Wenn viel Licht vonnöten ist

Unsere diesjährige «Weihnachtsgeschichte» hat Christoph Sigrist verfasst, Pfarrer am Grossmünster. Seine Gedanken drehen sich um den Adventskranz und die Bedeutungen von dessen Licht.

Die Zeit des Advents ist die Zeit des Adventskranzes. – Ich wuchs seit Kindsbeinen mit dem Kranz auf, den meine Mutter schmückte und dessen Geschichte mir mein Vater jedes Jahr neu erzählte. Mein Vater war Diakon, kirchlicher Sozialarbeiter, in der Kirchgemeinde Enge. Wir sassen jeweils am 1. Advent nach der Sonntagsschule beim Mittagstisch. Da durfte eines der Kinder die erste Kerze anzünden. «Vergesst nie, der Adventskranz kommt aus dem Rauhen Haus in Hamburg. Damals, es war 1839, hatte Pfarrer Johann Hinrich Wichern den grossen Kranz ins Treppenhaus des Heims hängen lassen. Er sammelte alle verwahrlosten Kinder, die sich rund um den Hafen aufhielten. Vergleichbar mit kleinen Familien organisierte er sie in Gruppen, das Haus war immer voller Kinder. An jedem Tag wurde eine Kerze angezündet. Dann betete die Schar. Es wurde aus der Bibel gelesen. Sie sangen Choräle. Dann ging es an die Arbeit. – Deshalb bin ich in diesen Tagen nicht viel zu Hause. Ich kümmere mich zusammen mit Pfarrer Sieber um die Obdachlosen im ‹Rauhen Haus› in Zürich, im Helvetia-Bunker.»

Im Kerzenlicht
Der Adventskranz wurde für mich zum diakonischen Gedächtnis, Gewissen und auch Hoffnungslicht für Menschen, die im Dezember im Dunkeln sitzen oder sich verstecken. Das hat mich vor 35 Jahren als jungen Pfarrer dazu bewogen, beim Weissküfer des Dorfes auf die erste Adventszeit 1990 einen Kranz aus Tannenholz drechseln und schnitzen zu lassen. «Welchen Bibelspruch willst du, dass ich ins Holz schnitze?» Überrascht von der Frage fiel mir der Spruch des alten Propheten ein: «Mache dich auf und werde Licht!» Seitdem brennen die vier Kerzen auf dem holzigen Adventskranz aus meiner ersten Gemeinde in Stein, Toggenburg. Zuerst im Pfarrhaus Richtung Stockberg, später dann in St. Gallen hinter der St. Mangenkirche. Seit zwanzig Jahren liegt er im Advent im Rosa-Gutknecht-Zimmer in der Helferei.
Bei den unzähligen Gesprächen mit Menschen in Not an Seele, Geist und Körper, die mich aufsuchen, zünde ich jeweils eine Kerze an, oder auch alle vier Kerzen schon in der ersten Adventswoche, wenn ich denke, dass jetzt gerade viel Licht vonnöten ist. Das Kerzenlicht spiegelt sich in den Augen, im Tränenwasser, und öffnet die Seele. So werden Schmerzen von der Wärme des Lichts umarmt. Ja, ich erlebe in der Tat im Dezember eine Offenheit, sich mit dem, was schwer auf dem Magen liegt und das Herz zerreisst, auseinanderzusetzen, die öfter als sonst in heilsame Tiefen des Gesprächs führt. Der Adventskranz ermutigt, (endlich) ans Licht zu bringen, was zum Teil jahrelang verdrängt oder abgespalten wird.

Machtstrukturen
Im Rosa-Gutknecht-Zimmer also brennen auch in diesem Jahr die Kerzen auf meinem geschnitzten Kranz. Rosa Gutknecht wurde zusammen mit anderen Frauen im Oktober 1918 im St. Peter zur Pfarrerin ordiniert. Im August 1919 wurde sie in der Kirchgemeinde Grossmünster als Gemeindehelferin, also Sozialarbeiterin angestellt. Obwohl der Kirchenrat damals dem Regierungsrat 1921 den Antrag stellte, die ordinierten Pfarrerinnen auch als solche in Kirchgemeinden wählen zu dürfen, lehnte dieser ihn ab, unter anderem mit der Begründung des fehlenden Frauenstimmrechts. Ende November in diesem Jahr haben unzählige Pfarrerinnen aus der ganzen Schweiz in der Helferei «60 Jahre gewählte Pfarrerinnen» gefeiert. Ja, im Kanton Zürich wurde erst in den 1960er-Jahren die erste Frau als Pfarrerin gewählt. Mitte Dezember 2023 tritt mit Pfarrerin Esther Straub nach 500 Jahren die erste Frau das Amt der Kirchenratspräsidentin unserer evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Zürich an.
Neben den Adventskranz der Diakonie, der mich ich in meiner Kindheit begleitete, tritt jetzt der Adventskranz der Heilung. Der Kranz im Rosa-Gutknecht-Zimmer in der Helferei wirft ein besonderes Augenmerk auf all die Machtstrukturen in Kirchen, religiösen Gemeinschaften, im gesellschaftlichen Zusammenleben. Der Kranz hilft mir in der Begleitung und Unterstützung vielfach von Frauen, Kindern, jedoch auch Männern, die ausgegrenzt, mit Gewalt oder Diffamierung konfrontiert, mit rassistischen und sexistischen Sprüchen beleidigt werden. War zur Zeit Johann Hinrich Wicherns der Adventskranz auch Ausdruck einer patriarchalen Ordnung einer christlichen Familie mit dem Mann als Oberhaupt, ist er für mich zum Hoffnungslicht genau für diesen Kampf gegen diese patriarchalen Machtstrukturen geworden.

Verbindendes
Und dieser Kranz liegt nicht nur auf Tischen von christlichen Familien, die Mitglied der Kirchen oder auch ausgetreten sind. Im Advent vor einem Jahr besuchte ich kurz vor Weihnachten eine alleinstehende Mutter mit zwei Kindern. Sie hat türkischen, muslimischen Hintergrund. Ich begleite sie in Seelsorge und Diakonie. Sie lud mich zu sich in die Wohnung ein. Ich sah auf dem Stubentisch – einen wunderschönen Adventskranz. Daneben lagen, liebevoll in einer selbst gemachten und verzierten Schachtel gebettet, Weihnachtsguetzli bereit. «Komm, setzt dich. Schau, diese Guetzli haben meine Kinder und ich gebacken, auch für dich haben wir hier Guetzli. Wir sind dir so dankbar für alles, was du und die Kirche für uns macht.» «Erklär mir doch: Du hast muslimischen Hintergrund, führst auch die Kinder in deinen Glauben ein. Bei dir steht ein Adventskranz und du schenkst mir Weihnachtsguetzli?» «Oh, das ist für mich kein Problem. Ich habe schon lange einen Adventskranz, wir feiern auch Weihnachten. Beides, das Gebet zu Gott und zu Allah, ist ja das Gebet zum selben Gott. Bei uns fliesst das ineinander. Unsere kulturelle und religiöse Identität ist christlich und muslimisch miteinander. Die Guetzli sind mit den Gewürzen aus meiner Heimat besonders gut. Versuch nur mal eines.» – So ass ich die wunderbaren Guetzli vor dem Adventskranz der Religion mit seiner interreligiösen und interkulturellen Begegnung. Der Spruch meines Adventskranzes ist ins Holz geschnitzt. Es ist ein Fichtenholz, das weder reformiert, noch katholisch, noch jüdisch, noch muslimisch, noch buddhistisch, noch atheistisch gefasert ist, sondern es ist einfach ein gutes, schönes Fichtenholz. Der Spruch im Holz bekommt eine neue Faserung: «Mache dich auf und werde Licht!» Das heisst heute in Zürich: Aufbrechen von daheim, dem anderen begegnen, so anders werden, sich selbst im andern wieder finden, neue religiöse und kulturelle Identität in sich entdecken.

Frieden stiften
Neben dem Adventskranz der Diakonie, der Heilung und der Religion erleuchtet in diesem Advent in Zürich der vierte Kranz, der Adventskranz des Friedens. Vier Kirchtürme unserer Altstadt verwandeln sich am Samstag vor dem Advent zu übergrossen Kerzen. Die Botschaft von den Kirchtürmen wird von der ganzen Stadtöffentlichkeit gelesen, gehört und verstanden, die sich für weihnächtliche Einstimmung rund um das Limmatbecken einfindet. Die Botschaft ist eindeutig: «Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden, unter den Menschen seines Wohlgefallens.» (Lukas-Evangelium 2,14). So hörten es die Hirten auf dem Feld. So hören wir es im Trubel unter unseren Kirchtürmen. Dieses Licht des Friedens bricht sich in den Farben Hoffnung, Toleranz, Solidarität und Vielfalt. Tausende von Menschen tauchen in das vom Lichtkünstler Gerri Hofstetter erschaffene kreative Spiel dieser grundlegenden Botschaft ein.
Die Friedensbotschaft der Hirten wirkt in unser Zusammenleben aller Kirchen und Konfessionen, in unser gemeinsames Helfen gegenüber Menschen in Not, in unsere politische Verantwortung gegenüber den 60 Kriegsschauplätzen in unserer Welt und in unsere Begegnungen mit anderen Religionen und Kulturen. Wir verwandeln uns alle zu Friedenstifterinnen und Friedensstiftern für Haus und Hof, Stadt und Land. Dies geschieht zur Ehre Gottes, der ja nicht in einer Kirche geboren wurde, sondern in einem Stall, draussen vor unseren Türen, auf unseren Plätzen der Stadt und in unseren Herzen der Sehnsucht.

Christoph Sigrist