Im Quartier unterwegs
Alljährlich besucht der Stadtrat ein Quartier respektive einen Quartierverein. Dieses Jahr war der Quartierverein Zürich 1 rechts der Limmat dran, am Freitag, 16. Mai 2025. Bei einem Rundgang durch die Altstadt kam man ins Gespräch.
Wie ein Staatsbesuch im Kleinen, mit einigen Unterschieden. Der Empfang mit militärischen Ehren auf dem Flughafen wird übersprungen, auch kein roter Teppich ist ausgerollt. Stattdessen findet man sich ein im «Kweer» an der Spitalgasse, morgens um 9 Uhr. Ein Gipfelitreffen sozusagen. Gastgeber ist der Quartierverein Zürich 1 rechts der Limmat, der natürlich nicht über ein Staatsgebiet verfügt, wenn auch den Altstadtbewohnerinnen und -bewohnern ein besonderes Mass an Selbstvertrauen nachgesagt wird und: sie fühlten sich als etwas Besseres. Wie die Zürcher in der Schweiz und die Schweizer in Europa.
An diesem Morgen dürfen die anwesenden Vorstandsmitglieder des Quartiervereins stellvertretend für das Quartier allerdings schon stolz sein und sich geehrt fühlen. Denn wenn auch keine ausländischen Staatsgäste eintreffen, so ist es doch die Zürcher Stadtregierung, der Gesamtstadtrat in corpore. Begleitet wird das neunköpfige Gremium vom Stadtschreiber Thomas Bolleter und dem Rechtskonsulenten Andrea Töndury.
Im hinteren Teil des Lokals steht und sitzt man dann in kleinen Gruppen zusammen. Hier, im früheren traditionsreichen «Barfüsser», abends auch heute von der queeren Community frequentiert, ist tagsüber Café-Betrieb durch «Vicafé», bis zum Teamwechsel um 17 Uhr mit Übergang zu Barbetrieb.
Der QV-Präsident Felix Stocker begrüsst die Gäste und spricht schon mal einige Themen an, welche im Quartier die Leute beschäftigen: das Wohnen, die Nutzung des öffentlichen Raums, Verkehrsfragen, Anlieferung, der «Imbiss Riviera» etc.
Platznutzung und -gestaltung
Gestärkt geht es auf die Runde. Der QV hat einen Rundgang mit einigen Fixpunkten vorgeschlagen. Unterwegs bietet sich Gelegenheit, mit Fragen aus dem Quartier direkt an die zuständige Person aus dem Stadtrat zu gelangen, eine seltene Chance.
Wenige Schritte nach dem Verlassen des Cafés steht man auf dem Zähringerplatz. Dessen hinterer Teil und der oben angrenzende Predigerplatz sind verstellt als Installationsplatz für die laufenden Werkleitungsbauarbeiten im Nieder- und Oberdorf, die noch bis anfangs 2028 dauern. Wie weiter mit dem Quartierplatz, lautet denn auch die Frage. Die Hälfte des Zähringerplatzes und der Predigerplatz ist bereits frei von Parkplätzen, die andere Hälfte des Zähringerplatzes, so ein Kompromiss im Quartier, wird weiterhin als Parkplatz genutzt.
Stadträtin Karin Rykart erklärt, dass ein Vorstoss im Gemeinderat von 2022 verlange, dass alle Parkplätze verschwinden sollen. Bis zum Ende der erwähnten Bauarbeiten 2028 werde man nichts ändern. Danach könnte es sein, dass die Autoparkplätze umgewidmet würden in Motorradabstellplätze. Stadträtin Simone Brander erklärt, dass 2028 eine sanfte Umgestaltung erfolgen soll: der Baumschutz soll erhöht, die Velos besser verteilt, die Boulevardflächen optimiert werden. – Zu besichtigen ist bei der Gelegenheit die Schautafel des QV, die seit einem Jahr im hintern Teil des Zähringerplatzes den digitalen Infofluss physisch, analog unterstützt.
Stadtrat Daniel Leuppi nimmt die Gelegenheit wahr und bezieht Stellung zur Frage der Zukunft des in der Weiterexistenz bedrohten «Imbiss Riviera» am Utoquai beim Bellevue: Das Gebäude müsste erneuert und der Imbiss neu ausgeschrieben werden, sei aber an dieser Stelle nicht bewilligungsfähig (wegen zu kleinem Gewässerabstand etc.). Deshalb könne der Imbiss nur noch bis Ende Jahr betrieben werden, danach setze die Stadt auf mobile Stände.
Nachtlärm und Boulevardflächen
Auf dem Hirschenplatz wird die Belastung der Innenstadt durch Nachtlärm angesprochen. Die zuständige Stadträtin Karin Rykart kennt das Problem. Seit dem Rauchverbot in Gaststätten halten sich die Gäste vermehrt im Freien auf, was zu Immissionen führt. Auch die 24-Stunden-Shops tragen dazu bei, zudem hat der Gemeinderat die Einführung sogenannter «Mediterraner Nächte» verlangt, die an sechs Sommerwochenenden den Betrieb bestimmter Lokale bis 2 Uhr nachts erlauben, was allerdings zu keinen grösseren Problemen geführt habe. So bleibt den Patrouillen der SIP (bis 22 Uhr) und der Polizei, bei nächtlichem Lärm einzuschreiten, dazu gebe es die Telefonnummer 117 und bei Veranstaltungen zusätzlich die Nummer der Veranstalter.
Auf dem Hirschenplatz ist die Ausweitung der Boulevardflächen deutlich zu sehen. Die Stadträtin bemerkt dazu, dass man im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie dem Gastgewerbe entgegengekommen sei. Und dabei hat man es dann belassen. Stadträtin Simone Brander erklärt, dass es für die Erweiterung der Boulevardfläche im Einzelfall eine Baubewilligung brauche und dass es dazu einen Leitfaden gebe, in dem die Mindestabstände etc. definiert seien. Bei Plätzen etwa müssen «wesentliche Teile» öffentlich zugänglich bleiben. Hier gelte es jeweils eine Balance zwischen den Bedürfnissen zu finden.
Hier auf dem Platz ist auch der glatt geschliffene Mittelstreifen in der neuen Pflästerung zu sehen, der hindernisfreies Fortbewegen ermöglichen soll. Allerdings sind hier regelmässig stolpernde und stürzende Personen zu beobachten. Unbeabsichtigter Nebeneffekt, wenn bauliche Massnahmen ihrerseits zu Verletzungen führen.
«Schauplatz Brunngasse»
An der Brunngasse 8 besucht die Gruppe den «Schauplatz Brunngasse», das ab 2018 mit städtischer Unterstützung eingerichtete und betriebene Kleinmuseum mit den mittelalterlichen Wandmalereien im Treppenhaus und in einer ehemaligen Wohnung, die eine grosse Sensation sind. Der Präsident des Trägervereins, Ron Epstein, begrüsst die Gäste. Ebenso richtet sich Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes SIG an die Gäste: Er bezeichnet die siebenhundertjährigen Malereien als ein Kulturgut von internationaler Bedeutung. Dölf Wild, der Initiant des Museums, doppelt nach und spricht von «Unesco-Weltkulturerbe-Status». Thomas Gamma gibt Erläuterungen zu den Malereien und führt durch die Geschichte der Juden in Zürich.
Wieder im Freien, kommt am Limmatquai der Verkehr zur Sprache. Wie kann das Fahrverbot besser durchgesetzt werden? Stadträtin Karin Rykart gibt zu bedenken, dass es viele berechtigte Fahrten gibt.
Velofahrende sorgen für Ärger in der Altstadt, wenn sie durch die Gassen rasen, das Tram links oder über das Trottoir im Haltestellenbereich rechts überholen, E-Trottis versperren den Weg. Die Stadträtin anerkennt das Problem mit den Velos, dem allerdings nicht leicht beizukommen sei. Und die E-Trottis: «Das nervt alle.» Diesbezüglich ist einiges geplant, etwa die Neuausschreibung mit klaren Vorgaben für die Verleihfirmen. Störende Fälle kann man jeweils direkt unter www.zueriwieneu.ch melden.
Quartiertreff und Wohnen
Der Weg führt nun an die Obmannamtsgasse 15 zum Quartiertreff Altstadthaus, wo die Leiterin Michèle Heri Michel das Haus vorstellt und zeigt. Die Räumlichkeiten im Hochparterre, der vordere und der hintere Raum – genannt Beiz 1 und Beiz 2 – samt Küchennische und der «Saal» für bis dreissig Personen im Souterrain sind schnell besichtigt. Die engen Platzverhältnisse sind ein Grund dafür, dass das Altstadthaus mit seinen Angeboten oft im öffentlichen Raum auftritt.
An der Unteren Zäune wird das Thema Wohnen angesprochen. Wie kann der Zufallsgenerator bei der Vergabe städtischer Wohnungen den Quartierbezug besser berücksichtigen? Stadtrat Daniel Leuppi: «Gar nicht.» Es gebe keine Sonderregelung für die Altstadt. Allerdings sei der Zufallsgenerator nur die erste Stufe bei der Vergabe. Der Entscheid werde von Menschen nach klaren Kriterien und dem Vieraugenprinzip getroffen. Es gebe keine Garantie oder ein Recht etwa auf eine grössere Wohnung, von denen es nur wenige im Angebot habe. Beim Einhalten der Regeln sei er «eisern». Der Ruf, dass bei der Vergabe nicht «gemischelt» werde, sei ein hoher Wert. Daran arbeite er seit zwölf Jahren.
Auf die Frage, welche Massnahmen die Stadt gegen Zweitwohnungsnutzungen treffe, antwortet Stadtrat André Odermatt. Man sei sich der Thematik bewusst. In städtischen Wohnungen ist die Nutzung als Airbnb untersagt. Man arbeite an einer Regulierung, allerdings sei der Rekurs gegen eine solche aus dem Jahr 2021 noch immer vor Bundesgericht hängig. Maliziös schmunzelnd ergänzt er, er gehe mal davon aus, dass niemand der Anwesenden im Ausland ein Airbnb nutze. – Die Stadt nehme das Thema Wohnen ernst, so sei extra jemand angestellt worden als «Delegierter Wohnen».
Trittliwiese
Kurze Zeit später erreicht man die Trittliwiese, ein versteckter Flecken, ein Idyll inmitten der Stadt. Fehlen tun nur weidende Kühe oder äsende Rehe. Die Nutzung steht Mitgliedern des Elternvereins Altstadt offen. Eine solche Regelung hat man in Absprache mit der Nachbarschaft vor über dreissig Jahren getroffen, um eine Übernutzung zu vermeiden. Genau dies steht nun scheinbar zur Debatte. Der Präsident des Elternvereins, Alex Goldsmith, erklärt die Bedeutung der Wiese für das Quartier, für die Altstadtfamilien. Sie stellt den einzigen Grünraum dar und wird rege genutzt durch Familien mit kleinen Kindern. Es gebe keine Alternative. Einer Öffnung für die ganze Bevölkerung sieht man deshalb mit Sorge entgegen.
Stadträtin Simone Brander sagt, es bestünden keine konkreten Pläne in dieser Sache. Falls es zu einer teilweisen Öffnung käme, würde das Quartier vorgängig einbezogen. «Allerdings», hält sie fest, «handelt es sich um einen öffentlichen Raum. Und der sollte zugänglich sein. Mehr Personen sollten Zugang haben.» Allenfalls könnte die Wiese über Nacht geschlossen werden.
Abschliessendes Mittagessen
Es ist Mittag geworden, die letzten Schritte führen an die Oberdorfstrasse, zum Restaurant «Weisser Wind». Hier gibt es zum Abschluss ein gemeinsames Mittagessen.
In ihrer Tischrede hält die Stadtpräsidentin Corine Mauch fest: «Die Altstadt ist einfach ein besonderes Quartier!» Früher hätte Zürich einzig und allein aus der Altstadt bestanden, erst durch die Eingemeindungen von 1893 und 1934 sei die Stadt gewachsen. Teile der Altstadt hätten nach Plänen von Karl Moser abgebrochen werden sollen. Stattdessen habe man sie saniert und sei heute froh darum. Die Altstadt gelte es zu erhalten. Sie sei inmitten der Wirtschaftsmetropole sozusagen das Herz von Zürich und habe ihre dörfliche Ausstrahlung behalten.
Das Essen hat gemundet, die Gespräche sind angeregt und in fast schon freundschaftlicher Atmosphäre, sodass man sich wohl einig ist: Das ist zu wiederholen!
Einen Besuch des Gesamtstadtrats im eigenen Quartier gibt es bei 25 Quartiervereinen allerdings nur alle 25 Jahre. – Da müssen wir nun alle tapfer sein und viel Geduld haben.
Elmar Melliger
