Fairness für alle oder unsoziale Lotterie?
Der Altstadt-Kurier hat sich im Politbetrieb umgefragt, wie die Haltung zum Zufallsgenerator bei der Vergabe städtischer Wohnungen sei. Heraus sticht Stadtratskandidatin Serap Kahriman. Sie lehnt die «Lotterie» ab.
Lorenz Steinmann
«Im Quartier wurden in den letzten zehn Jahren keine neuen Wohnungen gebaut». Diese krasse Aussage gilt gemäss den so genannten Quartierspiegeln der Stadt für die Quartiere Rathaus, City, Hochschulen und Lindenhof. Eben hat die Stadt die informativen Broschüren aktualisiert. Im ganzen Kreis 1 wurde also keine einzige neue Wohnung gebaut seit 2016. Dazu kommt, dass es in besagtem Gebiet praktisch keine Wohnungen von Baugenossenschaften gibt. Dafür aber liegen 20 Prozent der städtischen Wohnungen im Kreis 1.
Die hitzigen Diskussionen und auch Bemühungen um mehr Wohnraum und Neubauten nützen dem Kreis 1 also nichts. Vielmehr sind die City und die Altstadt auch offiziell ein Sonderfall. Kein Wunder, ist der ominöse Zufallsgenerator der städtischen Liegenschaftenverwaltung eines der Dauerthemen bei der Bevölkerung und auch im Quartierverein Zürich 1 rechts der Limmat. Bekanntlich müssen seit 2019 Menschen, die sich für eine freigewordene städtische Wohnung interessieren, zuerst die Hürde des Zufallsgenerators überstehen. So haben zwar in der ersten Phase jeder Wohnungsvergabe alle Bewerbenden die gleichen Chancen. Aber: «Der Zufallsgenerator hat kein soziales Gewissen», schrieb kürzlich das Portal «Nau». Quartiervereinspräsident Felix Stocker bemerkte dazu 2025 im Tagblatt: «Mehrere Familien mit Zuwachs sind bereits weggezogen. Sie hatten wegen des neuen Zufallsgenerators praktisch keine Chance, eine passende Wohnung zu finden.» Die Bevölkerungsstruktur im Quartier und der Zusammenhalt nähmen dadurch Schaden. Das bereite grosse Sorgen. Tatsächlich stellt das angewandte Zufallsprinzip den sozialen Zusammenhalt auf eine harte Probe. Grund: Langjährige, im Quartier verwurzelte Mieterinnen und Mieter finden keine passende Wohnung mehr.
Das Interesse am Quartiergeschehen nimmt ab, das Altstadthaus etwa hatte auch schon mehr Zulauf als heute. Wer sich im Quartier herumhört, nimmt dieses Thema sehr oft wahr.
Der Altstadt-Kurier hat im Hinblick auf die Gesamterneuerungswahlen vom 8. März alle amtierenden, respektive wohl nachrückenden Gemeinderätinnen und Gemeinderäte des Wahlkreises 1+2 dazu befragt. Plus die nochmals antretenden Stadträtinnen und Stadträte, sowie die neu Kandidierenden. Und so lautete die Frage: «Was halten Sie vom System und wären Sie dafür, dieses für den Kreis 1 anzupassen, indem Anwohnende soweit möglich ein Vormietrecht erhalten könnten?» Die durchaus pointierten und überaus zahlreich eingetroffenen Antworten lassen sich in drei Kategorien einordnen. «Ja zum System, Nein zum System plus das Ja, aber...».
Die klarste und zumindest aus Sicht des Quartiervereins hoffnungsvollste Antwort gab Stadtrats- und Stadtpräsidiumskandidatin Serap Kahriman. «Ich lehne den Zufallsgenerator ab. Staatliches Handeln darf keine Lotterie sein. Wenn die Stadt Wohnungen vergibt, muss das nachvollziehbar, überprüfbar und begründbar sein – sonst entsteht Willkür statt Vertrauen». Statt eines Zufallsgenerators brauche es klare, transparente Vergabekriterien, bei denen auch die Verwurzelung im Quartier angemessen gewichtet werden dürfe. «Wichtig bleibt dabei, dass die soziale Durchmischung erhalten bleibt», so die GLP-Politikerin.
Michael Schmid von der AL sagt: «Ja, ich fände es für den nachbarschaftlichen Zusammenhalt zum Beispiel sinnvoll, wenn Personen, die in den letzten zwei Jahren im Umfeld von einem halben Kilometer gewohnt haben, privilegiert werden bei der Wohnungsvergabe – sofern die Vorschriften zur Belegung und den finanzieller Ressourcen erfüllt sind». AL-Stadtratskandidatin Tanja Maag schlägt ein System für die ganze Stadt vor, wie es heute die Stiftung für Alterswohnungen praktiziere. «Ein auf Kriterien wie Dringlichkeit, Quartierbezug usw. basiertes Punktesystem. Zudem braucht der Kreis 1 ein vielseitigeres Angebot an Wohnungstypen, z.B. mehr Familienwohnungen».
SP-Gemeinderätin Cordelia Forde sagt: «Ich stehe für transparente und faire Vergabekriterien, bei denen auch die Quartierverankerung mitzuberücksichtigen ist». Und Stadtratskandidat und Kantonsrat Tobias Langenegger? «Inwiefern man das System anpassen müsste, kann ich nicht beurteilen, man müsste aber die bezahlbaren Wohnungen im Kreis 1 poolen, damit mehr Menschen eine für sie passende Wohnung finden und nicht aus dem Quartier verdrängt werden.» Und man müsse «Airbnb» und Business-Apartments sofort einschränken, damit nicht noch mehr bezahlbarer Wohnraum verloren gehe. Dieser Meinung ist übrigens genau auch Céline Widmer (SP), die ebenfalls Stadträtin werden will.
In eine ähnliche Kerbe schlägt SP-Gemeinderat Ruedi Schneider: «Das ist eine enorm schmerzhafte Herausforderung. Leider gibt es diese nicht nur in der Altstadt. Deshalb ist klar: Eine Ausnahme für ein einzelnes Quartier hätte im Gemeinderat keine Chance». Für ihn müsse «dringend bei den 14 Prozent Zweitwohnungen und 5,9 Prozent Business-Appartements in der Altstadt angesetzt werden, anstatt uns Mietende in Not gegeneinander auszuspielen».
SP-Gemeinderätin Lara Can lehnt spezielle Ausnahmeregelung für die Altstadt zwar ab, will aber weiterhin «für eine Kaufoffensive von Stadt und Genossenschaften» kämpfen. Ivette Djanova, die anstelle des zurücktretenden Michael Schmid (FDP) antwortet, ortet das Problem «nicht im Zufallsgenerator, sondern im exorbitanten Immobilienkauf durch die Stadt, welcher die Wohnungsnot verschärft und das Preisniveau in die Höhe treibt». Mehr private Bautätigkeit mit geringeren Bau-, Renovations- und Umnutzungshürden (z.B. Geschäftsräume in Wohnräume) würden die Problematik im Kreis 1 mildern. GLP-Gemeinderat Guy Krayenbühl ist der Überzeugung, dass «günstige städtische Wohnungen allen zur Verfügung stehen müssen, die die Voraussetzungen erfüllen». Dafür sorge der Zufallsgenerator.
Sibylle Krauer, Gemeinderätin Grüne hingegen unterstützt die Argumente des Quartiervereins. «Ich sehe es durchaus als gerechtfertigt, dass im Kreis 1 der Quartierbezug noch stärker gewichtet werden sollte als in anderen Quartieren».
FDP-Stadtratskandidatin Marita Verbali ist der Meinung, der Zufallsgenerator dürfe nicht isoliert auf den Kreis 1 reduziert werden. Es brauche aber Lösungen, die den sozialen Zusammenhalt insgesamt stärkten – stadtweit und über alle Wohnformen hinweg. Luca Maggi, Gemeinderat der Grünen, findet den Zufallsgenerator nicht per se schlecht, punkto Quartierbezug oder für Familien mit Verwurzelung im Quartier «sollte die Stadt prüfen, wie solche Kriterien in den Vergabeprozess integriert werden können». Dieser Meinung ist auch Stadtratskandidat Balthasar Glättli (Grüne). Karin Weyermann, Stadtratskandidatin der Mitte, sieht im Vergabesystem «gleiche Chancen für alle, die auf eine bezahlbare Wohnung angewiesen sind». So erachtet die Gemeinderätin «eine Ausnahmeregelung für einzelne Kreise als nicht sinnvoll».
Përparim Avdili, der für die FDP Stadtrat und Stadtpräsident werden will, möchte künftig «mit intelligenten Lösungen arbeiten, bei dem sowohl zusätzlicher Wohnraum geschaffen als auch der Verdrängung kann entgegengewirkt werden. Was nicht sein darf ist, dass einkommensschwache Menschen aus der Stadt verdrängt werden, während städtisch geförderter Wohnraum von sehr gut Verdienenden bewohnt wird».
Antony Goldstein bleibt bei der Beantwortung der Generatorenfrage vage, ist aber überzeugt: «Mit der derzeitigen politischen Mehrheit ist keine Veränderung denkbar».
Die amtierenden und nochmals antretenden Stadträtinnen und Stadträte verzichteten auf die Beantwortung dieser Frage. Wie es heisst, weil das System mit dem Zufallsgenerator per Stadtratsbeschluss beschlossen wurde. GLP-Stadtrat Andreas Hauri allerdings liess es sich nicht nehmen, Feedback zu geben: «Ich verstehe die Sorgen im Kreis 1 sehr gut. Wenn langjährig verwurzelte Menschen keine passende und bezahlbare Wohnung mehr in ihrem Quartier finden, ist das ein ernstes Problem». Als Stiftungsratspräsident der Stiftung Alterswohnungen der Stadt Zürich (SAW) setze er sich dafür ein, dass auch im Zentrum altersgerechtes und bezahlbares Wohnen möglich bleibe.
