Ein weinendes und ein lachendes Auge

Den grössten Teil ihres Lebens hat Silvia Marastoni am Münsterhof gelebt, nun zieht sie in eine altersgerechte Wohnung. Und es wurde Abschied gefeiert.

«Eine bessere Mieterin kann man sich nicht wünschen! Sie hat das Haus in Ordnung gehalten, schön dekoriert, mit Fahnen, hat zum Rechten geschaut… Wir hatten immer das beste Verhältnis!» In den höchsten Tönen wird Silvia Marastoni in der Begrüssungsrede zur Abschiedsfeier gelobt, von Dominik Hoigné. Er ist mit seinem Bruder Philipp und seiner Mutter Marie-Louise anwesend, ja sie richten die Abschiedsfeier aus, am Vortag des Umzugs.
Die Familie Hoigné besitzt das Haus zum Affen am Münsterhof 14 seit dem frühen 19. Jahrhundert. Über Jahrzehnte war hier die Schirmfabrik Hoigné, wovon die zwei goldenen Schirme an der Fassade zeugen. Im ersten Obergeschoss wurden die Schirme mit viel Handarbeit produziert und mit Tuch aus Paris bespannt – das Wort Fabrik ist in diesem Zusammenhang vielleicht etwas irreführend – und im Erdgeschoss war das Schirmgeschäft.
«Ich erinnere mich», erzählt Silvia Marastoni, «dass ich in der ersten Zeit einmal selbst einen Knirps zusammensetzte.» Sie wohnt hier seit sage und schreibe 57 Jahren, seit 1967. Damals hat die Vierzimmerwohnung 250 Franken gekostet. Im Monat.

Von Eisen zu Gold
Zu Beginn, ursprünglich von Belgien stammend, hatten die Hoignés eine Eisenwarenhandlung im Haus, heute ist an der Stelle eine «Goldwarenhandlung», was sinnbildlich ist für die Wandlung, die Vergoldung des Münsterhofs, wie Dominik Hoigné sagt. Er schliesst seine Ausführungen mit den Worten: «Wir lassen sie ziehen mit einem weinenden und noch einem weinenden Auge.»
Es haben sich in den warmen Abendstunden rund zwei Dutzend Personen aus der Nachbarschaft eingefunden, am Donnerstag, 27. Juni 2024, vor dem Café «Presse Club» am Münsterhof 15, dem Nachbarhaus. Platten mit feinen Apérohäppchen werden immer wieder aufgetragen, man prostet sich zu mit perlendem Getränk.
Die Gefeierte – ihr Mann Luciano und ihre Tochter Claudia sind ebenfalls zugegen, ihr Sohn Maurizio ist abwesend – richtet auch ein paar Worte an die kleine Gesellschaft. Der sich vor dem Café installierende und zum Musizieren ansetzende Strassenmusiker wartet netterweise mit seiner Darbietung etwas zu und legt die Gitarre nochmals hin. Sie sei immer gern hier gewesen, hätte immer das beste Einvernehmen gehabt mit der Hauseigentümerfamilie, von der sie drei Generationen gekannt habe, ebenso mit den anderen Mietparteien im Haus. Heute sind das Bürogemeinschaften von Rechtsanwälten und Architekten. Einzig zuoberst wird gewohnt.
Hier hat sie ihre Tochter unzählige Male hoch getragen, wenn das kleine Mädchen müde war und das Treppensteigen verweigerte, in der anderen Hand die Einkaufstasche. Immerhin hielt damals der Migros-Wagen einmal die Woche auf dem Platz, direkt vor dem Haus, auch der Milchwagen kam hierher. Wobei auch das «Chäs-Vreneli» immer eine wichtige Adresse war für Einkäufe.

Viele Stufen
«Ich gehe mit einem weinenden und einem lachenden Auge», sagt sie und schreckt damit die Umstehenden und -sitzenden auf. «Mit einem lachenden?», fragt jemand ungläubig und reibt sich die Ohren. «Ja, wegen der Treppenstufen!» Es sind deren hundert, genau hundert, bis zur fünften Etage. Sie sind der Grund für den Umzug, sie waren einfach zu viele geworden für die 83-Jährige. Sie und ihr Mann hatten Glück und haben eine Wohnung gefunden ohne eine einzige Stufe, wie die vitale Frau strahlend verrät, in Uitikon-Waldegg, ganz in der Nähe ihres Sohnes. – Lorenz Schmid, der Präsident der Vereinigung Kulturplatz Münsterhof, ist auch eingetroffen. Er führt die nahe gelegene Apotheke. Die Gefeierte kannte noch seinen Vater, den Vorgänger, ebenso seinen Onkel, den Vorgänger des Vaters…
Die Kinder haben den Kindergarten an der Schipfe besucht, das Schulhaus Schanzengraben, in der Oberstufe das Schulhaus Hirschengraben auf der anderen Seite der Limmat, sie haben bei der Seepfadi mitgemacht, man besuchte das Fraumünster.

Überblick
Sie hatten ja hier sozusagen Logenplätze, erste Reihe. Vom Fenster aus konnten sie die gepanzerten Polizeifahrzeuge beobachten zur Zeit der Sechziger-Unruhen, der Globus-Krawalle. Hier parkierten jeweils die «Damen aus dem Niederdorf», wie sie sich vornehm zurückhaltend ausdrückt, ihr Auto und gerieten spätnachts nicht selten in Streit mit Freiern, was mit Geschrei und Türenschletzen verbunden war.
Vom Fenster aus gut verfolgen liessen sich die Ausgrabungen der Archäologen zur Zeit, als die Umnutzung des Münsterhofs vom Parkplatz zum heute autofreien Platz bevorstand. Der mittelalterliche Friedhof gab unzählige Gräber und Skelette frei.
Seit der Umnutzung hat es entsprechend viele, sehr viele Touristen, wie die Anrainer feststellen. Und es finden Veranstaltungen aller Art statt, die allerdings auch mit teils lästigen Immissionen verbunden sind. Wie zuletzt der vier Tage und Nächte pausenlos brummende Generator der Kühlanlage für das Trachtenfest von Ende Juni 2024.
Insgesamt gefällt Silvia Marastoni der heutige Münsterhof gut: «Es ist schön so. Schade nur, hat es keine Bäume.» (Von der Stadt geplante Bäume sind Einsprachen zum Opfer gefallen.) – Sie hält kurz inne und ergänzt: «Wir sind sehr glücklich gewesen hier.»

Elmar Melliger