Brücke und Dorfplatz

Der Volksmund nennt die Rathausbrücke Gemüsebrücke und nennt das Kind beim Namen. Seit Menschengedenken nämlich findet hier ein Markt statt. Nun wird sie einem Ersatzneubau weichen.

Nicht nur zur Überbrückung der Limmat dient sie seit dem frühen Mittelalter. Nein, die Gemüsebrücke ist ein wesentlicher Aufenthaltsort in der Altstadt. Seit jeher findet hier (mit Unterbrüchen) ein Wochenmarkt statt, bis heute bieten Händler ihr Angebot die Woche über an. Touristen aus aller Welt machen hier einen Halt, ohne Gefahr zu laufen, vor ein nahendes Auto zu geraten, oder wenigstens mit minimer Gefahr.

Nun wird die Brücke demnächst abgebrochen, um einem Ersatzbau zu weichen. Nötig wird das Ganze wegen einem kantonalen Hochwasserschutzprojekt. Dieses besteht darin, Hochwasser infolge von Unwetter oder eines Dammbruchs beim Sihlsee von der Sihl durch einen Stollen zwischen Langnau und Thalwil in den Zürichsee zu leiten, um es von da durch die Limmat abfliessen zu lassen. Und hier stellt die Gemüsebrücke einen Engpass dar, der behoben werden muss. 

Dazu wird im Bereich der Brücke das Flussbett abgesenkt, ausgebaggert, und die neue Brücke weist schlankere, stromlinienförmige Brückenpfeiler auf. Der Sihlstollen ist bald fertiggestellt, nun folgt mit einiger Verzögerung der Brückenneubau.


Hilfsbrücke

Im März 2024 hat der Stadtrat das Projekt verabschiedet, im November wurde der zugehörige Baukredit in der Höhe von 58 Millionen Franken vom Stimmvolk angenommen.

Am 12. Januar 2026 beginnen die Bauarbeiten. Zunächst werden die Aufbauten abgebrochen und Bauinstallationen errichtet. Ab Frühjahr 2026 wird die Brücke abgebrochen und die Aushubarbeiten beginnen. Dabei bleibt solang wie möglich, bis etwa Mitte 2028, ein Durchgang für Fussgängerinnen und Fussgäner auf der länger bestehenbleibenden Nordseite der Brücke, also am flussabwärts gelegenen Rand. 

Ebenso wird eine Hilfsbrücke erstellt, die vom Weinplatz vor dem Hotel Storchen schräg über die Limmat zu liegen kommt und in Flussrichtung oberhalb des Rathauses zum Limmatquai stösst. Ca. ab Juni 2026 ist diese Brücke in beide Richtungen begeh- und befahrbar. Der Neubau der Brücke dauert bis Ende 2028, Fertigstellungsarbeiten werden 2029 ausgeführt.


Brücke ohne Aufbauten

Die neue Brücke wird sich schlanker über den Fluss legen als die bisherige des Architekten Manuel Pauli aus dem Jahr 1972/73. Die heutigen Aufbauten mit einem Angebot an Speis und Trank und einem der wenigen in der Umgebung verbliebenen Kioske mit Zeitungsangebot: Sie verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Es mag der Schönheit der neuen Brücke zuträglich sein, aber vermisst werden die bestehenden Angebote mit Sicherheit. Hier verpflegen sich Angestellte aus der Nachbarschaft in der Mittagspause ebenso wie sich Reisende bei einer Rast eine Stärkung gönnen, mit Blick auf Fluss und Altstadt.

Die neue Brücke wird etwa um die halbe Fläche der Aufbauten schmäler und überquert die Limmat trapezförmig mit beidseitigen Geländern anstelle der massigen Betonränder. Beidseitig bieten lange Bänke Sitzgelegenheiten mit Blickrichtung flussauf- oder flussabwärts oder zur Brückenmitte.


Wochenmarkt wie bisher

Immerhin wird der samstägliche Wochenmarkt wieder hier stattfinden können, das lässt die verschmälerte Brücke noch zu und war eine Projektvorgabe. Auch weitere Aktivitäten wie ein Bring- und Holtag sowie Versammlungen und Darbietungen aller Art finden hier auch künftig ihren Platz, ebenso die beliebte nostalgische Rösslirytschuel. 

Denn seit Jahrhunderten hat die Brücke eben nicht nur die Funktion der Überquerung der die Altstadt durchfliessenden Limmat, von Einheimischen scherzhaft Jordan genannt, sondern sie hat Platzcharakter. Das Zusammenkommen, das Soziale war an dieser Stelle schon immer wichtig.


Elmar Melliger