Herzbaracken-Poesie geht weiter

Sie leiteten die «Herzbaracke», das schwimmende Theater am Bellevue: Gründer und Erbauer Federico Emanuel Pfaffen (77) und Nicole Gabathuler (44). Jetzt übernimmt das Amt für Ideen mit Christian Jott Jenny und Rebecca Bretscher. Das Lebenswerk bleibt also in «Dörflihand».

Federico Emanuel Pfaffen und Nicole Gabathuler wirken tiefenentspannt, obwohl sie mitten in den Proben zum Tanz- und Sprech-Theater «Schrei» in der Wasserkirche stehen. Das hat einen triftigen Grund. Die beiden geben das schwimmende Salon-Theater «Herzbaracke» in neue, im Falle von Federico Emanuel Pfaffen, auch in jüngere Hände. 27 Jahre hat Pfaffen die «poetisch-zauberhafte Geschichte» aufgebaut und geleitet. Die letzten 18 Jahre war Nicole Gabathuler als Co-Direktorin mit an Bord. Wichtige Partner waren in all den Jahren – das ist Federico Emanuel Pfaffen ein Anliegen - die Stiftung Avina aus Hurden und die Firma Kibag, die der Herzbaracke stets einen sicheren Heimathafen bot. 

Loslassen ist nicht üblich

Nun beginnt für die beiden ein neuer Lebensabschnitt. Hoch anzurechnen ist Federico Emanuel Pfaffen, dem man die 77 Jahre überhaupt nicht ansieht, dass er von sich aus aufhört. Wie viele Leute gibt es doch, die nicht loslassen können, bis es plötzlich zu spät, ja peinlich wird. Aber nicht bei Federico Emanuel Pfaffen! «Die Übergabe stand schon länger im Raum, die Lösung kam genau im richtigen Moment», so der gebürtige Churer. Auf die Idee brachte ihn Freund Martin Fueter von der Condor Film. Fürs treue Publikum soll sich nicht all zuviel ändern, auch wenn man die liebevollen Programmierungen und Betreuungen durch Federico Emanuel Pfaffen und Nicole Gabathuler in der Herzbaracke natürlich vermissen wird. Pfaffen und Gabathuler leisten für die erste Zeit technische Unterstützung.

Christian Jott Jenny, den man kennt als Tenor Leo Wundergut mit seinem Staatsorchester, zudem als Chef des Amtes für Ideen an der Münstergasse und (ganz ernsthaft) als Gemeindepräsident von St. Moritz, verkörpert sicher die Wunschnachfolge. 

Jenny hat zudem einen engen Bezug zum «Dörfli», hat etwa das Freilichtspiel Trittligasse reaktiviert. Am 30. Oktober startet die neue Herzbarackensaison. Das Programm zusammengestellt hat schon das neue Team vom Amt für Ideen rund um Christian Jott Jenny und Rebecca Bretscher. Es verspricht wieder viele Trouvaillen. Musik ist Trumpf - von der Kapelle Alder über Blues Max und Carlo Brunner bis zu Richard Galliano, dem Weltstar und Zauberer am Akkordeon reicht das Repertoire.

Ein fester Wert und schon oft in der Herzbaracke dabei ist das Songschreiberduo Lisa Berg und David Ruosch. Einen Gastauftritt hat zudem Patrick Frey, der Schreiber, Kabarettist, Verleger und Schauspieler. Er erzählt aus seinem ereignisreichen Leben. Man darf sich also auf schöne und kurzweilige Abende am Bellevue freuen.

Bald kommt das Buch

Und wie geht es mit Federico Emanuel Pfaffen und Nicole Gabathuler weiter? Eben absolvierten sie die Dernière ihres Theaters in der Arche 2.0 in der Wasserkirche. Einmal sicher Durchschnaufen. «Die Herzbaracke war rund um die Uhr sehr, sehr viel Arbeit» sind sich die beiden einig. Nicole Gabathuler will sich nun neuen Projekten zuwenden, zurückkehren zu ihren Wurzeln in Kunst und Grafik.

Pfaffen wiederum hat in den letzten Jahren und vor allem in Schweden, wo die beiden oft den Sommer verbringen, sein reiches Leben mit all den Theater- und Regieprojekten zu Papier gebracht. Dankbar ist er Nicole, weil sie Ordnung in sein grosses Theaterarchiv gebracht hat, Corona sei ebenfalls Dank, da gab es viel freie Zeit.  «Besser kann man es einfach nicht machen», so Federico Emanuel Pfaffens Fazit. Er hat einen idealen Ver­leger gefunden, um das 613-seitige «Blätterbuch» (so lautet der offizielle Titel) herauszubringen. Es soll im Jahr 2026 erscheinen. So interessiert und vielseitig Federico Emanuel Pfaffen ist, wird wohl auch das «Blätterbuch».

Alle sind zu 99,9 Prozent zufrieden

Pfaffen, der schon fast sein ganzes Leben in der Altstadt wohnt, will vermehrt den Künstlerstamm in der Bodega besuchen. «Es hat sich dort etwas entwickelt, das fast ans Odéon erinnert», sagt Pfaffen, dessen Churer Dialekt unverfälscht tönt wie in den Gassen der Bündner Hauptstadt. Dort, wo ihn vor allem seine Mutter geprägt hat auf seinem Lebensweg. Doch als Heimat bezeichnet er heute die Altstadt hier in Zürich. Hier hat er, sehr oft zusammen mit Nicole Gabathuler, dem Publikum bei jeder Aufführung Freude bereitet. Oder in Pfaffens Worten ausgedrückt: «Unsere Gäste verliessen die Herzbaracke zu 99,99 Prozent überglücklich.»

Als Glück würde Pfaffen auch seinen Traum bezeichnen, künftig als Platzanweiser und Billetabreisser im Opernhaus Zürich arbeiten zu können. «So kann ich mir die Opernaufführungen verdienen», sagt Pfaffen lachend mit seinem typischen Schalk in den Augen. Zudem freut er sich, mehr Zeit mit seinen beiden Kindern und dem Enkel zu verbringen. 

Für die Altstadt wünscht sich Pfaffen, dass nicht nur die klassische Kultur in Form etwa eben der Herzbaracke erhalten bleibt, sondern auch die Kultur der Geschäfte. Der Käseladen, der Fischladen, die Bäckerei. «Es darf nicht sein, dass bald nur noch Turnschuhe verkauft werden», kritisiert Pfaffen die Tendenz. «Das sollte sich eine Stadt einfach nicht gefallen lassen.» Neben einem lebendigen Ladenmix  träumt Pfaffen zudem von einen Bouleplatz auf dem komplett autofreien Zähringerplatz. Federico Emanuel Pfaffen in Reinkultur, so wie er sich auch fast jede Woche mit einem pfeffrigen Leserbrief im «Tages-Anzeiger» zu Wort meldet. 

Es bleibt zu hoffen, dass Federico Emanuel Pfaffen und Nicole Gabathuler die Kultur in der Altstadt noch lange prägen. 

Lorenz Steinmann

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Die Idee zum Namen

Und so kam die berühmte Herzbaracke zu ihrem Namen. Das Schiff mit dem Namen Herzbaracke ist nicht die erste Variante eines schwimmenden Theaters. Bei einer Bauetappe musste Federico Emanuel Pfaffen enorm schwere Holzplatten herumschleppen. «Jetzt bekomme ich dann eine Herzbaracke», rief er aus. Seine Arbeitskolleginnen und Kollegen sagten alle «ich auch, ich auch». Und so war man sich grad einig, das dies der perfekte Name sein würde. Bis heute und hoffentlich auf ewig!