Bleibt es bald dunkel?

Sie bringen Licht in die dunkle Jahreszeit, genauer in die Advents- und Weihnachtszeit, die Weihnachtsbeleuchtungen in der Innenstadt. Sie sind ein Publikumsmagnet. Und sie bereiten den Verantwortlichen Sorgen.

Niemand mag derzeit an Weihnachten denken. Nicht mal an Weihnachtsbeleuchtungen. Wir haben den Kopf voll mit anderem und wünschen uns unbeschwerte Frühlingstage.
Dennoch sind diese Beleuchtungen, die uns die Nacht erhellen und auch das Gemüt, bei den verantwortlichen Organisationen auch unter dem Jahr ein Thema. Denn diese Beleuchtungen kosten Geld, viel Geld. Nebenbei bemerkt werden sie sowohl Advents- als auch Weihnachtsbeleuchtungen genannt, wobei sie bis über den Jahreswechsel hinaus in Betrieb bleiben. Der Einfachheit halber wollen wir hier auf die korrekte Bezeichnung Advents-, Weihnachts-, Silvester-, Neujahrs- und Jahresanfangsbeleuchtung verzichten und schlicht bei Advents- oder Weihnachtsbeleuchtung bleiben.
Vor 24 Jahren, 1997, hat die beliebte Weihnachtsbeleuchtung an Rindermarkt, Neumarkt und Froschaugasse zum ersten Mal das Licht der Welt erblickt respektive den Mikrokosmos Altstadt beleuchtet. Die von Willi Walter kreierte Beleuchtung erreichte auf direktem Weg die Herzen der Menschen. Langgezogene «Ah» und «Oh» waren beim ersten Einschalten die statistisch signifikant häufigsten Äusserungen. Im Jahr darauf kam die Beleuchtung an der Brunngasse dazu und das kleine Gesamtkunstwerk war perfekt.

Nicht von der Stadt
Seither sind viele Jahre ins Land gezogen – und etliche der damaligen Geschäfte weggezogen. Einige der Inhaber-geführten Geschäfte im Niederdorf und anderswo haben internationalen Ketten Platz gemacht. Und hier liegt ein Teil der gegenwärtigen Probleme. Von diesen internationalen Unternehmen mit Hauptsitz in Paris oder in New York engagieren sich die wenigsten in lokalen Vereinigungen.
Das bestätigt Stephan Dübi auf Anfrage. Er ist ein vielbeschäftigter Mann, der mit seiner Firma CP9 in der Kommunikation tätig ist. So ist er Geschäftsführer der Geschäftsvereinigung Limmatquai-Dörfli, Geschäftsführer der Vereinigung Rennweg-Geschäfte, er ist im Vorstand der City-Vereinigung und anderes mehr. Er sagt: «Alle haben das gleiche Problem. Die Finanzierung der Beleuchtungen ist schwieriger geworden.»
Viele gehen davon aus, dass die Weihnachtsbeleuchtungen von der Stadt betrieben und finanziert werden. Ein Trugschluss. Vielmehr stehen dahinter Geschäftsvereinigungen respektive letztlich die ansässigen Geschäfte. In den Gassen der Altstadt sind dies oftmals kleine Läden, die bereits mit dem Strukturwandel im Detailhandel – Stichwort Online-Handel – zu kämpfen haben. Nicht wenige von ihnen haben Mühe, über die Runden zu kommen. Bereits das Bezahlen der Fixkosten wie Miete und Löhne stellt eine grosse Herausforderung dar. Kommen Zusatzkosten wie die Beteiligung an der Weihnachtsbeleuchtung dazu, wird es noch enger. Nicht wenige von ihnen müssen dann schweren Herzens passen.

Brunngasse dunkel
Barbara Wick ist Präsidentin des Vereins «Quartier im 1», dessen Vereinsgebiet wenig grösser ist als die durch die oben geschilderte Beleuchtung in Neumarkt, Rindermarkt, Froschaugasse und Brunngasse abgedeckte Fläche.
Hier ist die Sache so, dass im Dezember 2021 und im Jahr davor die Brunngasse dunkel blieb. Denn diese musste bereits seit Jahren sozusagen querfinanziert werden von den Einnahmen der anderen Gassen, was Ueli Zeltner, der die Beleuchtung während etlicher Jahre bis Ende März 2022 betreut hat, zu diesem Schritt bewogen hatte. Erschwerend kommt bei der Brunngasse das Gewicht dazu: Die einzelnen Säulen von Lichtern hängen schwer an den Verankerungen, was das Auf- und Abhängen, aber auch das Lagern aufwendig macht und verteuert, wie bei der Firma Elektro Nay auf Anfrage zu erfahren war, welche die Beleuchtung seit Beginn instand hält, montiert und lagert.
Das Ziel von Barbara Wick ist es, auch die Beleuchtung der Brunngasse wieder in Betrieb nehmen zu können, denn die Beleuchtung in besagten Gassen wurde als Ganzes konzipiert und wird auch so wahrgenommen. Diese Weihnachtsbeleuchtung wird übrigens, eine Ausnahme, zu knapp einem Drittel durch Spenden Privater mitfinanziert. Auch der Quartierverein Zürich 1 rechts der Limmat hat sich jeweils mit einem Betrag beteiligt. Dessen Präsident Felix Stocker: «Die Weihnachtsbeleuchtung entspricht offensichtlich einem Bedürfnis in der Bevölkerung. Wir werden diesbezügliche Anfragen auch weiterhin wohlwollend prüfen.» Gerade konnte mit Manuela Eichhorn eine Nachfolgerin von Ueli Zeltner gefunden werden, dessen grosses Engagement hier herzlich verdankt sei.
Für Barbara Wick ist der Gedanke der Solidarität wichtig: «Möglichst alle Läden und Restaurants sollten sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten an den Kosten beteiligen. So gelingt es uns hoffentlich, die Weihnachtsbeleuchtung auch in Zukunft betreiben zu können.»
Die oben erwähnten Probleme, also die schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse im Detailhandel, die durch die Pandemie und nun durch den Krieg in der Ukraine noch erschwert wurden, bestehen weiter. Ebenso der Ersatz Inhaber-geführter Geschäfte durch internationale Ketten. Dies bekräftigt Stephan Dübi: «Ebenso wie der Verein Quartier im 1 kämpfen die Geschäftsvereinigung Limmatquai-Dörfli (GLD), die Vereinigung Rennweg-Geschäfte, die Vereinigung Löwenstrasse mit Finanzierungsproblemen.» Die Weihnachtsbeleuchtung an der Bahnhofstrasse ist zurzeit noch besser dran, weil dort mit den Banken einige potente Unterstützer angesiedelt sind, wie Dübi weiter ausführt.

Lichtgirlande
Die Beleuchtung am Limmatquai wird seit Jahrzehnten von der GLD betrieben, wie deren Präsident Christian Brugger erklärt. Ebenso betreibt sie den von der Stadt gestellten «Quartier-Weihnachtsbaum» auf der Grossmünsterterrasse (früher auf dem Hirschenplatz) und die Beleuchtungen in Marktgasse, Spitalgasse und Rosenhof. Die Beleuchtungen an Predigergasse und Spiegelgasse unterhalten die dortigen Geschäfte in eigener Regie und auf eigene Rechnung.
Doch im vergangenen Dezember blieben die Bäume am Limmatquai weg. Stattdessen zog sich eine einzelne Lichtgirlande über dem Geländer der Limmat entlang, vom Central bis zur Münsterbrücke, was im Vergleich zu vorher etwas ausgedünnt wirkte. «Die metallenen Bäume wurden gemacht für die Ewigkeit», erklärt Christian Brugger, «das erschwert Reparaturen und die Umrüstung auf neue Technologien.» So kam es in den letzten Jahren vermehrt zu Kurzschlüssen und Ausfällen einzelner Bäume, die somit stetig weniger wurden. Der Ersatz dieser Beleuchtung kostet schnell einmal 50 000 Franken. Bei der GLD hat man indessen das Ziel, die Weih-nachtsbeleuchtung auszubauen und den Plan, eine Lichtgirlande wie am Limmatquai auch durch das Niederdorf zu ziehen. Ganz sicher ist die Realisierung aber noch nicht. Christian Brugger hält fest: «Wir sind in der Altstadt sozusagen im grössten Einkaufszentrum weit und breit. Aber wir müssen etwas dafür tun!»
Am Rennweg konnte man wie andernorts durch das Umrüsten auf LED die Kosten für die Elektrizität stark senken. Doch auch hier gilt das oben Beschriebene, halten zunehmend internationale Ketten Einzug, die sich nicht finanziell beteiligen mögen. Und auch diese Beleuchtung wiegt schwer, was das Handling und die Lagerung verteuert.

Suche nach Lösungen
Hier wie dort sucht man nach Lösungen der strukturellen Probleme. Vielleicht hat das Modell sich überlebt, wonach die Betreiber sämtliche Kosten selbst zu bestreiten haben? Jedenfalls will man die Hand ausstrecken nach weiterer Unterstützung. Und sich zusammensetzen mit Vertretern der Stadt und von Zürich Tourismus, wie bei einzelnen der Vereinigungen zu erfahren war.
Denn an die dauerhafte Ausserbetriebsetzung der Weihnachtsbeleuchtungen in der Altstadt, in der Innenstadt: Daran denken will wohl niemand. Nicht im Frühling und schon gar nicht in der Weihnachtszeit.

Elmar Melliger