Veränderungen beim Gewerbe

Bei der gewerblichen Nutzung von Liegenschaften gibt es immer wieder Veränderungen. – Ein kurzer Rundgang mit einigen Beispielen, in der Altstadt rechts der Limmat.

Am Central, eingangs Niederdorf, steht man unvermittelt vor dem Café Schurter, an der Niederdorfstrasse 90. Dieses blickt zurück auf eine lange Geschichte, wurde die Confiserie Schurter doch 1869 gegründet. Im Jahr 2006 haben die ZFV-Unternehmungen den Betrieb gekauft und führen ihn nach einem Umbau 2009 zusammen mit der 2006 ebenfalls übernommenen Kleiner-Bäckerei mit fünfzehn Standorten, die Kleiner-Filiale am Limmatquai 116 wurde inzwischen aufgegeben.
Nun gehen die ZFV-Unternehmungen seit Januar 2024 zusammen mit der Bäckerei Jung, an der sie sich zur Hälfte beteiligen. Und so kommt es, dass das Café Schurter am 2. Januar Wiedereröffnung feierte, nach wie vor unter dem bisherigen Namen, jedoch mit dem Zusatz «jung seit 1976» und «inspiriert von John Baker». (John Baker wurde gegründet von Jens Jung aus der Bäckerfamilie Jung.) Betritt man das Café, steht man vor einer langen Verkaufstheke, an der allerhand Gebäck von Jung angeboten wird, sowie Getränke. Das Angebot scheint sich vorwiegend an ein «To-go-Publikum» zu richten, denn entlang der Wände sind lediglich einige weisse Holzwürfel verteilt, die wahlweise als Sitzgelegenheit oder als Ablagefläche/Tischchen dienen. Draussen vor der Tür stehen die bequemen Boulevard-Stühle (mit Rückenlehne) und Tische, die Boulevardfläche wird ab dem Frühling erweitert und reicht neu um die Hausecke herum. Unverändert im Sortiment stehen die traditionellen Schurter-Spezialitäten wie Offleten, Zürcher Läckerli und Gedulds-Zältli.

«7 Day-Shop»
Folgt man der Niederdorfstrasse, die eigentlich eine Gasse ist, und dreht nach rechts ab in die Mühlegasse, die eigentlich eine Strasse ist, steht man vor der Nummer 5, wo jahrzehntelang ein Modegeschäft war und dann etliche Jahre das inzwischen geschlossene indische Restaurant «Kormasutra». Hier kündigt sich ein Lokal an mit dem verheissungsvollen Namen «Goodys Burgers»: «Opening soon», heisst es im Schaufenster. Geht man weiter der Niederdorfstrasse entlang, vorbei am Ende September 2023 eröffneten «Burger King», erreicht man den Hirschenplatz. – Hier, an der Ecke zur Rosengasse, war über Jahrhunderte, seit 1785, die Rosen-Apotheke. In den letzten Jahrzehnten hat sie einige Handänderungen erfahren, wurde 2010 zu einer Topwell-Apotheke, gehörte dann zu Medbase (Migros) und hat nach der Schliessung im Dezember 2022 keinen Nachfolger mehr gefunden. Die Hauseigentümerfamilie, der das Haus über lange Zeit gehörte, hat dieses inzwischen verkauft.
Nun steht man vor dem Haus und staunt: Demnächst soll hier ein
«7 Day-Shop» eröffnet werden, geplant ist das bereits auf anfangs Februar. Shops mit diesem Namen gibt es bereits an der Niederdorfstrasse 58 und am Rüdenplatz im Haus zum Rüden. Weitere solcher «24-Stunden-Shops» gibt es an der Niederdorfstrasse/Ecke Am Rank und an der Mühlegasse 7/Ecke Niederdorfstrasse. Wobei keiner dieser Shops 24 Stunden geöffnet hat. Ihnen eilt der Ruf voraus, sich an ein junges Publikum zu richten, das sich spät nachts mit alkoholischen Getränken eindeckt und dann «die Nacht unsicher macht». Im Fall der «7 Day-Shops» wäre die Bezeichnung 16-Stunden-Shop treffender, sind die Geschäfte doch von 7 oder 8 bis 23 oder 24 Uhr geöffnet.

«Lucy’s»
Unweit des Hirschenplatzes, an der Brunngasse 6, hat anstelle des nach nur einem Jahr wieder geschlossenen Einrichtungsgeschäfts «Obbjekt» (mit Vintagemöbeln, Raritäten und schönen Objekten) die Ersan Wein- und Getränkehandlung eröffnet. Sie gehört zum gleich um die Ecke an der Froschaugasse 26 liegenden Restaurant «Wystube Isebähnli».
Schräg gegenüber, an der Brunngasse 13, war jahrzehntelang die «Lucy’s Bar», die über viele Jahre Kultcharakter hatte und auf eine grosse Stammkundschaft zählen durfte. Nach Wirtewechseln ist die beliebte Dorfkneipe ins Trudeln geraten und hat sich nicht mehr erholt (Altstadt Kurier, Oktoberausgabe), weshalb die Hauseigentümer die Lokalität umbauen und als Laden vermieten wollen. Die aufgegebene Bar – übrigens nach der ursprünglichen Wirtin Lucy genannt – hat den Antikschreiner Massimo Biondi vom Rindermarkt zu der oben abgebildeten temporären Gestaltung des leeren Raums angeregt, den er während einiger Wochen als Ausstellungsraum nutzt.

«Contra-Punkt»
Weiter des Wegs Richtung Bellevue, steht man bald an der Münstergasse 24, vor dem «Contra-Punkt», den die Künstlerin Conny Pfister seit einigen Jahren betreibt. Sie malt grossformatige Ölbilder, die im Schaufenster und im Untergeschoss ausgestellt sind. Ausserdem bietet sie Keramik an, will sich jedoch künftig aufs Malen konzentrieren.
Hier nun hat sich Ende Mai 2023 zusätzlich die Familie Hedinger aus Wilchingen eingemietet (www.hedinger.ch). Sie besitzt seit bald 85 Jahren ein Weingut mit Kellerei, um das sich heute Markus Hedinger kümmert. Die Erzeugnisse sind in Gestellen aufgereiht: Weine, rot und weiss, Aceto, Schaum- und Süsswein. Hedingers beliefern etliche Restaurants, die Zunft Hottingen bezieht ihren Zunftwein von ihnen, regionale Coop-Läden verkaufen ihren Wein, den sie auf 15 Hektar eigenem Land anbauen – und ebenso viel kaufen sie dazu. 200 000 Flaschen Wein ergibt das und eine weitere Menge, die offen verkauft und vom Empfänger selbst in Flaschen abgefüllt wird.
Markus Hedingers Frau Karin indessen hat sich spezialisiert auf Damenmode und Dekoartikel, die sie im Laden – das Hauptgeschäft ist in Wilchingen – anbietet, Kleider, Mäntel, Socken, Taschen, Accessoires. Alles mit Fokus auf Nachhaltigkeit, aus Naturmaterialien, öko-zertifiziert etc. Die Bekleidung stammt vorwiegend aus Dänemark und Schweden. Etwas aus der Reihe tanzt das Angebot an edler Schokolade in Gugelhopf-Form: Goufrais aus Belgien. Laura Hedinger, die Tochter arbeitet neben ihrem Studium drei Tage fürs Geschäft, sagt dazu schmunzelnd: «Coop und Globus hätten diese Schokolade gern in ihrem Sortiment, doch die Firma beliefert nur kleine Einzelfirmen.»

«Vier Linden Boutique»
Man verlässt das Geschäft und wendet sich nach links um die Ecke, wo sich im November 2022 an der Napfgasse 3 die «Vier Linden Boutique» installiert hat (www.vierlinden.ch). Sie gehört zum Verein Zürcher Eingliederung, der diverse Werkstätten und soziale Betriebe unterhält. So betreibt der Verein unter anderem ein Reformhaus, eine Bäckerei, ein Wohnheim und einen Bauernhof und bietet geschützte Arbeitsplätze an, auch veranstaltet er das jährliche Kerzenziehen beim Bürkliplatz.
Er hat einen anthroposophischen Hintergrund. Das erklärt, dass die anthroposophische Buchhandlung Beer von der St. Peterhofstatt nach deren Auflösung an der Napfgasse weitergeführt wurde, durch das (anthroposophische) Goetheanum, welches die Zürcher Eingliederung als Nachmieter vorschlug. In der «Vier Linden Boutique» sind Bücher vom Beer-Verlag erhältlich, weitere Bücher können bestellt werden.
Martina Brügger führt den Laden zusammen mit einer Mitarbeiterin. Das Hauptgewicht liegt auf Spielsachen, die von etwa 20 Anbietern aus der ganzen Schweiz stammen, von sozialen Betrieben, die hier zu einem Verkaufspunkt kommen, an dem sie ihre Produkte präsentieren können. Die Kerzen sind von der eigenen Kerzenmanufaktur in der Binz. Die Textilien (Brotsäcke, Badetücher, Sitzkissen etc.) werden an Handwebstühlen in der Textilwerkstatt an der Neumünsterallee angefertigt. Holzspielsachen stammen von der eigenen Schreinerei an der Forchstrasse, die auch Kundenaufträge ausführt. Man findet im Laden Holzfiguren, Puzzles, weiteres Spielzeug, Accessoires… – Fast ein wenig ein Pastorini-Ersatz.

Elmar Melliger