Auf dem Futon von Rikon
Christian Walti, der Grossmünster-Pfarrer, beschreibt ein symbolträchtiges Erlebnis, das zur Weihnachtszeit passt.
Von Christian Walti
Liegst du gern auf dem Badetuch oder doch lieber auf der Schaumkernmatratze, auf dem Sofa oder doch eher in der Hängematte? Die Vorlieben für Schlafunterlagen gehen weit auseinander. Welche Matte wir bevorzugen, ist nicht bloss situationsabhängig sondern fast schon ein Glaubensbekenntnis: Wer wir sind, was wir tun und vor allem wie es uns dabei geht, wird vorbestimmt dadurch, worauf wir liegen. Allerdings ist uns die Unterlage nur selten bewusst. Es muss schon etwas mit ihr nicht stimmen, dass wir sie überhaupt bemerken. Manchmal hat ein Sitz oder eine Matte auch eine ganz eigene Geschichte, auf die uns zuerst jemand aufmerksam machen muss. So wie in der folgenden, wundersamen Begebenheit aus meinem ersten Amtsjahr als Pfarrer am Grossmünster.
Für mein Mansardenzimmer in der Helferei wollte ich eine einfache Schlafunterlage, etwas leicht Verstaubares, das mir keine Rückenschmerzen macht. Ich liess mich beraten, dass Futon-Matten besonders gesund und praktisch seien. Also recherchierte ich im Internet und fand ein günstiges Second-Hand-Angebot. Kurz darauf setzte ich mich spätabends ins Auto und fuhr zu einer Adresse im Tösstal. Vor einem Mehrfamilienhaus bekam ich gegen Bargeld einen sorgfältig zusammengerollten beigen Futon überreicht. Die zierliche ältere Frau, die ihn mir verkaufte, meinte bei der kurzen Übergabe noch «darauf haben schon grosse Lehrer gesessen».
Ich aber schenkte in meiner Eile weder der Bemerkung noch der Frau besondere Aufmerksamkeit und fuhr mit der Matte zurück in die Helferei.
In den nächsten Wochen und Monaten ging es drunter und drüber mit neuen Aufgaben, Anlässen und vielen neuen Menschen. Die Futon-Matte musste erst einmal zusammengerollt in einer Ecke im Zimmer auf ihren ersten Gebrauch warten. Erst Monate später als ich einmal nachts lange wach lag, fiel sie mir wieder ein. Ich breitete sie am Boden aus, wechselte das Nachtlager und konnte darauf sofort einschlafen.
Ein wunderbar friedliches Schlafgefühl war das!
Wenige Tage später musste ich erneut ins Tösstal, dieses Mal aber offiziell als Grossmünster-Pfarrer. Im Rahmen der Woche der Religionen war ich für ein Podiumsgespräch über «Mitgefühl» im Tibet-Institut in Rikon eingeladen worden. Ich war gerade dabei, die tibetischen Mönche und den Abt des Klosters zu begrüssen, als mir eine ältere Frau ihre Hand reichte. Als ich sie genauer anschaue, sagt sie verdutzt: «Sind sie nicht der vom Grossmünster?» Und ich antworte «ja, der bin ich», ohne irgendetwas zu ahnen.
Worauf sie ganz bestimmt meint: «Sie haben meinen Futon!» Tatsächlich, es war die ältere Frau vom hastigen Kauf vor einigen Monaten.
Rosmarie heisst sie. Sie besucht seit Jahrzehnten buddhistische Kurse und Meditationen im Tibet-Institut ganz in der Nähe ihres Wohnortes im Tösstal. Den Futon hatte sie von einem buddhistischen Mönch und offenbar berühmten Meditationslehrer erworben. Und sie hat nachträglich wohl wegen eines Fotos in der Zeitung herausge-funden, dass der etwas kurzangebundene Käufer von damals der neue Grossmünsterpfarrer gewesen war. Wir tauschen unsere Kontakte aus und sind beide etwas verlegen, aber auch dankbar über das Wiedersehen.
Die unwahrscheinliche Begegnung in Rikon hat mit Advent und Weihnachten auf den ersten Blick herzlich wenig zu tun. Das Jesuskind schläft im Stroh in der Krippe und nicht auf einem Second-Hand-Futon. Und mit dem Warten auf einen Retter der Welt oder mit der Menschwerdung Gottes könnten wohl nur die wenigsten buddhistischen Lehrmeister etwas anfangen. Als Reformierter glaube ich aber nicht an reine Zufälle. Dass ich auf dem von zahlreichen tibetischen Lehrmeistern «vor-meditierten» Futon be-sonders gut schlafen kann, ist ja kein Wunder – und es ist doch irgendwie eines.
Die Begegnung mit Rosmarie und demTibet-Institut haben mich mit meiner Liegeunterlage neu verbunden. Und diese hat meinen Horizont erweitert.
Ich habe mich neu verwundert darüber, dass in dieser Welt letztendlich alles mit allem verbunden ist. Ist das nicht das «Mitgefühl», von dem alle grossen Glaubenstraditionen der Welt sprechen? Und mir wurde neu klar, dass jeder noch so beiläufige Kauf mehr ist als ein Tausch von Geld und Waren. Der eigentliche Wert der Ware liegt in der Begegnung – und die ist unbezahlbar, ein Geschenk, manch- mal der Schlüsselmoment in einer wundersamen Geschichte. Vielleicht sind die Päckli unter dem Christbaum in diesem Jahr ja auch in diesem Sinne «Geschenke». Meine Meinung über Second-Hand-Geschenke habe ich jedenfalls komplett geändert.
Der Nachfolger Zwinglis schläft nun friedlich auf einer buddhistischen Meditationsunterlage. Das hat für mich eine spirituelle Qualität: ich meditiere im Schlaf. Gelegentlich träume ich auch. Letzthin von einer interrerligiösen Krippenszene, in der ein tibetischer Mönch gleich neben dem Jesuskind im Stroh auf einem beigen Futon meditiert. Ein hoffnungsvoller, friedlicher Traum inmitten des Chaos und Elends dieser Welt. Fast so wie damals in Bethlehem: eine obdachlose Familie in der Notunterkunft im Stall, ein schlafendes Baby mit ungewisser Zukunft, Könige (oder waren es ja auch buddhistische Mönche?) aus dem Morgenland, die das alles schon lange gewusst haben. Weihnachten halt!