Mieter-Odyssee am Limmatquai
Die gute Nachricht: Bernhard und Gaby Kron von der Bellevue-Alp haben sich für ihren Laden vor Gericht ein Vormietrecht erkämpft für die Zeit nach der Sanierung des Theaters am Hechtplatz. Doch weil die Stadt nicht auf die Anliegen der langjährigen Mieter eingeht, droht das Ende.
Von Lorenz Steinmann
Es ist der letzte Tag im 2025. Der Laden von Bernhard und Gaby Kron an der Westseite des Theaters am Hechtplatz ist proppenvoll. Alle wollen noch etwas kaufen in der Bellevue-Alp, bevor am heutigen 31. Dezember die Schliessung ansteht. Die Stimmung ist gelöst beim gemischten Publikum. Touristen aus aller Herren Länder, Schnäppchenjäger aus Zürich, sowie Freunde und Bekannte des Ehepaars Kron, die sich noch verabschieden wollen. Bernhard (60) und Gaby Kron (59) wirken gefasst, sie sind Profis, die Kundschaft steht heute im Zentrum, bis auf weiteres aber ein letztes Mal.
Denn die berufliche Zukunft ist tiefschwarz. Warum? Aktuell wird das Gebäude saniert. Das Hechtplatztheater, das 1959 nach dem umsichtigen Plan von Architekt Ernst Gisel (1922-2021) eingebaut wurde, wird auf den neusten Stand gebracht. Laut der Stadt Zürich bedeutet dies der Einbau eines zweiten Fluchtwegs und eines barrierefreien IV-WCs, sowie die innere Erschliessung der WC-Anlage. «Das Projekt sieht ebenso einen kleinen Umbau der bestehenden Bar, des Kassenhäuschens sowie des Untergeschosses mit Garderobe, Werkstatt und Lager vor», ist den mittlerweile online einsehbaren Plänen der Stadt zu entnehmen.
Für Bernhard und Gaby Kron, aber auch für Walter Hüppi von der Weinhandlung Gentner Weine ist folgender Passus von existenzieller Bedeutung: «Für den Umbau müssen die bestehenden Ladenlokale verkleinert werden». Denn so nützt der hartnäckige Kampf und der Durch- haltewille, den Bernhard und Gaby an den Tag gelegt haben, wenig. Kampf und Durchhaltewille deshalb, weil sie sich vor Gericht und gegen die Stadt ein Vormietrecht nach dem Umbau erkämpft haben. Das macht durchaus Sinn, weil das Ehepaar Kron den Mietvertrag 2020 von ihrem Vorgänger übernommen hat. Die Firma Bellevue-Photo-Optik AG war unter der Leitung von Bruno Paul weitherum bekannt für die neusten und ausgefallensten elektronischen Geräte. So kann die Bellevue-Alp auf ein über 60-jähriges Mietverhältnis mit der Stadt zurückblicken.
Gewerbe? Unmöglich!
Nun ist es offiziell und amtlich: Künftig steht nur noch ein schmaler «Schlauch» als Ladenlokal zur Verfügung. Für Bernhard Kron ist klar: «So können wir unseren Laden unmöglich wieder eröffnen». Er geht sogar einen Schritt weiter und prognostiziert, dass hier gar kein Gewerbe mehr möglich sein könnte − wegen Platzmangel. Dabei stelle doch gerade dieser Teil des Hechtplatztheaters die historische Komponente dar. Tatsächlich wurden hier 1835 zwei Ladenpavillons erstellt, eine Art sympathische «Budenstadt». Davon ist aktuell aber nichts mehr übrig. Bei der anstehenden und bis Mitte 2027 dauernden Sanierung wirkt das Thema Läden wie ein ungeliebtes Anhängsel. So wurde die Mieterschaft auch null einbezogen bei den Umbauplänen, wie Bernhard Kron sagt. Man habe am 18. September
2023 dazu den bisher ersten und einzigen persönlichen Kontakt mit der Liegenschaftenverwaltung der Stadt Zürich gehabt. «Anlässlich dieses Termins wurden uns provisorische Pläne auf einem A4-Blatt ohne Masse nur eine oder zwei Minuten vorgelegt. Die Nachfrage ob wir fotografieren dürften, wurde vehement verneint, das Dokument sofort wieder eingepackt. Wir konnten aus diesen Plänen keinerlei Schlüsse ziehen.» Kron meine, sich zu erinnern, dass andere Räume geplant waren mit engen Platzverhältnissen für ein Verkaufslokal. Man habe aber versprochen, «dass wir rechtzeitig informiert würden, was in der Folge auf wiederholte (auch eingeschriebene) Anfragen kategorisch abgelehnt wurde». Darauf angesprochen, heisst es von der Stadt: «Ein Mitspracherecht der Mietparteien im Rahmen der Projektentwicklung besteht grundsätzlich nicht; dies gilt auch für das vorliegende Projekt». Eine Haltung, die Kron nicht verstehen kann: «Als pünktlicher Zahler und langjähriger Mieter seit über 60 Jahren, sozialer Brennpunkt in heimatgeschützter Lokalität (Budenstadt seit 1835), sollte man im Mindesten ein Recht auf Meinungsäusserung erhalten, was von der Liegenschaftenverwaltung in Anfragen stets ignoriert wurde».
Nicht alle wurden informiert
Zu dieser kategorischen Aussage der Stadt passt, dass die Anwohnenden und Betriebe aus der Umgebung im Dezember 2025 über die Umbaupläne informiert wurden, laut Kron nicht aber die eigentliche Mieterschaft. Ab dem 3. Januar 2026 waren die Pläne dann auch auf dem Hechtplatz ausgeschildert. Dazu nochmals die Liegenschaftenverwaltung, die eine andere Sicht der Dinge hat: «Wir haben beide Mietparteien zeitgleich und mit identischen Informationen bedient. Insbesondere wurden die Baupläne, ein- schliesslich der neuen Grundrisspläne beiden Parteien vor der Baueingabe zur Kenntnis gebracht». Zudem seien die Mieter über die Änderungen der Flächen sowie über die vorgesehene Dauer der Sanierung informiert worden.
Kron bleibt bei seinen Erlebnissen und fügt an, «dass eine Bewirtschaftung mit benötigter Ladeneinrichtung und Schaufensterauslage gegen jegliche brandschutztechnisch notwendige Kunden-Zirkulation mit entsprechender Fluchtmöglichkeit verstösst!» Ein Punkt, der nach der Brandkatastrophe im Wallis zusätzliche Brisanz gewonnen hat.
Bernhard Kron – Hochschulabsolvent mit Master-Abschluss in General-Management und entsprechender beruflicher Erfahrung − sieht im Hinblick auf die kommenden Stadtratswahlen Chancen, dass sich die Debatte um die Kommunikation der Ämter untereinander endlich positiv entwickeln könnte, «damit sich die Verwaltungen wieder um die unterschiedlichen Bedürfnisse und Interessen ihrer Klienten kümmern können».
Das Ehepaar Kron hatte übrigens doppeltes Pech in den letzten Jahren. Ihnen wurde auch noch die private Wohnung in der Stadt gekündigt. Nun haben Bernhard und Gaby Kron in Rafz eine neue Bleibe gefunden, im ehemaligen Polizeiposten. Dort können sie ihre Waren einlagern. Bernhard Kron setzt vorderhand auf den Onlinehandel und auf den Uhrenreparaturservice, der nach wie vor beliebt ist und lokal angeboten wird. Gaby Kron – sie führte jahrzehntelang ein Kosmetikstudio am Rennweg – geht zusätzlich stempeln, bis sie einen neuen Übergangsjob gefunden hat.
Ob die beiden je wieder in den Kreis 1 zurückkommen? Kampfgeist und Innovationskraft haben Bernhard und Gaby Kron. So darf man sich hoffentlich positiv überraschen lassen.
Und so lauten die Koordinaten: Bellevue-Photo-Optik AG, Bahnhofstrasse 18, 8197 Rafz, Telefon 044 261 54 84.
www.bellevue-alp.ch
