Don Camillo zieht weiter

Christoph Sigrist, Pfarrer am Grossmünster, geht in Pension. Der Altstadt Kurier hat ihn zum Gespräch getroffen.

Sie verlassen anfangs März 2024 nach 21 Jahren das Grossmünster. Was geht Ihnen durch den Kopf, wie fühlen Sie sich dabei?
Zwischen 60 und 70 sollte man ein öffentliches Amt loslassen. Ich tue das freiwillig, dankbar und fokussiert auf Diakonie die nächsten Jahre. Zwingli hat den Pfarrerberuf mit dem Bild des Hirten, des Bauern verglichen. So gesehen gebe ich die Pacht für das Grossmünster ab und bauere weiter an den Unis Zürich und Bern.

Sie wurden durch unkonventionelle Aktionen bekannt. Als 2005 die Schweiz das entscheidende Fussball-Länderspiel gegen die Türkei gewann, liessen Sie die Grossmünsterglocken läuten. Das hat einige Reaktionen erzeugt.
Das war eine schöne Geschichte, die allerdings einige Fast-Kirchenaustritte zur Folge hatte. – 2008 hat sich das Grossmünster für die Euro 08 positioniert mit einem Public Viewing, einer Screenwand an den Türmen. Die ersten sieben Jahre habe ich den Kirchenraum durchlässig gemacht, von innen nach aussen.

Wie hat sich das Grossmünster verändert? Oder soll man sagen: Wie haben Sie das Grossmünster geprägt?
Es hat an Bedeutung zugenommen. (Ich war ja Nachfolger von Hans Stickelberger und die ersten vier Jahre Kollege von Pfarrerin Käthi La Roche.) Es hat sich entwickelt von der Dorfkirche der Kirchgemeinde Grossmünster zur Stadt-, Kantons- und Schweizer Kirche. Es gab eine Bedeutungserweiterung des Kirchenraums, eine Nutzungsverschiebung der Besuche vom Sonntagmorgen auf die Werktage. So hatten wir 2003 geschätzte 100 000 Besuche und im letzten Jahr 700 000. Mit grossen Konsequenzen für das Pfarramt. Gleich geblieben ist, dass ich 21 Jahre Dorfpfarrer für die Altstadt war, mein Studierzimmer waren die Gassen und Heime. Bis 2005 habe ich am Schulhaus Hirschengraben Religionsunterricht erteilt, an der Kantonsschule Rämibühl bis 2016. – Die Zunahme der Besucherzahlen ist ein europäischer Megatrend. Die Menschen binden ihr religiöses Empfinden, spirituelle Erfahrungen an den Kirchenraum, nicht mehr an die Institution Kirche.

Ja, aber viele sind Touristen, die rasch Fraumünster und Grossmünster besichtigen und dann weiterziehen.
Touristisches und Religiöses verfliesst ineinander. Die durchschnittliche Verweildauer beträgt zehn Minuten. Das Fraumünster verlangt einen Fünfliber Eintritt und hatte 150 000 Besuche.

Was an dieser Entwicklung ist Ihnen zuzuschreiben?
Mein Anteil ist, dass ich mich dem geöffnet, nicht verschlossen habe. Die Verwandlung reformierter Identität als Mehrheit zu christlicher Identität als Minderheit unter vielen Religionen habe ich intensiv erlebt. 1960 waren in Zürich 220 000 von 440 000 Personen reformiert, der Rest katholisch und einige jüdisch, heute sind es noch 70 000. Dazu passt das Bild der zwei Riesentanker auf dem Zürichsee damals und der Kirche als Katamaran heute.

Wie sehen Sie die Zukunft der Kirche, die Zukunft des Grossmünsters?
Wenn das Grossmünster 800 Jahre alle Stürme, Kriege, Pandemien überlebt hat, hinterlässt Christoph Sigrist eine kleine Spur, die bald überschrieben wird. Es überlebt auch die nächsten 800 Jahre. Bleibt ein Sakralort, Energie- und Kraftort für die Altstadt, für Zürich, die Schweiz. Wie es bespielt wird, ist offen.

Ihr Pfarrkollege ist Martin Rüsch. Wie haben Sie sich aufgeteilt? Was gehörte eigentlich zu Ihren Aufgaben?
Er hat ein Pensum von 90 Prozent, ich 60 Prozent. Wir hatten eine gute Zusammenarbeit. Haben uns etwa an grossen Feiertagen abgewechselt und gegenseitig besucht im Gottesdienst.

Mit Ihrer Art und Ihren Aktionen haben Sie auch angeeckt.
(Lachend) Ich habe gelernt, dass Neid die schweizerische Form von Anerkennung ist. – Ich habe die Kirche politisch positioniert, zum Wohl der Schwachen in der Gesellschaft, seien das Flüchtlinge oder Obdachlose. Ich habe eine Streitkultur gepflegt zugunsten der Schwachen. Auch in der Zunft, wo ich Mitglied bin, oder im Rotary-Club. Nicht jedoch auf der Kanzel, da gehört das nicht hin.

Sie gelten als Anreissertyp. Haben das Spendenparlament gegründet, den Stadtsegen vom Turm herab gerufen, die Grossmünstergespräche geführt, Prominente als Prediger eingeladen… Die Liste ist lang.
Das Spendenparlament habe ich zusammen mit Heks gegründet, beim Solinetz waren wir zu dritt. Da war noch die «Akte Zwingli» 2017, zusammen mit Volker Hesse. Der Stadtsegen war erstmals in der Karwoche im Lockdown 2020. In der Karwoche haben wir fünf Altstadtbrunnen mit Blumen geschmückt. Im letzten Advent hat der Lichtkünstler Gerry Hofstetter die Kirchtürme als Adventskerzen angeleuchtet. Die Dialogpredigten habe ich weitergeführt, etwa mit Adolf Muschg, Lukas Bärfuss oder Regierungsmitgliedern. – Interreligiosität ist mir wichtig. So kam 2016 der Dalai Lama. Mit dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund haben wir den FC Religionen aufgebaut, das war eine «Integrationsmaschine», ich war Käptn, im ersten Match haben wir den FC Nationalrat mit 6 zu 1 «abegglah». Ich war linker Flügel und schoss immer ins Kreuz. Als FCZ- und ZSC-Fan.

Was war da noch?
Die Öffnung des Grossmünsters gegenüber Touristen und der Stadtseele. Geblieben ist die Kirchenarbeit, die Begleitung der Menschen von der Wiege bis zur Bahre.

Was hat sich verändert über die Jahre?
Die Erschliessung neuer Kommunikationsmittel. War es vor 500 Jahren der neu aufkommende Buchdruck, sind es heute die digitalen Möglichkeiten, social media, die ich selber allerdings nicht mehr nutze, als über 60-Jähriger.

Was hat sich mit der neuen Kirchgemeinde Zürich und dem Kirchenkreis eins Altstadt für das Grossmünster geändert?
Nicht viel, es steht wie der Fels im Rheinfall. Man ist allerdings näher zusammengekommen, der Jordan ist zur Limmat geworden, die vier Altstadtkirchen sind am Zusammenwachsen. Aber das geht nicht so schnell wie man das vielleicht möchte. Die Kirche als Organisation umzuwandeln ist ein langfristiger Prozess. Man kann die Rüebli nicht aus dem Boden ziehen, damit sie schneller wachsen.

Was ist weniger gut gelungen während Ihrer Zeit?
Anfangs habe ich Hausbesuche gemacht, mit Freude. Mit der Zeit hatte ich weniger Zeit dafür. Neu Zugezogene adäquat zu begrüssen, das haben wir in den letzten Jahren nicht gut geschafft.

Wie viele Personen besuchen die Gottesdienste?
Normalerweise sind es etwa 100 Personen. Am Heiligabend waren es 1200, da war es brechend voll.

Was gehörte eigentlich zu Ihren primären Aufgaben?
Ich war immer ein Dorfpfarrer, mit Leib und Seele. Geprägt hat mich Don Camillo. Der lacht immer. Der Humor ist mein Kumpel, ich nehme mich nicht so ernst und trete nun zurück. Auch hatte Don Camillo Streit mit der Obrigkeit, Peppone, und hat mit Jesus gehadert. – Gern war ich in der Herberge zur Heimat, sowieso auch in den Beizen.

In welchen Institutionen und Gremien, in denen Sie tätig waren, bleiben Sie weiterhin?
Im Zürcher Forum der Religionen bleibe ich Präsident, ebenso in der Gesellschaft Minderheiten Schweiz und beim Spendenparlament. Ich bleibe im Stiftungsrat des Heks und der Evangelischen Gesellschaft (Herberge zur Heimat) sowie im Vorstand von Solidara (Café Yucca).

Was werden Sie vermissen?
Das geteilte Leben, das Quartier, die Altstadt.

Was weniger?
Sitzungen. Die Hölle stelle ich mir vor als chronische Kirchensitzungen.

Was sind Ihre weiteren Pläne? Wo wird man Sie künftig noch antreffen?
Ich bin tätig an der Uni Bern und an der Uni Zürich, wo ich eine Forschungsstelle für Diakoniewissenschaft aufbaue, mit dem Ziel, urbane Diakonie voranzutreiben, kirchliche Hilfe in der urbanen Gesellschaft, in der Stadt. Dazu kommen die oben erwähnten Vorstandstätigkeiten und dann bin ich immer noch Pfarrer. – Ausserdem werde ich mehr daheim sein, mehr Zeit für die Familie haben.

Interview: Elmar Melliger


Am Sonntag, 3. März 2024, um 10 Uhr findet der Abschiedsgottesdienst im Grossmünster statt.