemanagement inne… Diese neue Kultur kennenzulernen ist interessant. Wie gesagt, gibt es viel Ähnliches. Es gibt die Luther-Bibel und die Zürcher Bibel, zwei grosse protestantische Bibelübersetzungen. Die Predigt hat eine grosse Bedeutung. Der Talar, das schwarze Gewand, ist gleich…

Luther und Zwingli waren ja gleichzeitig aktiv.
Da gibt es weitere Ähnlichkeiten. Wittenberg hat das Reformationsjubiläum schwerpunktmässig 2017 gefeiert, den Thesenanschlag Luthers. Zürich war bei den Feierlichkeiten vertreten mit dem Schweizer Pavillon während der Weltausstellung. – Ich hege die Hoffnung, 2023 nochmals zu feiern, die Disputation 1523 im Zürcher Rathaus. Dann im Jahr 1524 die Übergabe des Fraumünsters durch die Äbtissin Katharina von Zimmern an die Stadt. Am 6. März wurde im Grossmünster das Wurstessen gefeiert. Am 9. März hielt ich einen Vortrag dazu mit Erwähnung von Luthers Invokavitpredigten, in denen er Stellung nahm zu den radikalen Reformen der Wittenberger. Es gibt viele Ähnlichkeiten.

Wie leben Sie mit den Differenzen, in diesem Spannungsfeld?
Ich erlebe eine grosse Offenheit, eine gewisse Verschwisterung. Manche sagen sich wohl: «Aha, neben der Schweizer gab es auch eine deutsche Reformation.» Man nimmts leicht. Im Fraumünster finden sich Menschen ein mit zwinglianischem, mit lutheranischem, mit katholischem Hintergrund, teils kommen sie von weiter her. Manche reagierten mit Verwunderung auf meine Berufung, aber auch mit Offenheit. Es gab ja schon immer viel Zuzug in Zürich. Zwingli selbst kam ja aus Wildhaus im Toggenburg. Ein «Reingeschmeckter», wie die Schwaben sagen.

Die vier Altstadtkirchen pflegen je ein eigenes Profil. Wie sehen Sie das Profil des Fraumünsters und wie wollen Sie damit umgehen?
Ich setze daran, das Fraumünster zu bewahren als Gottesdienst- und Predigtort, der überregional ausstrahlt. Als ein Ort der Kirchenmusik und Kultur, der Orgelmusik, der Konzerte. Und Kirchenführungen sind wichtig.

Wo liegen Ihre Schwerpunkte, was ist Ihnen wichtig?
Ein Schwerpunkt sind die Bildungsangebote. So gab es kürzlich einen Vortrags- und Gesprächsabend zum reformierten Gesangbuch. Dann den erwähnten Abend zum Wurstessen und den Invokavitpredigten. Ich habe die Hoffnung, dass wir an Auffahrt den Gottesdienst im Freien feiern können, auf dem Münsterhof. 2023 und 2024 die Reformation zu feiern ist mir ein Anliegen. – Es ist eine besondere Herausforderung, Kirche zu sein ohne grosse Wohngemeinde. Es gilt neue Wege zu finden, ein überregionales Publikum anzusprechen, mit einem Angebot mit Niveau und Vielfalt.

Wie sieht Ihr Alltag gegenwärtig aus?
Es ist immer noch ein Ankommen, eine Zeit des Kennenlernens von Menschen, Abläufen, Strukturen. Da sind Veranstaltungen, die vorbereitet sein wollen. Den Montag halte ich mir von Terminen frei, aber ich bin täglich im Dienst für das Fraumünster. Vorbereitung von Gottesdiensten und Kasualien, Artikel schreiben, Gespräche, Gremienarbeit… Ich lebe auf Lücke. Dann finde ich Zeit fürs Klavierspielen.

Interview: Elmar Melliger


Zur Person
Johannes Block, geb. 1965, studierte Theologie in Bonn, Heidelberg und Zürich, Dissertation in Heidelberg. Erste Pfarrstelle in Niedersachsen. Sieben Jahre in Leipzig als wissenschaftlicher Assistent, Habilitation. Zehn Jahre Pfarrer in Wittenberg, wo er das Reformationsjubiläum mitgestaltet hat. Seit November 2021 Pfarrer am Fraumünster.
Er lebt allein, fährt gern Velo, läuft gern am Zürichsee, spielt Klavier, hat eine Passion für britische Filme.   

EM