Vom Niederdorf nach Abu Dhabi

Von einem Dutzend Waffengeschäften in Zürich sind noch zwei übrig geblieben. Eines davon befindet sich am Predigerplatz. Sein Besitzer ist seit 50 Jahren im Geschäft und wird in diesen Tagen 70 Jahre alt.

Um Wurzelstöcke aus dem Boden zu bringen, benutzten Bauern in früheren Zeiten Schwarz- und Sprengpulver. In seinem Geschäft an der Forchstrasse 359 in der Nähe des Balgrists verkaufte Robert Bürchler (geb. 1875) damals Werkzeug und allerlei Materialien für den landwirtschaftlichen Bedarf, so auch besagten Sprengstoff. Damals war das geregelt durch die Eidgenössische Pulververwaltung – und ist es bis heute. Auf diese Weise, über den Sprengstoff, ist die Familie Bürchler ins Waffengeschäft gekommen.

1948 konnte der Sohn, auch ein Robert Bürchler (geb. 1915) das Waffenhaus Diana, genannt nach der griechischen Göttin der Jagd, von Robert Flückiger übernehmen, an der Usteristrasse im Kreis 1. Er führte es dort zehn Jahre, zog 1958 um an die Stampfenbachstrasse 2 gegenüber dem Hotel Central und blieb, bis das Gebäude einem Neubau weichen musste. 

1968 bezog er am Predigerplatz 36 das neue Domizil für «Bürchler Waffen». Robert Bürchler war ein begeisterter Sportschütze und war 20 Jahre in der Nationalmannschaft. Er war 1949 Eidgenössischer Schützenkönig, gewann an Weltmeisterschaften zweimal Einzel-Gold, an der Olympiade 1952 die Silbermedaille und viele Auszeichnungen mehr. Er arbeitete im Geschäft, bis er 70 Jahre alt war, und starb 1993.


Büchsenmacher gelernt

Sein Sohn, nochmals ein Robert Bürchler (geb. 1955) besuchte die Schulen Balgrist und Hofacker und erlangte an der École supérieure de Commerce in La Neuveville das Handelsdiplom. Bereits als Junge hatte er im väterlichen Geschäft ausgeholfen, doch 1975, vor 50 Jahren also, begann er hier zu arbeiten. Er lernte den Beruf des Büchsenmachers im väterlichen Betrieb, besuchte die Gewerbeschule und arbeitete fortan bis zum heutigen Tag bei «Bürchler Waffen» am Predigerplatz. Ein Mitarbeiter, Willy Zangger, hat es hier ebenfalls auf 50 Jahre gebracht.

Das Geschäft befindet sich in einer städtischen Liegenschaft und musste wegen einer Gebäudesanierung Ende der 1970er-Jahre für zwei Jahre dislozieren an den Predigerplatz 2, wo sich heute ein Reisebüro befindet.

Robert Bürchler erzählt bei einem Besuch in seinem Geschäft, dass er selber Sportschütze sei und in drei Vereinen war, heute noch in einem. Auch ein grosser Teil der Kundschaft pflegt den Schiesssport. Eine grosse Leidenschaft von ihm ist seit über 40 Jahren die Jagd. In der Nähe seines Wohnorts Egg, am Pfannenstiel, hat er sein Revier. Geschossen werden vor allem überzählige Rehe, auch Füchse. Hasen hat es wenige, die lässt man am Leben. In Süddeutschland beteiligt er sich an der Jagd auf Wildschweine, die in der Landwirtschaft grossen Schaden anrichten. – Eine weitere Gruppe von Kunden sind demnach Jagdkollegen.


Ärger wegen Parkplatzabbau

Kommt man auf Veränderungen zu sprechen, wird Robert Bürchler energisch. Gar nicht gut zu sprechen ist er auf die heutigen politischen Verhältnisse. Mit dem Parkplatzabbau im Oktober 2022, seither ist am Predigerplatz ab 12 Uhr Fussgängerzone, habe er einen Umsatzrückgang um 50 Prozent erlitten. Wenn man nicht in der Nähe parkieren kann, bleibt die Kundschaft aus: «Man will nicht mit einer Waffe herumspazieren oder in den ÖV gehen.» Das kann rasch Aufsehen erregen und unangenehm werden. Zudem ist Munition schwer zu tragen. Nun hat er keinen Mitarbeiter mehr. «Im Umkreis von 150 Metern fehlen uns 100 Parkplätze.» An der Zähringerstrasse sollen weitere 47 verschwinden. Er folgert bitter: «Das Gewerbe geht zugrunde.» Er sehe keine Perspektive mehr für sein Geschäft. «Nur um die Kleider auszutragen muss ich nicht den ganzen Tag im Laden stehen.» Glücklicherweise hat er eine grosse Stammkundschaft, sodass er einstweilen weitermacht. Übrigens betreibt er eines von zwei Waffengeschäften der Stadt, von denen es früher rund ein Dutzend gab.


Das Angebot

Das Sortiment umfasst im Wesentlichen Sport- und Jagdwaffen. Im Sportbereich lief früher etwas mehr, als er selber noch aktiver war in den Vereinen. Zu den Jagdwaffen gehören Jagdbüchsen, mit Kugeln als Munition, sowie Jagdflinten, für Schrot­ladungen. Die Gewehre, Handfeuerwaffen genannt, stehen in Reih und Glied, neue und auch Sammlerobjekte. In Vitrinen eingeschlossen liegen Faustfeuerwaffen, also Pistolen für den Schiesssport. Die Verteidigung mit Schusswaffen habe bei ihm einen weniger grossen Stellenwert. Zu gefährlich, weil schnell mal tödlich. «Ich komme aus einer Sportlerfamilie, bei uns zu Hause stand in den Gesprächen immer der Wettkampf im Vordergrund.» 

Zu solchen Waffen kommt man im Übrigen nur mit einem Waffenerwerbsschein, der über die Kantonspolizei zu beantragen ist. Auf die Frage nach dem Umgang mit zwielichtigen Gestalten sagt er: «Nie Hand bieten zu krummen Geschäften! Nur Leuten mit seriösen Absichten etwas verkaufen, das ergibt einen entsprechenden Ruf.» Die gesetzlichen Auflagen seien zunehmend strenger geworden. Die Kontrollen schützten auch den Waffenhandel selber, denn negative Schlagzeilen seien gar nicht gut. «Ich habe ein Sensorium für Menschen entwickelt. Wenn ich das Gefühl bekomme, etwas sei komisch mit dem Gegenüber, etwas stimme nicht mit dem, geht bei mir die Sturmwarnung los.»

Ein Ständer trägt ein Sortiment an Taschenmessern in allen Ausführungen. In der heutigen Zeit wieder vermehrt gefragt sind Pfeffersprays zur Selbstverteidigung in verschiedenen Grössen. Ein Mann tritt ein und kauft gleich drei davon, einen für die Ehefrau, für in die Handtasche. Bürchler: «Die drei Grössen können dasselbe, die Grossen können es wie bei der Ovomaltine nicht besser, aber länger.» Sie nützen bis zu einer Distanz von ca. zwei Metern. Besser nicht bei starkem Gegenwind anwenden. Einige Gespräche rund um den Verkauf von Pfeffersprays beschäftigten ihn danach noch länger, sagt er. Denn bis jemand sich einen solchen Spray zutun will, ist oft bereits etwas vorgefallen.


Ausstellung in Abu Dhabi

Im Jahr 2005 besuchte Robert Bürchler erstmals als Aussteller die grosse Jagdausstellung in Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate. Dieses Jahr ist es das 19. Mal, dass er an der neuntägigen Ausstellung teilnimmt, als einer von zehn Händlern und unterstützt von drei oder vier Kollegen. Dort hat er eine Ausstellungsfläche von zu Beginn 30, dieses Jahr 120 Quadratmetern. «Alle der sieben Herrscher der Emirate, Scheiche, waren bereits einmal bei mir am Stand», erklärt Bürchler stolz und ergänzt schmunzelnd, einige seiner dortigen Kunden hätten ihn später im Stammhaus am Predigerplatz besucht und seien total erstaunt gewesen, sich in einem kleinen Laden wiederzufinden: «Eine gesponnene Sache für eine Einzelmaske wie mich aus dem Niederdorf!» Speziell sei das mit den Temperaturen. Während der Messe im September herrschen Temperaturen bis 48 Grad, während die Innenräume auf 18 Grad heruntergekühlt werden: «Alle kommen krank nach Hause, alles Intervenieren nützt nichts.»


Gute Nachbarschaft

Im Quartier fühlt er sich gut aufgehoben: «Es ist hier wie eine grosse Familie!» Er unterhält ein gutes Verhältnis mit den Nachbarinnen und Nachbarn der umliegenden Betriebe und Lokale. Er erinnert sich an die Nachbarin mit dem Lebensmittelladen, Hanni Schnell: «Zu ihrem 50-Jährigen kam ein Vierspänner der Brauerei Hürlimann vorbei und brachte einige Harassen Bier.» Er erinnert sich an den Brand eines Nachbarhauses am Predigerplatz, an die verschiedenen Betreiber des Restaurants «Schwänli» nebenan… «Ich habe viele kommen sehen, die teils kurz, teils lang geblieben sind, wieder gingen…» 

Und er resümiert: «Es ist ein angenehmes Klima hier. Es ist ein Für- und Miteinander, es hat sich hier ein Dorfcharakter bewahren können.» 


Elmar Melliger